{"id":286,"date":"2014-01-10T21:49:35","date_gmt":"2014-01-10T21:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/vogtland-heimat-der-instrumentenbauer\/"},"modified":"2014-01-10T21:49:35","modified_gmt":"2014-01-10T21:49:35","slug":"vogtland-heimat-der-instrumentenbauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/vogtland-heimat-der-instrumentenbauer\/","title":{"rendered":"Vogtland \u2013 Heimat der Instrumentenbauer"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">31.08.2004 &#8212; Das s\u00e4chsische Vogtland an der Grenze zu Tschechien bildete einst das Zentrum der weltweiten Produktion von Musikinstrumenten. Nach einem Jahrhundert des stetigen Niedergangs soll die Region wieder zu ihrer Bestimmung finden. Den Boden dazu legt das 1999 ins Leben gerufene einzigartige Projekt \u00abMusicon Valley\u00bb, das mittlerweile erste Resultate zeitigt.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><strong>31.08.2004 &#8212; Das s\u00e4chsische Vogtland an der Grenze zu Tschechien bildete einst das Zentrum der weltweiten Produktion von Musikinstrumenten. Nach einem Jahrhundert des stetigen Niedergangs soll die Region wieder zu ihrer Bestimmung finden. Den Boden dazu legt das 1999 ins Leben gerufene einzigartige Projekt \u00abMusicon Valley\u00bb, das mittlerweile erste Resultate zeitigt.<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00abFortschicker\u00bb nannte man die Kaufleute, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine goldene Nase verdienten \u2013 mit dem Vertrieb von Musikinstrumenten, die im Vogtland gefertigt wurden. Die meisten dieser Goldmarkmillion\u00e4re machten mit der Weltwirtschaftskrise in den dreissiger Jahren Pleite.<\/p>\n<p> Was folgte, war f\u00fcr die Handwerker, denen sie die Instrumente abgekauft hatten, allerdings auch nicht viel besser: Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die \u00abDemusa\u00bb (Deutsche Musikinstrumenten- und Spielwaren-Aussenhandelsgesellschaft) ein \u00abVolkseigener Aussenhandelsbetrieb\u00bb des DDR-Kombinates \u00abMusikinstrumente\u00bb die Sache in die H\u00e4nde. Sie verscherbelte die Qualit\u00e4tsinstrumente zwecks Devisengewinnung auch mal oft weit unter ihrem tats\u00e4chlichen Wert. Die traditionellen Familienbetriebe blutete man aus, indem man die S\u00f6hne daran hinderte, in die Fussstapfen der V\u00e4ter zu treten oder die Betriebe gleich verstaatlichte.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\" width=\"180\"><span class=\"txt-s-black\"> Materialtests am Institut f\u00fcr Musikinstrumentenbau Zwota <\/span><\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/musiconvalley7.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Als w\u00e4re das nicht schon genug, kams nach dem Fall der Mauer auch noch zum Raubbau. Die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte \u00abTreuhand\u00bb \u00fcbernahm die ehemaligen DDR-Firmen, westliche Interessenten weideten sie aus und bauten tausende von Arbeitspl\u00e4tzen ab. <\/p>\n<p> So sahen sich die Musikinstrumentenbauer in den neunziger Jahren mit einer desastr\u00f6sen Situation konfrontiert: \u00dcber Jahrhunderte organisch gewachsene Strukturen waren zerst\u00f6rt. Hinzu kam, dass sie nicht wussten, wer eigentlich ihre Kunden waren, hatte die Demusa sie dar\u00fcber doch v\u00f6llig im Dunkeln gelassen. Die Demusa wiederum existierte nicht mehr, und viele ihrer Dokumente waren vernichtet worden.<\/p>\n<p> H\u00f6hepunkt vor der Weltwirtschaftskrise<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/musiconvalley3.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>W\u00e4hrend des 19. Jahrhunderts hatte die Region s\u00fcdlich von Leipzig gebl\u00fcht: Nach dem Dreissigj\u00e4hrigen Krieg von protestantischen Fl\u00fcchtlingen aus B\u00f6hmen gegr\u00fcndet, wuchs die Produktion stetig. Markneukirchen, Zentrum der Region und Stadt der Geigenbauer, z\u00e4hlte 1790 52 selbst\u00e4ndige Meister, 1871 waren es 96, 1913 beherbergte der Ort 180 Geigen- und 23 Bassmacherwerkst\u00e4tten. <\/p>\n<p> In benachbarten Klingenthal florierte der Harmonika-Bau. 1862 wurde die \u00abAccordeon- und Mundharmonika\u00bb-Firma J. C. Herold &amp; S\u00f6hne gegr\u00fcndet, 1891 richtete Ernst Leiterd ein modernes Fabrikgeb\u00e4ude zur industriellen Harmonikafertigung ein, dessen Betrieb aber offenbar an Misswirtschaft und Verschwendungssucht zugrunde ging. 1907 hatten von den 1781 Harmonikafabriken Deutschlands 1395 ihren Sitz in Sachsen. Es war eine Zeit, in der die Fortschicker prunkvolle Villen errichteten, in Markneukirchen fand sich sogar ein eigenes amerikanisches Generalkonsulat. <\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/musiconvalley4.jpg\" border=\"0\" align=\"right\" \/>Auf dem Scherbenhaufen soll nun allerdings ein neues, modernes Gesch\u00e4ft entstehen. Dazu haben sich die Produzenten der Region zusammengeschlossen. Gelegen kam ihnen eine Initiative des deutschen Bundesministeriums f\u00fcr Bildung und Forschung, die sich zum Ziel gesetzt hat, regionale Initiativen zur Kooperation von Forschung, Bildung und Wirtschaft finanziell zu f\u00f6rdern. Im April 1999 wurde dazu der Wettbewerb InnoRegio ausgeschrieben, f\u00fcr den 444 Projekte eingereicht wurden. <\/p>\n<p> \u00abMusicon Valley\u00bb \u2013 Investition in die Zukunft <\/p>\n<p>Auf Initiative des in Markneukirchen pr\u00e4senten Consulting- und Softwareunternehmens Dr. Weiss &amp; Partner war auch das Projekt \u00abMusicon Valley\u00bb der landl\u00e4ufig \u00abMusikwinkel Deutschlands\u00bb genannten Region dabei. Neben den Produktionsbetrieben konnte das Vogtland daf\u00fcr auch das in Zwota \u2013 zwischen Markneukirchen und Klingenthal \u2013 beheimatete Institut f\u00fcr Musikinstrumentenbau, die Rehabilitationskliniken in Bad Elster, einem Kurort der Region, mit dem Forschungsinstitut f\u00fcr Balneologie und Kurortwissenschaft, und den Studiengang Musikinstrumentenbau der Fachhochschule Zwickau in die Waagschale werfen, der in Markneukirchen in einer ehemaligen Fortschicker-Villa angesiedelt ist. <\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/musiconvalley5.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Unter den gerade mal 23 Projekten, die schliesslich zu InnoRegio-Geldern gekommen sind, findet sich auch das \u00abMusicon Valley\u00bb. Wie Frank Bilz, der Marketingleiter des Projektes, im Gespr\u00e4ch mit Codex flores erkl\u00e4rt, habe man im Laufe von f\u00fcnf Jahren 9,2 Millionen Euro in innovative Projekte der lokalen Unternehmen stecken k\u00f6nnen. Die Pr\u00fcfung sei dabei \u00fcberaus streng gewesen. Beitr\u00e4ge gab es nur f\u00fcr die H\u00e4lfte der Kosten eines Projektes. Die andere H\u00e4lfte m\u00fcssen die Antragssteller mit eigenem Kapital abdecken. Realisiert werden zur Zeit gut 50 Projekte mit rund 200 Partnern, die F\u00f6rderquote liegt bei rund 50 Prozent.<\/p>\n<p> Darunter finden sich etwa Forschungen zur Rekonstruktion historischer Musikinstrumente, die Entwicklung einer Knopfgriffblasharmonika, einer Blues-Harp oder neuer Kontrabass- und Celliformen oder die Ausformulierung eines Qualit\u00e4tsstandards f\u00fcr vogtl\u00e4ndische Musikinstrumente. In den Kurb\u00e4dern wird zudem an der Entwicklung und Implementierung einer berufsmusikerspezifischen Pr\u00e4vention und Rehabilitation im Kur- und Rehabereich get\u00fcftelt. Dabei kommt es wiederum zur Zusammenarbeit mit den Handwerkern \u2013 wenn es darum geht, ergonomisch sinnvolle L\u00f6sungen f\u00fcr das Spielen von Instrumenten zu finden. <\/p>\n<p> Die \u00fcblichen Geburtswehen<\/p>\n<p> Aufbruch und Kulturwandel werden im \u00abMusicon Valley\u00bb nicht ohne heftige K\u00e4mpfe realisiert, wie Simone von der Ohe, die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Tr\u00e4gervereins im ersten Report des Projektes freim\u00fctig einr\u00e4umt. \u00abNat\u00fcrlich kann man nicht verschweigen, dass nicht allezeit eitel Sonnenschein herrschte, manch unsachliche Bemerkung oder einfach nur Fehlinformation zu kritischen Situationen f\u00fchrte und die eine oder andere Veranstaltung in einer nervenaufreibenden Diskussion m\u00fcndete\u00bb.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\" width=\"180\"><span class=\"txt-s-black\">In der Harmona Klingenthal werden wieder mehr der legend\u00e4ren Harmonikas der Marke \u00abWeltmeister\u00bb gefertigt.<\/span><\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/musiconvalley1.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Der Erfolg der unternehmerischen Eigenintiative in der Region bewirkt aber, dass man den Mut fasst, altehrw\u00fcrdige Traditionen wieder neu aufzunehmen. So hat man etwa begonnen, an die legend\u00e4re Bandoneon-Produktion, die 1964 eingestellt worden ist, neu anzukn\u00fcpfen. Die Musiker des argentinischen Tango werden es der Bandonion- und Concertinafabrik in Klingenthal verdanken, herrscht doch mittlerweile ein deutlicher Mangel an Originalinstrumenten aus der legend\u00e4ren Fabrikation von Alfred Arnold. Der Nachbau der AA-Instrumente ist allerdings trickreich, verleihen doch gerade die Unvollkommenheiten und Sperrigkeiten der historischen Instrumente dem Kultinstrument seinen speziellen melancholischen Charme. <\/p>\n<p> Bandoneons nach modernen Erkenntnissen zu bauen und so die Fehler des alten Arnold auszumerzen, f\u00fchrte bei ersten Versuchen zu keinem Erfolg, fehlte den allzu sauberen Kisten doch eben gerade der \u00abMugre\u00bb \u2013 der Schmutz \u2013 wie die Tangomusiker die authentischen Rauheiten ihres Sounds bezeichnen. Vor einigen Wochen ist es laut Bilz jedoch gelungen, den anspruchsvollen Bandoneonisten ein Instrument zu pr\u00e4sentieren, das diese als gleichwertigen Ersatz f\u00fcr ihre geliebten AA akzeptieren d\u00fcrften &#8211; der Bann, meint der Marketingleiter, sei endlich gebrochen.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/musiconvalley6.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"300\"><center><span class=\"txt-s-black\"> Dr.-K\u00f6hler-Parkklinik in Bad Elster, die zum Projekt \u00abMusicon Valley\u00bb ein Rehabilitationsprogramm f\u00fcr Musiker beisteuert.<br \/> <\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Andere Industriebereiche, die im Grunde genommen Zukunftspotential h\u00e4tten, sind auf der andern Seite praktisch tot und k\u00f6nnen trotz aller Bem\u00fchungen nicht mehr hochgebracht werden \u2013 etwa die Saitenproduktion, die 1940 noch 131 Betriebe z\u00e4hlte und den Welthandel dominierte. Sie wird heute gerade noch von einem einzigen Vertreter in Zwota am Leben gehalten: Wolfgang Frank, der 1982 beim letzten Obermeister der Markneukirchener Saitenmacher-Innung die Meisterpr\u00fcfung abgelegt hat, liefert vor allem massgeschneiderte Saiten f\u00fcr historische Instrumente und den ganz speziellen Ton des Jazzkontrabasses. <\/p>\n<p> Der schwierige Prozess der Neuausrichtung <\/p>\n<p> Bei unserem Besuch der Region schienen die Spannungen zwischen Tradition und Aufbruch greifbar. Die landschaftlich \u00fcberaus reizvolle Gegend wirkt idyllisch und abgelegen \u2013 obwohl sie letzteres im Grunde genommen nicht ist, liegt sie doch an den Verkehrsadern, die M\u00fcnchen mit Leipzig und N\u00fcrnberg mit Dresden verbinden. Die Menschen sind freundlich, aber auch zur\u00fcckhaltend, und an der Diskretion, mit der sie etwa ihre Handwerksbetriebe in Markneukirchen ausschildern (oder eben nicht ausschildern) l\u00e4sst sich ablesen, dass da ein stolzer Stand am Wirken ist, dem alles Marktschreierische im Grunde zuwider ist. Gespr\u00e4che mit Pers\u00f6nlichkeiten wie Frank Bilz zeigen auf der andern Seite, dass das Unternehmen \u00abMusicon Valley\u00bb viel Zugkraft entwickelt und zeitgem\u00e4sse Dynamik ins Vogtland zu bringen in der Lage ist. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><strong><br \/><\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">31.08.2004 &#8212; Das s\u00e4chsische Vogtland an der Grenze zu Tschechien bildete einst das Zentrum der weltweiten Produktion von Musikinstrumenten. Nach einem Jahrhundert des stetigen Niedergangs soll die Region wieder zu ihrer Bestimmung finden. 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