{"id":285,"date":"2014-01-10T21:47:21","date_gmt":"2014-01-10T21:47:21","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/eingeuebte-selbstaufgabe\/"},"modified":"2014-01-10T21:47:21","modified_gmt":"2014-01-10T21:47:21","slug":"eingeuebte-selbstaufgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/eingeuebte-selbstaufgabe\/","title":{"rendered":"Einge\u00fcbte Selbstaufgabe"},"content":{"rendered":"<p>20.04.2004 &#8212;\u00a0<span class=\"txt-m-black\">Das h\u00f6rt sich etwa so an: Herzbl\u00e4ttchen, Trotzk\u00f6pfchen, Lacht\u00e4ubchen, Plapperm\u00e4ulchen, Zankteufelchen, Schmeichelk\u00e4tzchen, Goldblondchen, Nesth\u00e4ckchen . . . Was zur Not als infantilisierende Kosenamen f\u00fcr ein Kleinkind angehen mag, ist in Wirklichkeit ein Sammlung von Titeln einschl\u00e4giger Salonst\u00fccke, die um die Jahrhundertwende zum Repertoire der klavierspielenden \u00abh\u00f6heren Tochter\u00bb geh\u00f6ren.<\/span><\/p>\n<p>20.04.2004 &#8212; <span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">Das h\u00f6rt sich etwa so an: Herzbl\u00e4ttchen, Trotzk\u00f6pfchen, Lacht\u00e4ubchen, Plapperm\u00e4ulchen, Zankteufelchen, Schmeichelk\u00e4tzchen, Goldblondchen, Nesth\u00e4ckchen . . .<\/p>\n<p> Was zur Not als infantilisierende Kosenamen f\u00fcr ein Kleinkind angehen mag, ist in Wirklichkeit ein Sammlung von Titeln einschl\u00e4giger Salonst\u00fccke, die um die Jahrhundertwende zum Repertoire der klavierspielenden \u00abh\u00f6heren Tochter\u00bb geh\u00f6ren.<\/p>\n<p> Die Disziplinierung der heranwachsenden Frau im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert zeigt die M\u00e4dchenliteratur der Zeit auf: \u00abDie Protagonistinnen m\u00fcssen eine Leidens- und Bew\u00e4hrungszeit, die Erziehung, durchmachen, die in der F\u00fcgsamkeit in die Anweisungen anderer und in der Aneignung des f\u00fcr die \u201egute Gesellschaft\u201c streng normierten Verhaltenskodexes besteht, bevor sich am Horizont \u2013 in der Gestalt eines Mannes \u2013 ein gl\u00fcckliches Ende dieser Pr\u00fcfungszeit abzeichnet. Zu Beginn der Handlung manchmal ein wenig trotzig und widerspenstig (oder auch einfach noch ziemlich kindlich), schicken sich die M\u00e4dchenfiguren dieser Romane letztendlich freudig und ohne jeglichen Zweifel in ihre \u201eweibliche Bestimmung\u201c\u00bb (Andreas Ballstaedt\/Tobias Widmaier: Salonmusik, AfMW 1989. Auch die folgenden Zitate stammen aus diesem Buch).<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/200404titel.jpg\" border=\"0\" \/><br \/> <span class=\"txt-s-black\">\u00abMusikalische Vorstellung einiger biblischer Historien\u00bb<\/span><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> In dieser Erziehung spielt das Klavier als Instrument zur Disziplinierung eine nicht unwesentliche Rolle \u2013 gem\u00e4ss einer 1897 in Berlin ver\u00f6ffentlichten Befragung von Sch\u00fclerinnen einer \u00abh\u00f6heren T\u00f6chterschule\u00bb wurden etwa 25 Prozent der neuneinhalbj\u00e4hrigen M\u00e4dchen privat im Klavierspiel unterwiesen (a.a.O.). Die Wirkung dieses Unterrichts ist subtil, aber wirkungsvoll, verwandelt er doch den Fremdzwang, die Forderung nach Selbst\u00fcberwindung und Selbstdisziplin \u2013 gesch\u00e4tzte Tugenden der Frau \u2013 in einen Selbstzwang. Zudem wird im M\u00e4dchen \u00abauf diese Weise Disziplin nicht nur als innere Haltung ausgebildet und verankert,sondern auch als \u00e4ussere (&#8230;) Zu der Bewegungslosigkeit, die sie w\u00e4hrend des Unterrichts am Vormittag einzuhalten hatte, war sie auch vor der Klaviatur verdammt \u2013 aufrechtes Sitzen auf dem Klavierhocker, angewinkelte Arme, geschlossene Beine, Augen geradeaus\u00bb (a.a.O.)<\/p>\n<p> Damit ist ein mehrfacher Zweck erf\u00fcllt. Zun\u00e4chst ist da das Wohl und der Besitzstolz des Familienoberhauptes: \u00abEs kommt der Vater verstimmt nach Hause, weil sie ihm draussen im feindlichen Leben gar hart zugesetzt haben; da \u00f6ffnet das T\u00f6chterlein das Clavier, greift in die Tasten und singt dem Vater sein Lieblingslied \u2013 ist\u2019s nicht, als gienge auf dem Antlitz des Vaters die Sonne auf und scheuchte von dannen die b\u00f6sen Schatten?\u00bb (K\u00f6stlich: Die Tonkunst. Einf\u00fchrung in die \u00c4sthetik der Musik, 1879) <\/p>\n<p> Heiratsanw\u00e4rtern bietet das Spiel der jungen Frau im Salon, ohne als schamlos zu gelten, Gelegenheit zur eingehenden Musterung. Die streng reglementierte Brautschau ist einer der Urspr\u00fcnge der romantisierenden Auffassung der Musik als Sprache der Gef\u00fchle, \u00abdort wo die Worte aufh\u00f6ren\u00bb. Da es einer h\u00f6heren Tochter streng verboten ist, einem Angebeteten ihre Gef\u00fchle mittels Worten mitzuteilen, greift sie auf die Musik zur\u00fcck: Sie alleine ist imstande, \u00abdie geheimsten Regungen und Begebungen unseres Gef\u00fchls, dessen inneres Leben (&#8230;) durch Worte nicht beschrieben werden kann, zu offenbaren (&#8230;) Wenn die menschliche Rede verstummt, weil der Affect zu stark, zu tief, zu innig ist (&#8230;), da nimmt sie (die Menschenseele) zur Sprache der T\u00f6ne Zuflucht und singt und spielt, wie\u2019s ihr zu Muthe ist, oder l\u00e4sst sich\u2019s von Tonk\u00fcnstlern sagen, die es verstehen, in T\u00f6nen zu offenbaren, was ein Menschenherz bewegt und erregt in Freude und Leid, in Glaube und Hoffnung, in Sehnsucht und Liebe\u00bb (\u00abOeser: Briefe an eine Jungfrau \u00fcber die Hauptgegenst\u00e4nde der \u00c4sthetik, 21. Auflage 1878).<\/p>\n<p> Alles fromme W\u00fcnsche. Denn die Wirklichkeit sah schon damals anders aus. Die Folgen zeigen sich unausweichlich. Der Jahresbericht der K\u00f6niglichen Elisabethen-Schule in Berlin spricht f\u00fcr sich: \u00abBei der grossen Zahl der Klavierspielerinnen lassen die h\u00e4uslichen Arbeiten viel zu w\u00fcnschen \u00fcbrig, ihre Haltung ist matt und aufgeregt. Einige leiden an nerv\u00f6ser Unruhe, klagen \u00fcber h\u00e4ufigen Kopfschmerz und Schlaflosigkeit. Mit dem Alter der Sch\u00fclerinnen nehmen diese Erscheinungen zu. Es darf behauptet werden, dass an der Schw\u00e4chung und Nervosit\u00e4t vieler M\u00e4dchen die h\u00e4uslichen Musik\u00fcbungen mehr Schuld tragen, als die oft getadelte Schule.\u00bb Selbst Jaques-Dalcroze bemerkt: \u00abWie viele M\u00fctter lassen ihre bleichen T\u00f6chter ohne allen Erfolg Eispillen schlucken, statt sie f\u00fcr einige Zeit von den teuren Klavier\u00fcbungen zu dispensieren, wodurch sie all ihre jugendliche Frische wiedergew\u00e4nnen.\u00bb<\/p>\n<p> Dennoch halten sich die Klischees der Geschlechtermetaphysik hartn\u00e4ckig: Die Frau hat weniger Interesse an geistiger Kreativit\u00e4t, ihr \u00abSch\u00f6pfungsakt\u00bb ist die Geburt von Kindern; die Frau durchdringt die Welt nicht gedanklich, sondern sinnlich; die Frau ist eher rezeptiv als produktiv. Oder ganz einfach: die Frau hat weniger Talent als der Mann \u2013 sie versorgt ihn daf\u00fcr liebevoll, wenn er ersch\u00f6pft von seinen geistigen H\u00f6henfl\u00fcgen zur\u00fcckkehrt.<\/p>\n<p> Funktioniert hat das allerdings noch nie. Aber bietet nicht gerade die Musik der Romantik Belege f\u00fcr diese Vorstellungen? Existieren nicht auffallend weniger Kompositionen von Frauen als von M\u00e4nnern? Bleiben die vorhandenen nicht dem Epigonalen und Schematischen verhaftet? Eine solche Argumentation hiesse, Ursache und Wirkung verkehren. Denn wenn den derart sich selbst entfremdeten Frauen nichts anderes zur Verf\u00fcgung steht als eine Musik, die einzig auf das m\u00e4nnliche Empfinden ausgerichtet ist und die entsprechenden Klischees \u2013 Leiden an der Einsamkeit, Gef\u00fchle des Unverstandenseins, Genietum \u2013 kultiviert werden, so kann das Resultat nur unoriginell sein, im besten Fall gutes Handwerk. Denn, sieht man in der Musik ein Mittel der Kommunikation seelischer Befindlichkeiten \u2013 und nicht hysterisch verschl\u00fcsselter Botschaften \u2013, so erstaunt es nicht, dass Frauen nicht komponierten: Es wurde n\u00e4mlich auch sonst nicht erw\u00fcnscht, dass sie sich zur Sprache brachten. So sind denn viele der Kompositionen von Frauen aus dem neunzehnten Jahrhundert ersch\u00fctternde Zeugnisse einer Niederlage, einer Unterwerfung unter eine musikalische Sprache, die nicht die eigene ist; selbst im Emanzipationsversuch reproduzierten sie noch genau das Verhalten, das zu fliehen sie versuchen: die Identifikation mit der (sp\u00e4tb\u00fcrgerlichen) Welt des Mannes.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20.04.2004 &#8212;\u00a0<span class=\"txt-m-black\">Das h\u00f6rt sich etwa so an: Herzbl\u00e4ttchen, Trotzk\u00f6pfchen, Lacht\u00e4ubchen, Plapperm\u00e4ulchen, Zankteufelchen, Schmeichelk\u00e4tzchen, Goldblondchen, Nesth\u00e4ckchen . . . Was zur Not als infantilisierende Kosenamen f\u00fcr ein Kleinkind angehen mag, ist in Wirklichkeit ein Sammlung von Titeln einschl\u00e4giger Salonst\u00fccke, die um die Jahrhundertwende zum Repertoire der klavierspielenden \u00abh\u00f6heren Tochter\u00bb geh\u00f6ren.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-285","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=285"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}