{"id":291,"date":"2014-01-10T21:57:40","date_gmt":"2014-01-10T21:57:40","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/die-rolle-der-musik-in-der-nationalen-politik\/"},"modified":"2014-01-10T21:57:40","modified_gmt":"2014-01-10T21:57:40","slug":"die-rolle-der-musik-in-der-nationalen-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/die-rolle-der-musik-in-der-nationalen-politik\/","title":{"rendered":"Die Rolle der Musik in der nationalen Politik"},"content":{"rendered":"<p>02.06.2006 &#8212; <span class=\"txt-m-black\">Christine Egerszegi ist nicht nur Vizepr\u00e4sidentin des Schweizer Nationalrates, sondern in Bern auch Pr\u00e4sidentin der Parlamentarischen Gruppe Musik. Codex flores hat die Aargauer FDP-Vertreterin zur Bedeutung der Musik in der nationalen Politik, den Umbr\u00fcchen in der Bildungslandschaft und den liberalen Postulaten in der Kulturf\u00f6rderung befragt.<\/span><\/p>\n<p><strong>02.06.2006 &#8212; <span class=\"txt-m-black\">Christine Egerszegi ist nicht nur Vizepr\u00e4sidentin des Schweizer Nationalrates, sondern in Bern auch Pr\u00e4sidentin der Parlamentarischen Gruppe Musik. Codex flores hat die Aargauer FDP-Vertreterin zur Bedeutung der Musik in der nationalen Politik, den Umbr\u00fcchen in der Bildungslandschaft und den liberalen Postulaten in der Kulturf\u00f6rderung befragt.<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><em><strong>Codex flores:<\/strong> Sie sind Pr\u00e4sidentin der Parlamentarischen Gruppe Musik (PGM). K\u00f6nnen Sie erkl\u00e4ren, was f\u00fcr Aufgaben eine solche Gruppe erf\u00fcllt? <\/em><br \/> <strong>Christine Egerszegi:<\/strong> Es gibt parlamentarische Gruppen zu Themen wie Handel und Industrie, Gesundheits- und Verkehrspolitik, Kultur oder Sport, aber auch zu geografischen Regionen. Sie alle dienen als Sprachrohr f\u00fcr bestimmte regionale oder thematische Anliegen. Die PGM hat 76 Mitglieder aus allen Parteien. <\/p>\n<p> <em>Was wird damit bezweckt? <\/em> <br \/> Die Gruppe m\u00f6chte denen eine Lobby geben, die Musik machen oder vertreiben oder Musikantinnen und Musikanten ausbilden \u2013 um zum Beispiel bei der Diskussion von Gesetzesvorlagen oder Budgets mehr Gewicht zu haben. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; <br \/><strong>Die Weblinks<\/strong><br \/> Bundesamt f\u00fcr Kultur:<br \/><a href=\"http:\/\/www.bak.admin.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.bak.admin.ch<\/a><br \/> Bundesamt f\u00fcr Berufsbildung und Technologie:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.bbt.admin.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.bbt.admin.ch<\/a><br \/> Fachhochschule Nordwestschweiz<br \/><a href=\"http:\/\/www.fhnw.ch\" target=\"blank&quot;\" rel=\"noopener noreferrer\">www.fhnw.ch <\/a> <br \/> Liberales Institut<br \/> <a href=\"http:\/\/ger.libinst.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ger.libinst.ch<\/a> <br \/> Centre Culturel Suisse in Paris<br \/> <a href=\"http:\/\/www.ccsparis.com\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.ccsparis.com<\/a> <br \/> &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <em>Konkrete politische Kompetenzen besitzt eine solche Gruppe aber nicht? <\/em> <br \/> Nein, die Gruppen sind ausschliesslich Zusammenfassungen von Parlamentariern und Parlamentarierinnen, die dasselbe Anliegen vertreten. <\/p>\n<p> <em>Es gibt eine Gruppe zur Musik, aber keine zu Film, bildender Kunst oder Literatur. <\/em> <br \/> Es gibt eine Gruppe Kultur, die sich um alle kulturellen Bereiche k\u00fcmmert. Wir haben die Gruppe Musik als Gegengewicht zur sehr starken Gruppe Sport ins Leben gerufen. Der Sport hat einen eigenen Verfassungartikel und wird mit enorm grossen Beitr\u00e4gen f\u00fcr die Ausbildung der Sportstudenten gef\u00f6rdert. In der Musik haben wir nichts Ad\u00e4quates. <\/p>\n<p> <em>Und das ist ein Problem? <\/em><br \/> Wenn heute ein Kind Musikunterricht nimmt, dann bezahlen die Eltern den L\u00f6wenanteil selber. Wenn die Kinder den gymnasialen Weg gehen, dann k\u00f6nnen sie weiterhin subventionierten Unterricht nehmen. Machen sie eine Berufslehre, k\u00f6nnen sie aber noch so begabt sein; sie m\u00fcssen trotzdem f\u00fcr jede Minute Unterricht selber aufkommen. <\/p>\n<p> <em>Rechtsb\u00fcrgerliche Politiker d\u00fcrften bei der Forderung nach mehr Geld f\u00fcr die Musik einwenden, dass man sich weitergehende Staatsbeitr\u00e4ge daf\u00fcr nicht leisten k\u00f6nne. <\/em><br \/> Denen sagen die ihnen nahestehenden Musikverb\u00e4nde, dass sie ihre traditionellen Aufgaben im Stadt- und Dorfleben nicht mehr wahrnehmen k\u00f6nnen. Dann \u00e4ndern sie ihre Meinung. <\/p>\n<p> <em>Das heisst, die Gruppe ist ein Ort, an dem vor allem \u00dcberzeugungsarbeit geleistet wird. <\/em><br \/> Auf der einen Seite leistet die Gruppe \u00dcberzeugungsarbeit im Parlament, auf der andern schl\u00e4gt sie eine Br\u00fccke zu den Leuten an der Front. Nicht jeder Musikant hat einen schnellen Zugang zu Parlamentariern, vor allem wenn sie von ganz anderer Gesinnung und Mentalit\u00e4t sind. <\/p>\n<p> <strong>Ein parlamentarische Lobby f\u00fcr die Musik<\/strong><\/p>\n<p> <em>Wie sieht die praktische Arbeit der PGM aus? <\/em><br \/> Wir treffen uns immer am letzten Donnerstag einer Session. Zu den Treffen werden auch Vertreter der Bundes\u00e4mter und Leute von der Front eingeladen. Wir lassen uns von Experten Gesetzesvorlagen vorstellen. Die Einladungen werden vom Schweizerischen Musikrat geschrieben, der auch das Sekretariat unterh\u00e4lt. Unsere Anliegen finden so in die Fraktionen und Kommissionen des Parlamentes Eingang. <\/p>\n<p> <em>Bei welchen konkreten Gesch\u00e4ften war dies in letzter Zeit der Fall? <\/em><br \/> Aktuelle Beispiele sind das Gesetz zum Urheberrecht und das Kulturf\u00f6rderungsgesetz (KFG). Wir haben uns in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt f\u00fcr Berufsbildung und Technologie (BBT) aber auch mit den Ausbildungen auf Fachhochschulniveau befasst. Schliesslich war ein von Parlamentariern verlangter Bericht des Bundesrats zum Schweizer Musikleben ein Thema. <\/p>\n<p> <em>Die Gruppe scheint da schon weiter zu sein als die Musikprofis selber. Da kommt man nicht umhin, viele Partikularinteressen zu diagnostizieren, vor allem zwischen den Vertretern der sogenannten Kunstmusik und den eher bodenst\u00e4ndigen Traditionen. <\/em><br \/> Ich war k\u00fcrzlich an einem Trachtenchortreffen. Da hat eine Aargauer Sektion das Aargauerlied von Hermann Suter vorgetragen. Suter ist ein grossartiger moderner Komponist. Wo ist der Unterschied? Wenn es keine Breitenf\u00f6rderung mehr gibt, dann hat auch die Elite keinen Nachwuchs mehr. Die Grabenk\u00e4mpfe sind ein Fehler. <\/p>\n<p> <em>Wie l\u00e4sst sich eine st\u00e4rkere Gewichtung der Musik politisch durchsetzen? <\/em><br \/> Mit einem Verfassungsartikel. Die Sportf\u00f6rderung ist ja auch in der Verfassung verankert. Wir haben heute einen Verfassungsartikel Kultur und im dritten Absatz heisst es, der Bund f\u00f6rdert die Ausbildung, insbesondere im Bereich der Musik. Das ist alles, was \u00fcber die Musik in der Verfassung steht. <\/p>\n<p> <em>Das gen\u00fcgt nicht? <\/em><br \/> Nein, ich m\u00f6chte einen eigenen Artikel. Wir haben ja auch einen eigenen Artikel \u00fcber die Filmf\u00f6rderung. Und genauso m\u00fcsste man auch einen eigenen Artikel \u00fcber die Musik haben. <\/p>\n<p> <em>Welchen politischen Weg geht man, um so etwas durchzubringen? <\/em><br \/> Man lanciert eine Volksinitiative. <\/p>\n<p> <em>Eine solche ist konkret geplant? <\/em><br \/> Die Idee wird im Schweizerischen Musikrat diskutiert. Ich hoffe, wir werden dort so weit kommen und bin \u00fcberzeugt, dass man die n\u00f6tigen Unterschriften zusammenbringen w\u00fcrde. <\/p>\n<p> <em>Die Ausbildung ist das eine. Das andere ist die F\u00f6rderung von k\u00fcnstlerischen Projekten. Dazu liegt der Vorschlag zum bereits erw\u00e4hnten Kulturf\u00f6rderungsgesetz vor. Die Kulturschaffenden haben in der Vernehmlassung die darin geplante Idee von Schwerpunktprogrammen und Qualit\u00e4tskontrollen kritisiert. Sie sehen eine B\u00fcrokratisierung des Kulturlebens auf sich zukommen. <\/em><br \/> Wenn man Steuergelder beansprucht, geht das nicht ohne B\u00fcrokratie. Es geht auch nicht, ohne dass man eine gewisse Qualit\u00e4t beweisen kann. Man kann nicht einfach subventionieren, ohne sich Gedanken dar\u00fcber zu machen, welche Anforderungen erf\u00fcllt werden m\u00fcssen. <\/p>\n<p> <em>Es geht also vor allem um st\u00e4rkere Kontrollen? <\/em><br \/> Ein Gesetz alleine macht noch kein Kulturleben. Dazu ist auch die Eigeninitiative der Kulturschaffenden gefragt. Warum tun sich die Musikerinnen und Musiker nicht zusammen und sorgen daf\u00fcr, dass ein Schwerpunktprogramm konkret zur Musik entwickelt wird? <\/p>\n<p> <em>Das d\u00fcrfte in der heterogenen Musikszene schwierig werden. <\/em><br \/> Wenn man sich nicht einigen kann, dann erh\u00e4lt man zuletzt nichts. Es gilt, den gr\u00f6ssten gemeinsamen Nenner zu finden. Ich sehe diesen in der Ausbildung, im Zuf\u00fchren zur Musik. Auch der Bereich der Sozialversicherungen ist wichtig, und zudem gilt es, Auftritte und kulturelle Zentren im In- und Ausland zu st\u00fctzen. <\/p>\n<p> <strong>Die Fachhochschulen wandeln sich<\/strong><\/p>\n<p> <em>Die Ausbildung ist auch auf h\u00f6herer Stufe ein Thema. Wie sehen Sie die Stellung der Fachhochschulen im Vergleich zu den Universit\u00e4ten? <\/em><br \/> Ich bin im Rat der Fachhochschule Nordwestschweiz. Wir sind jetzt dabei, den Bereich Musik aus Basel mit der Schola und der Musikakademie als eigene Hochschule f\u00fcr Musik aufzunehmen, gleichberechtigt mit der P\u00e4dagogischen Hochschule und den Hochschulen f\u00fcr Gestaltung, Technik, Wirtschaft und Life Sciences. Sie soll eurokompatible Bachelor- und Masterabschl\u00fcsse anbieten k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> <em>Sehe ich das richtig, dass die Basler in dieser Hinsicht noch weniger weit sind als die Berner und Z\u00fcrcher? <\/em><br \/> In Basel bewegt sich jetzt einiges. Wir haben die n\u00e4chste Sitzung des Gesamtfachhochschulrates in der Musikakademie. Der Leiter der Musikakademie ist bereits heute integriertes Mitglied der Schulleitung. <\/p>\n<p> <em>In Sachen Ausbildung zeichnet sich auf Bundesebene ein Konflikt zwischen den Fachhochschulen und Bestrebungen des Schweizerischen Musikp\u00e4dagogischen Vereins (SMPV) ab, der eine eigene Akademie gr\u00fcnden m\u00f6chte. <\/em><br \/> Weshalb soll der Bund nicht auch eine Eidgen\u00f6ssische Hochschule f\u00fcr Musik f\u00f6rdern? Im Sport geht das mit der Hochschule in Magglingen ja auch. <\/p>\n<p> <em>In Sachen Ausbildung bewegt sich zwar einiges. Es f\u00e4llt aber auf, dass im Entwurf zum KFG das Bundesamt f\u00fcr Berufsbildung und Technologie (BBT) nicht einmal mehr erw\u00e4hnt ist. <\/em><br \/> Das ist eine gute Nachricht. Seit sich die Schweiz 1999 eine neue Bundesverfassung gegeben hat, sind alle Berufe gleichgestellt, seien sie k\u00fcnstlerisch, pflegerisch, technisch oder wirtschaftlich. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\" width=\"180\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> Zum Wesen der Kultur geh\u00f6rt, dass ihr der Staat den Rahmen nicht vorschreiben kann und auch ihre Ergebnisse nicht im voraus kennt.<\/strong><\/span><\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/060601egerszegi1.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Sie sehen da also einen Emanzipationsschritt? <\/em><br \/> Absolut. <\/p>\n<p> <em>Dennoch scheint dadurch eine wichtige Verbindung gekappt. Kultur ist heute zwar mit dem Schweizer Standortmarketing verkn\u00fcpft, hat aber keinen Link mehr zur Forschungsf\u00f6rderung. Zeitgen\u00f6ssische K\u00fcnstler verstehen sich aber eher als Forscher, denn als Standortvermarkter. <\/em><br \/> Alle Formen von Forschung, Entwicklung und Bildung \u2013 sei es in der Kunst, in der Musik, in der Wirtschaft, in der Technik \u2013 werden jetzt gleichberechtigt vom BBT betreut. <\/p>\n<p> <em>Was ist dann das Verh\u00e4ltnis zwischen BBT und dem Bundesamt f\u00fcr Kultur (BAK)? <\/em><br \/> Berufsausbildung und -ausf\u00fchrung ist heute im Volkswirtschaftsdepartement angesiedelt. Das BAK geh\u00f6rt zum Departement des Innern und hat bloss noch mit dem zu tun, was Ausbildung und Forschung hervorbringen. <\/p>\n<p> <em>Zeitgen\u00f6ssische Kunst versteht sich aber eben eher als Forschungs-, denn als Kulturprojekt. <\/em><br \/> Zeitgen\u00f6ssische Musik w\u00fcrde ich eher als Innovationsprojekt, als Weitergehen, Erfahrungen machen, Experimente machen im Rahmen einer Berufsaus\u00fcbung bezeichnen. Forschung ist in einem verwaltungstechnischen Sinn eine T\u00e4tigkeit von Fachleuten mit spezieller Qualifikation, die nicht einfach etwas aust\u00fcfteln, sondern sich f\u00fcr ganz gezielte wissenschaftliche Fragestellungen um Gelder bewerben. <\/p>\n<p> <em>Kann man diese Grenze wirklich so scharf ziehen? Es gibt grosse \u00dcberschneidungen, vor allem im Bereich der Kognitionswissenschaften, in denen ein zeitgen\u00f6ssisches Kunstprojekt als erkenntnisf\u00f6rderndes Experiment im Rahmen eines grossen Forschungsprojektes betrachtet werden muss. <\/em><br \/> Aber ein solches von Berufsleuten. Wenn es um Experimente und um k\u00fcnstlerische Produkte geht, dann kommt das BAK ins Spiel. Zum Wesen der Kultur geh\u00f6rt, dass ihr der Staat den Rahmen nicht vorschreiben kann und auch ihre Ergebnisse nicht im Voraus kennt. Die Forschung im wissenschaftlichen Bereich und die k\u00fcnstlerischen Experimente haben aber zugegebenermassen Parallelen. In der Grundlagenforschung sind viel Ziele auch offen. <\/p>\n<p> <em>Dann ist die Grenze dennoch wieder verwischt. <\/em><br \/> Nein. Das entscheidende Kriterium bleibt die berufliche Qualifikation. <\/p>\n<p> <strong>Der Fall Hirschhorn und seine Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p> <em>Wenn man das weiterdenkt, m\u00fcsste man auch von einem K\u00fcnstler, der politische Statements macht, die entsprechende Glaubw\u00fcrdigkeit durch Qualifikation verlangen. Wenn Thomas Hirschhorn zum Beispiel \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt, er weigere sich, solange in der Schweiz auszustellen, als der rechtskonservative Blocher Bundesrat sei, dann m\u00fcsste er zeigen k\u00f6nnen, dass er einem ernsthaften politischen Diskurs gewachsen ist. <\/em><br \/> Sie spielen auf die Ausstellung Hirschhorns im Centre Culturel Suisse in Paris an. <\/p>\n<p> <em>Genau. Sie hat einen Skandal provoziert, weil in einer Rahmenveranstaltung ein Schauspieler als Hund andeutungsweise auf ein Bild Blochers gepinkelt hat. Als Folge davon hat das Parlament die Gelder f\u00fcr die mitorganisierende Kulturstiftung Pro Helvetia um eine Million Franken gek\u00fcrzt. <\/em><br \/> Mit der Theaterszene konnte ich leben, ich war auch nicht f\u00fcr die K\u00fcrzung der Beitr\u00e4ge an die Pro Helvetia. Was mich selber hingegen unglaublich gest\u00f6rt hat, ist das Plakat zur Ausstellung. Es zeigt eine Szene aus dem Gef\u00e4ngnis Abu Ghraib. Dass man diese menschenunw\u00fcrdigen Bilder benutzt, um auf eine Ausstellung hinzuweisen und damit Geld zu verdienen, finde ich absolut inakzeptabel und abscheulich. Das habe ich den Verantwortlichen auch mitgeteilt. <\/p>\n<p> <em>Weshalb haben Sie die K\u00fcrzung trotzdem nicht gutgeheissen? <\/em> <br \/> Weil sie die Falschen trifft. Man bestraft diejenigen, die eine andere Art von Kultur machen. Ich finde das unfair. Ich bin aber auch der Meinung, dass ein K\u00fcnstler, der sagt, er komme nicht in die Schweiz, so lange Blocher Bundesrat ist, auch die Gradlinigkeit haben muss, keine Bundesgelder zu beanspruchen. In meiner Freizeit mache ich Kabaretttexte und greife auch Regierungsstrukturen an. F\u00fcr diese Arbeit beanspruche ich keine \u00f6ffentlichen Gelder, weil ich mir die Freiheit herausnehmen will, zu sagen, was ich will und dabei glaubw\u00fcrdig bleiben m\u00f6chte. <\/p>\n<p> <em>Da stellt sich auf der andern Seite die allgemeine Frage, wer eigentlich entscheidet, welche K\u00fcnstler in Rahmen eines Bundesprogrammes f\u00f6rderungsw\u00fcrdig sind. W\u00e4re da nicht ein System der Peer-Review denkbar, wie es sich in der Wissenschaft bew\u00e4hrt? <\/em> <br \/> Ich denke, da w\u00e4ren grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen n\u00f6tig. Wir werden die Frage im Rahmen der KFG-Beratung im Auge behalten m\u00fcssen. Statt dass man von der Produzentenseite her die Schwerpunktprogramme kritisiert, m\u00fcsste man aktiv werden und dazu m\u00f6glichst gute Vorschl\u00e4ge bringen. Die Verwaltung kann das nicht leisten. <\/p>\n<p> <em>Das w\u00fcrde eine Art Mentalit\u00e4tswandel in den Kulturkreisen selber bedingen. <\/em><br \/> Sich damit zu befassen?<\/p>\n<p> <em>Und auch ein bisschen extrovertierter und widerstandsf\u00e4higer zu werden. Martin Heller hat sich ja im Zusammenhang mit der Expo\u201902 beklagt, dass die in den Projekten engagierten K\u00fcnstler schnell Fersengeld geben, wenn es gilt, f\u00fcr ihre Anliegen politische oder wirtschaftliche Hindernisse zu \u00fcberwinden. <\/em><br \/> Bellen kann jeder, aber besser machen &#8230; da muss man an die S\u00e4cke. <\/p>\n<p> <em>Man kann ja auch vermuten, dass von unternehmerisch denkenden K\u00fcnstlern bessere Kunst gemacht w\u00fcrde. <\/em><br \/> Ob Kunst besser ist oder nicht, ist allerdings nicht immer sofort ersichtlich. Wenn es nur um solche Erfolge gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte Mozart wahrscheinlich keinen Auftrag erhalten. <\/p>\n<p> <em>Mozart ist ein gutes Beispiel. Er war n\u00e4mlich Unternehmer in eigener Sache und verzichtete aus freien St\u00fccken auf Protektion von einflussreicher Seite. Das hat seiner Musik sicher gut getan. <\/em><br \/> Das ist aber nur eine Seite seines Schaffens. Zum Teil musste er einfach schnell etwas machen, um Geld zu erhalten. Anderes liess er l\u00e4nger reifen. <\/p>\n<p> <strong>Grundz\u00fcge einer liberalen Kulturpolitik<\/strong><\/p>\n<p> <em>Die Idee, dass sich der Bund aus der Kulturf\u00f6rderung herauszuhalten hat, wird vor allem von Robert Nef, dem Leiter des Liberalen Institutes vertreten. Im Grunde genommen wird liberale Kulturpolitik heutzutage faktisch mit seinem Artikel \u00abKultur ist Sache der Kultur\u00bb gleichgesetzt, den die NZZ letzthin wieder aufgew\u00e4rmt hat. <\/em><br \/> Die Ansichten Nefs sind schon lange bekannt. Er hat sich in seiner Meinung auch nie ge\u00e4ndert. Dass der Bund keine F\u00f6rderaufgaben wahrnehmen soll, ist seine Haltung in allen Bereichen, auch in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder bei den Tagesschulen. Da unterscheiden wir uns gewaltig. Wenn es gesellschaftliche Anliegen gibt, die nicht allein zum Durchbruch kommen k\u00f6nnen, dann braucht es staatliche Hilfe, und zwar in jedem Bereich. Das gilt f\u00fcr die Energieversorgung, f\u00fcr die Tourismusf\u00f6rderung, f\u00fcr die Agrarpolitik. Und auch in der Kulturpolitik muss dies der Fall sein. <\/p>\n<p> <em>In den Genuss der F\u00f6rderung kommen aber vor allem etablierte Institutionen. Im Sinne einer liberalen Haltung m\u00fcsste der Staat doch vermehrt Eigeninitiative und unternehmerische Kr\u00e4fte st\u00e4rken. Aber gerade die freie Kulturszene, die diesen Idealen nachlebt, wird nur in sehr bescheidenem Ausmass gef\u00f6rdert. <\/em><br \/> Da sind wir beim Grundproblem. Wer namhafte staatliche Mittel will, muss gewisse Kriterien erf\u00fcllen. Man muss ein Haus \u00fcber l\u00e4ngere Zeit f\u00fcllen k\u00f6nnen. Dann gelten von staatlicher Seite Auflagen, die viele Freie nicht akzeptieren. Und wahrscheinlich ist es auch richtig, dass sie dies nicht tun, weil sie ihre Freiheit \u00fcber diese regelm\u00e4ssige Subventionierung stellen. Nur im selber gesteckten Rahmen k\u00f6nnen sie sich wirklich entwickeln. <\/p>\n<p> <em>Und die Qualit\u00e4tsfrage? <\/em> <br \/> Es ist keineswegs so, dass die staatlich subventionierte Kultur die gute Kultur ist und die freie Kultur diejenige, die darben muss. Alle haben ihren Platz im kulturellen Leben. Ohne dass man H\u00e4user hat, in denen es m\u00f6glich ist, Opern von h\u00f6chster Qualit\u00e4t aufzuf\u00fchren oder Schauspiele mit erstklassigen Regisseuren aufzuf\u00fchren, w\u00fcrde die Hochkultur verarmen oder w\u00e4re nur dem Ausland vorbehalten. Sie animiert junge Leute \u00fcberdies dazu, sich \u00fcberhaupt mit Kultur zu befassen. Auf der andern Seite braucht es auch experimentelle Freir\u00e4ume, in denen sich Kunstszenen frei entwickeln k\u00f6nnen. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<table style=\"width: 400px;\" cellpadding=\"4\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/060601egerszegi2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> Das allerwichtigste ist f\u00fcr mich, dass man allen Schichten der Bev\u00f6lkerung, allen Kindern, die M\u00f6glichkeit gibt, den Zugang zu einer kulturellen Bet\u00e4tigung zu finden.<\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Und die sogenannte Volkskultur? <\/em><br \/> Mich \u00e4rgert es, wenn gewisse K\u00fcnstler meinen, ein Trachtenchor sei weniger wert als zum Beispiel freies Musizieren. Das ist arrogant. Beides sind wichtige T\u00e4tigkeiten. Im Trachtenchor, in dem auch die Kunstmusik zum Zuge kommen kann, wird neben der Musik auch das soziale Leben besonders betont. Es ist anmassend, das als weniger wertvoll zu bezeichnen. <\/p>\n<p> <em>Welches sehen sie als ihr ureigenes Anliegen? <\/em><br \/> Das allerwichtigste ist f\u00fcr mich, dass man allen Schichten der Bev\u00f6lkerung, allen Kindern, die M\u00f6glichkeit gibt, den Zugang zu einer kulturellen Bet\u00e4tigung zu finden und dass man von der Idee etwas abkommt, dass in der Schule einzig Mathematik und Sprachen wirklich z\u00e4hlen und andere Bereiche eher fakultativ sein k\u00f6nnen. Ein solches Denken findet dann auch in der Ausbildung der Lehrkr\u00e4fte Niederschlag und kann zur Geringsch\u00e4tzung anderer T\u00e4tigkeiten f\u00fchren. <\/p>\n<p> <em>Das sind zwar urspr\u00fcnglich liberale Anliegen. Dennoch t\u00f6nen sie heute, als w\u00e4ren sie linkem Denken entsprungen. Weshalb ist es den Sozialdemokraten gelungen, das Thema Kultur in der Schweiz praktisch zu monopolisieren? <\/em><br \/> Das ist meines Erachtens eine Folge der 68er-Bewegung. Fr\u00fcher war die Kultur tats\u00e4chlich eine liberale Sache. Viele Liberale sind meines Erachtens selber schuld, dass dieses Heft entglitten ist. Aber das heisst nicht, dass die Kultur nicht ein liberales Anliegen w\u00e4re. F\u00fcr die grossen Industriellen und Unternehmerfamilien war es eine Ehrensache, sich kulturell zu engagieren. <\/p>\n<p> <em>Das erkl\u00e4rt auch, weshalb die grossen \u00abstaatstragenden\u00bb Kulturinstitutionen wie die Stadttheater, Museen und Opernh\u00e4user heute eher eine b\u00fcrgerlich-liberale Klientel haben. <\/em><br \/> Absolut. Sie verstehen ihren Auftrag aber durchaus in einem modernen Sinn. Innerhalb eines vorgegebenen, offenen Rahmens soll sich ihre Arbeit frei entfalten k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> <em>Wenn ich Sie richtig verstehe, so unterst\u00fctzen Sie auf der Bildungseite aus Gr\u00fcnden der Chancengleichheit die Intervention des Staates, auf der Seite der Kulturproduzenten w\u00fcrden sie aber unternehmerische Eigeninitiative erwarten. <\/em><br \/> Der Staat muss dort eingreifen, wo es etwas zu sch\u00fctzen gibt, wo jemand selber etwas nicht verwirklichen kann, oder um gleiche Bedingungen zu schaffen. Der Staat muss in die Ausbildung investieren, um allen einen guten Zubringer zu erm\u00f6glichen. Er muss die Ausbildung der Lehrkr\u00e4fte sichern. Eine Musikausbildung ist unglaublich teuer. Sie soll aber ungeachtet der eigenen materiellen Situation allen offen stehen, welche die Begabung dazu haben. In einem Land, das vier Kulturen hat, muss der Staat auch besorgt sein, dass nicht nur die Kultur der gr\u00f6ssten Bev\u00f6lkerungsgruppe gest\u00fctzt wird, sondern auch diejenige der Minderheitskulturen. Dann muss der Staat daf\u00fcr sorgen, dass die Kultur in andere L\u00e4nder weitergetragen wird.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><br \/><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>02.06.2006 &#8212; <span class=\"txt-m-black\">Christine Egerszegi ist nicht nur Vizepr\u00e4sidentin des Schweizer Nationalrates, sondern in Bern auch Pr\u00e4sidentin der Parlamentarischen Gruppe Musik. Codex flores hat die Aargauer FDP-Vertreterin zur Bedeutung der Musik in der nationalen Politik, den Umbr\u00fcchen in der Bildungslandschaft und den liberalen Postulaten in der Kulturf\u00f6rderung befragt.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-291","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kulturpolitik","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/291","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=291"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/291\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=291"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=291"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=291"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}