{"id":296,"date":"2014-01-10T22:06:02","date_gmt":"2014-01-10T22:06:02","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/klassische-musik-als-heimat-der-jungen\/"},"modified":"2014-01-10T22:06:02","modified_gmt":"2014-01-10T22:06:02","slug":"klassische-musik-als-heimat-der-jungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/klassische-musik-als-heimat-der-jungen\/","title":{"rendered":"Klassische Musik als Heimat der Jungen"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">18.10.2008 &#8212; Der Klarinettist, gelernte Orchestermusiker, Intendant und Konzertmanager Matthias Gawriloff ist in Bern neu Direktor des Symphonieorchesters. Codex flores hat sich mit ihm \u00fcber seine Pl\u00e4ne f\u00fcr das Ensemble unterhalten &#8211; und dar\u00fcber, was zeitgem\u00e4sses Kulturmanagement in einer mittelgrossen Stadt bewirken sollte.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>18.10.2008 &#8212; Der Klarinettist, gelernte Orchestermusiker, Intendant und Konzertmanager Matthias Gawriloff ist in Bern neu Direktor des Symphonieorchesters. Codex flores hat sich mit ihm \u00fcber seine Pl\u00e4ne f\u00fcr das Ensemble unterhalten &#8211; und dar\u00fcber, was zeitgem\u00e4sses Kulturmanagement in einer mittelgrossen Stadt bewirken sollte.<\/strong><\/p>\n<p> <strong>Codex flores:<\/strong> <em>Sie kommen nach Bern, und in zwei Jahren geht der Chefdirigent. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?<\/em><br \/> <strong>Matthias Gawriloff<\/strong>: Ich kenne Andrey Boreyko schon lange, wir sind eng befreundet, h\u00f6ren zusammen Jazzmusik und diskutieren die neuesten Tendenzen der Neuen Musik und der russischen Musik. Sein Weggang macht mich nat\u00fcrlich traurig, aber ich bin dennoch froh, dass ich diese zwei Jahre mit ihm habe. Danach soll es aber eine weiche Landung geben: Andrey Boreyko wird dem Orchester als Gast erhalten bleiben, wir planen bereits Termine und Programme.<\/p>\n<p> <em>Zwei Jahre sind in der Musikwelt ja nichts. Einen valablen Nachfolger zu finden, ist das \u00fcberhaupt realistisch?<\/em><br \/> \u00dcberhaupt nicht. Die kommenden zwei Jahre sind schon verplant. Ich bin deshalb froh, dass uns Andrey Boreyko als Gast nach wie vor zur Verf\u00fcgung stehen wird.<\/p>\n<p> <em>Wie soll der Wechsel konkret \u00fcber die B\u00fchne gehen?<\/em><br \/> Ich halte nichts davon, in einer Saison ohne Chefdirigenten lauter G\u00e4ste einzuladen, die nur ein Konzert dirigieren. Das w\u00e4re zu wenig, das k\u00f6nnte der Anfang vom Ende desjenigen sein, der in der Folge den Posten \u00fcbernehmen soll.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center><center><strong>Die Weblinks<\/strong><br \/> Webseite des Bern Symphonieorchesters:<br \/><a href=\"http:\/\/www.bsorchester.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.bsorchester.ch<\/a><br \/> Webseite von Matthias Gawriloff<br \/> (mit biografischen Angaben und weiteren Materialien):<br \/> <a href=\"http:\/\/www.klassikextra.de\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.klassikextra.de<\/a><\/center><center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Was ist denn Ihre Alternative?<\/em><br \/> Man k\u00f6nnte vier bis sechs Dirigenten einladen, die zwei- oder mehrmals kommen, und das \u00fcber zwei Jahre hinweg. Bisher habe ich mit diesem Prinzip Erfolg gehabt. Misserfolg &#8211; den kann es ja auch geben &#8211; haben Chefdirigenten meistens dann, wenn sie zum Beispiel nach einem Open-air zum musikalischen Leiter ernannt werden. Dann soll einer pl\u00f6tzlich Aufgaben \u00fcbernehmen, auf die er vielleicht gar nicht vorbereitet ist.<\/p>\n<p> <em>Wie findet man \u00fcberhaupt einen geeigneten Chefdirigenten?<\/em><br \/> Ich sammle Informationen. Ich sitze viel in Proben, ich spreche sehr viel mit den Musikern. Es wird auch eine Findungskommission geben. Es existiert hier im B\u00fcro eine vorz\u00fcgliche Dokumentation, in der festgehalten ist, wer in den letzten zehn Jahren in Bern dirigiert hat und wie diese Arbeiten beim Orchester angekommen sind. Die lese ich nat\u00fcrlich mit gr\u00f6sstem Interesse. Die Dirigenten kenne ich fast alle, mit vielen von ihnen habe ich bereits gearbeitet. Die grosse Frage ist: Wie passt das zusammen? Letztlich muss aber vor allem die Chemie stimmen.<\/p>\n<p> <em>Gibt es da im Berner Orchester eine Unit\u00e9 de doctrine oder ist das Ensemble gespalten?<\/em><br \/> Es gibt da schon eine starke Tendenz und ich habe auch schon gute Ideen, die ich heute nat\u00fcrlich nicht verraten werde, weil das intern noch nicht besprochen ist.<\/p>\n<p> <em>Welche Kompetenzen hat die Findungskommission?<\/em><br \/> Das gilt es festzulegen. Ich f\u00fchle mich jedenfalls als Gleicher unter Gleichen und werde eine beratende T\u00e4tigkeit aus\u00fcben. In dieser Saison kommen \u00fcbrigens sehr interessante Gastdirigenten, die ich schon gut kenne. Zum Beispiel G\u00fcnther Herbig, den ich sehr sch\u00e4tze. Ich bin gespannt, wie das Orchester auf solche G\u00e4ste reagieren wird.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 300px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"124\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/081007gawriloff3.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> \u00abMein Vorteil ist, dass ich selber Musiker bin, Musiker war. Ich kann mich mit allen Betroffenen auf Augenh\u00f6he unterhalten.\u00bb<strong><br \/><\/strong><\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Ich will Sie nicht aufs Glatteis f\u00fchren, m\u00f6chte Sie aber doch fragen, ob Sie sich eher als Advokat des Orchesters gegen\u00fcber der Verwaltung oder als Vollstrecker der Weisungen von Direktion und Geldgebern verstehen.<\/em><br \/> Das ist eine sehr gute Frage. Wer sich da aufs Eis begibt, der kommt schnell ins Rutschen. Mein Vorteil ist, dass ich selber Musiker bin, Musiker war. Ich kann mich mit allen Betroffenen auf Augenh\u00f6he unterhalten. Das BSO ist das siebte Orchester, das ich \u00fcbernehme. Mittlerweile spreche ich mit den Musikern als Musiker und mit den Advokaten als Advokat. Schliesslich mache ich mir mein eigenes Bild. Ich glaube, das sagt alles. <\/p>\n<p> <em>Da ist offenbar Diplomatie gefragt.<\/em><br \/> Absolut. <\/p>\n<p> <em>Wie sehen Sie das Verh\u00e4ltnis zwischen Symphonieorchester und Stadttheater. Das BSO hat ja, wie in einer mittelgrossen Stadt typisch, eine Doppelbelastung zwischen Konzert- und Operndiensten. Ist vorstellbar, dass man ein eigenes Opernorchester unterh\u00e4lt? In einem Dreispartenbetrieb d\u00fcrfte das allerdings schwierig werden.<\/em><br \/> Da geht die Diskussion in Bern nicht erst seit gestern hin und her. Das ist ein Dauerthema. Es gibt qualitative Unterschiede zwischen einem reinen Theaterorchester und einem Symphonieorchester.<\/p>\n<p> <em>In der Oper wird eher mit dem breiten Pinsel gearbeitet.<\/em><br \/> Das hat ein Theater nun mal so an sich. Das heisst aber auch, dass es zwei unterschiedliche Betriebe sind. Bern ist sehr dankbar, dass es ein \u00abKonzertorchester\u00bb zur Verf\u00fcgung hat, das auch die Oper bespielt. Das ist eine hohe Qualit\u00e4tsgarantie. F\u00fcr die Dienstzahlen hat das aber Folgen, und da finde ich es umso interessanter, auf was f\u00fcr einem hohen Niveau das Orchester dennoch musiziert.<\/p>\n<p> <em>Haben Sie Ihre F\u00fchler bereits in Richtung Theater ausgestreckt?<\/em><br \/> Den Intendanten Marc Adam kenne ich schon &#8211; wir sch\u00e4tzen beide das gute Essen in Bern. Alle Differenzen, die es zwischen Orchester und Theater mal gegeben haben soll, werden wir sicherlich vom Tisch wischen. Ich w\u00fcnsche mir eine produktive Zusammenarbeit. Aber das Orchester wird ein Symphonieorchester bleiben, das die Oper bespielt.<\/p>\n<p> <em>Hat das Orchester eigentlich Einfluss auf die Programmierung der Oper?<\/em><br \/> Nein, das Programm ist Sache des Intendanten. Sicher habe ich auch Ideen, und ich werde diese mit Herrn Adam sehr bald bei einem Glas Wein austauschen.<\/p>\n<p> <em>Wie steht es mit Tourneen und Aufnahmen? F\u00fcr ein Orchester, das im Gespr\u00e4ch bleiben will, sind sie wohl unabdingbar.<\/em><br \/> In Sachen CD-Aufnahmen ist man uns in Z\u00fcrich deutlich voraus, und zwar dank David Zinman, dem Dirigenten des Tonhalle-Orchesters. Seit dem Beethoven-Zyklus hat das Tonhalle-Orchester nicht nur in der Schweiz in dieser Hinsicht die Nase weit vorn. Wir haben eine gute Idee \u2013 soll ich schon sagen Angebot? \u2013 f\u00fcr das BSO mit Andrey Boreyko. Stichwort hier ist russische Musik.<\/p>\n<p> <em>Mit den Bedingungen, wie sie in einer mittelgrossen Sadt wie Bern herrschen, der Doppelverpflichtung von Konzert und Oper und einem Budget von etwa 12 Millionen Franken kann man in dieser Hinsicht keine grossen Spr\u00fcnge machen.<\/em><br \/> Man kann nicht so hoch springen. Und wir m\u00fcssen aufpassen, weil die Musiker schon jetzt stark belastet sind. Da den Mittelweg zu finden, ist schwierig. Grosses Lob an meine Vorg\u00e4ngerin Marianne K\u00e4ch. Sie hat das sehr gut im Griff gehabt. Im n\u00e4chsten M\u00e4rz &#8211; das ist ihr und nicht mein Verdienst &#8211; geht es auf Deutschlandtournee. Ich freue mich drauf.<\/p>\n<p> <strong>Tourneen bringen ein Orchester auf Touren<\/strong><\/p>\n<p> <em>Was bringen einem Orchester Tourneen?<\/em><br \/> Tourneen sind ungeheuer wichtig. Erst wenn man ein Werk auf Tournee vielleicht zehn mal spielt, erreicht man in den Konzerten die eigene Leistungsgrenze, bestenfalls Weltniveau. Es ist wichtig f\u00fcr die Musiker, das zu erleben. Auch der soziale Faktor ist \u00e4usserst wichtig. Der Zusammenhalt im Orchester wird durch Tourneen gest\u00e4rkt. Und die Musiker lernen den Chefdirigenten von einer ganz anderen Seite kennen, wenn er pl\u00f6tzlich zehn, statt bloss ein Konzert leitet. Ich plane bereits ein sehr interessantes internationales Tourneeprojekt, wir brauchen so etwas.<\/p>\n<p> <em>Da d\u00fcrfte einiges in Bewegung geraten. Orchester bilden ja einen eigenen sozialen Kosmos&#8230;<\/em><br \/> &#8230;um das mal vorsichtig auszudr\u00fccken; das ist eine Welt, die man vorher unbedingt kennenlernen sollte, bevor man den Beruf eines Orchestermusikers ergreift, sonst f\u00e4llt man auf die Nase. Ich bin auf die Nase gefallen. Dann habe ich eine Solistenkarriere angestrebt. Das hat sehr gut funktioniert, aber nat\u00fcrlich hat man seine eigenen Anspr\u00fcche, und ich habe diese Karriere wieder aufgegeben. Ich habe das Ensemble \u00abvon Kammermusik bis Jazz\u00bb erfunden. Der grosse Erfolg stellte sich mit den interaktiven Festivals in Niedersachsen ein, und mein Einstieg ins Kulturmanagement war gemacht.<\/p>\n<p> <em>Wie bewegen Sie sich in der Orchesterwelt?<\/em><br \/> Ich denke, die Musiker haben relativ schnell verstanden, dass ich mit ihnen auf Augenh\u00f6he spreche, weil ich selber mit der Seele Musiker geblieben bin. Das ist ein Vorteil.<\/p>\n<p> <em>Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit den Ch\u00f6ren der Stadt?<\/em><br \/> Chorwerke sind eine wunderbare Angelegenheit, und ich freue mich auf eine Zusammenarbeit mit den qualitativ hochstehenden Ch\u00f6ren, die wir hier in Bern haben. Es gibt aber nicht nur regionale, es gibt auch nationale Ch\u00f6re, die das Recht haben, mit professionellen Musikern zusammenzuspielen. Und es gibt auch hervorragende internationale Ch\u00f6re, die teilweise auch aus Laien bestehen. Wenn der Qualit\u00e4tsanspruch aller Beteiligten stimmt, dann bin ich der gr\u00f6sste Freund von Chormusik. <\/p>\n<p> <em>Und welche Solisten und Dirigenten s\u00e4hen Sie gerne in Bern?<\/em><br \/> Es gibt ganz fantastische Musiker, und zwar so viele, dass wir den Vorteil haben, ausw\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Das Niveau in der Ausbildung ist heute unglaublich hoch, und wir bekommen laufend Angebote von hervorragenden Musikern.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 360px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/081007gawriloff2.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Im traditionsreichen Bern agiert Gawriloff auch innerhalb eines wohlabgesteckten Rahmens.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <em>Pr\u00e4ferenzen werden Sie sicherlich haben.<\/em> <br \/> Ich liebe die junge Generation und ich finde, sie hat das Recht, gef\u00f6rdert zu werden. Spontan kommen mir die Cellistin Sol Gabetta, die argentinische Pianistin Gabriela Montero, die auch improvisiert, oder die Geigerin Lena Neudauer in den Sinn. Letztere m\u00f6chte ich in Bern auf jeden Fall sehen. Ich h\u00e4tte im Konzertprogramm gerne eine Kategorie, die jungen K\u00fcnstlern explizit eine Plattform bietet. <\/p>\n<p> <em>Entwertet sich die aktuelle Vielfalt beim Nachwuchs nicht selber? Fr\u00fcher hatte man herausragende Pers\u00f6nlichkeiten wie Stern oder Horowitz, Schulen, die man kannte und verfolgte. Heute scheint da eine diffuse Masse etwas zur Beliebigkeit zu neigen.<\/em><br \/> Da haben Sie v\u00f6llig Recht. Um da Akzente zu setzen, arbeite ich gerne mehrmals mit Musikern zusammen, \u00fcber Jahrzehnte immer wieder. Sie k\u00f6nnen davon ausgehen, dass ich mit Lena Neudauer nicht nur ein Konzert machen werde. Sie soll hier Kammermusik machen, sie soll ein Solokonzert spielen, sie soll nach zwei Jahren ein anderes Solokonzert spielen, sie soll nach drei Jahren noch einmal Kammermusik machen, so dass die Berner sie als Musikerin wirklich kennenlernen. <\/p>\n<p> <em>Das heisst, Sie m\u00f6chten gewisse Junge konsequent pflegen und aufbauen. <\/em><br \/> Und zwar nicht nur im solistischen, sondern auch im dirigentischen Bereich. Wobei bei den Dirigenten jung ein relativer Begriff ist.<\/p>\n<p> <strong>Urauff\u00fchrungen und Popul\u00e4res sollen ihren Platz haben<\/strong><\/p>\n<p> <em>Wie stehen Sie zu Urauff\u00fchrungen und zeitgen\u00f6ssischer Musik im Allgemeinen?<\/em><br \/> Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Neue Musik eine hervorragende Rolle spielte. Mein Vater war unter anderem ein Spezialist f\u00fcr Neue Musik. Heute habe ich deshalb ein sicheres Urteil \u2013 auch aus dem Bauch heraus &#8211; dar\u00fcber, was gute Neue Musik und was schlechte Neue Musik ist. Ein solches Urteilsverm\u00f6gen findet man in den Rundfunkanstalten, die dezidiert den Auftrag haben, Neue Musik zu spielen, nicht so h\u00e4ufig. Da wird oft jeder Mist gespielt und aufgenommen, solange es nur Neue Musik ist. Andrey Boreyko und ich haben in dieser Hinsicht den absolut gleichen Geschmack. Sie k\u00f6nnen davon ausgehen, dass wir Neue Musik so pr\u00e4sentieren, dass sie den Leuten gefallen wird.<\/p>\n<p> <em>Wie stehen Sie auf der andern Seite zu den popul\u00e4reren Konzertformen?<\/em><br \/> Moderne Formen des Konzertierens wie ein Open-air auf dem Bundesplatz oder eine Stummfilm-Begleitung m\u00fcssen gepflegt werden. Den Musikern macht es Spass, neben den Abonnements- oder Familienkonzerten solche Projekte zu realisieren. Dennoch bin ich da ein bisschen ambivalent. Von den Verantwortlichen werden solche Anl\u00e4sse eigentlich eher unter dem Stichwort Marketing gesehen. Mehr Publikum in Konzerte zu locken, wird ausschliesslich mit dem Thema Marketing in Verbindung gebracht. Das ist sehr kurzsichtig und f\u00fchrt zu einer Schieflage in der Gesellschaft. Kultur als Bonbon? Geht nicht! Stichwort kulturelle Identit\u00e4t!<\/p>\n<p> <em>Um was sollte es dabei sonst noch gehen?<\/em> <br \/> Ich glaube, wir m\u00fcssen uns der Verantwortung bewusst werden, die wir der Jugend gegen\u00fcber haben und sie f\u00fcr regelm\u00e4ssige Konzertbesuche gewinnen. Wir m\u00fcssen ihnen im Konzertsaal eine Heimat bieten. Das hat man in der letzten Zeit ein bisschen vergessen. Man macht sich etwas vor, wenn man f\u00fcr sechstausend Besucher ein Open-air veranstaltet und dann glaubt, man gewinne damit das zuk\u00fcnftige Publikum.<\/p>\n<p> <em>Ist der Gewinn Ihrer Ansicht nach eine Illusion?<\/em><br \/> In Neuss veranstalten wir im Sommer seit zehn Jahren Open-air-Konzerte &#8211; mit durchschnittlich siebentausend Zuschauern. Die geniessen das sehr. Von denen ist \u00fcber all die Jahre aber keiner anschliessend in die Abonnementskonzerte gekommen. Das ist ein komplett anderes, tolles Publikum. Diese Erfahrung haben wir nun mal gemacht. In jeder andern Stadt in Europa d\u00fcrfte das \u00e4hnlich sein.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 380px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> \u00abIn zehn Jahren werden wir merken, dass wir zwei, vielleicht sogar drei Generationen von jungen Leuten nicht geschult haben.\u00bb<\/strong><\/span><\/td>\n<td width=\"204\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/081007gawriloff4.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Abonnementskonzerte sind f\u00fcr ein Publikum gedacht, das Konzerte aus Gewohnheit besucht und gute Repertoirekenntnis hat. Bei den Jungen ist die Repertoriekenntnis nicht mehr da, weil sie in der Schule nicht mehr vermittelt wird.<\/em><br \/> Leider, leider ist das so. Man glaubt, wenn man nur genug Marketing mache, dann werde das schon. Das ist ein Denkfehler. In zehn Jahren werden wir merken, dass wir zwei, vielleicht sogar drei Generationen von jungen Leuten nicht geschult haben. Sie werden in zehn, f\u00fcnfzehn Jahren in den Konzerts\u00e4len fehlen. Dann wird es einen Einbruch geben, trotz der modernen Marketingmassnahmen. Repertoirekenntnis kann eine geistige Heimat sein. Wer tr\u00e4gt heute dazu Sorge?<\/p>\n<p> <em>Was geschieht dabei mit der Idee des Abonnementskonzerts?<\/em><br \/> Das ist eine Frage, \u00fcber die wir intensiv nachdenken. Es h\u00e4ngt entscheidend davon ab, wie man die Jugend erzieht. Ich halte es f\u00fcr zwingend notwendig, dass in den Schulen zweimal die Woche ein regelm\u00e4ssiger Musikunterricht stattfindet &#8211; als Pflichtfach. Das Ganze f\u00e4ngt nicht an, indem man modernes Marketing macht, es f\u00e4ngt ganz unten an.<\/p>\n<p> <em>In der Schweiz wird gerade die Initative \u00abjugend + musik\u00bb eingereicht, die die Musikbildung in der Bundesverfassung verankern will. Wenn sie angenommen wird, d\u00fcrfte es allerdings noch sehr lange dauern, bis ein Effekt zu sp\u00fcren sein wird. Das Problem mit dem Publikum stellt sich aber bereits jetzt.<\/em><br \/> Ich finde die Idee einer solchen Initiative grossartig. Die Kritik an \u00abzu langfristig\u00bb lasse ich nicht gelten. Daf\u00fcr denkt man dann ultrakurzfristig und organisiert sogenannte Events, die viel Gesch\u00e4ftigkeit, aber keine nachhaltigen Resultate erzeugen. Ich finde wir m\u00fcssen f\u00fcr unser Publikum Sorge tragen in unseren Konzerten, und die Politik muss daf\u00fcr sorgen, dass ein Gef\u00fchl f\u00fcr die geistige Heimat gerade in der Erziehung nicht verloren geht.<\/p>\n<p> <em>Man kann bei einer Weiterf\u00fchrung des Abonnementgedankens auf der andern Seite restaurative Tendenzen bef\u00fcrchten. Auch andere klassisch-bildungsb\u00fcrgerliche Institutionen werden ja zur Zeit wiederbelebt, etwa der Lateinunterrricht, und man kann sich fragen, ob das nicht sehr angepasst und r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt ist und die Jugend nicht wirklich erreicht.<\/em><br \/> Dass man der Spassgesellschaft Werte entgegensetzt, die etwas mit humanistischer Bildung zu tun haben, finde ich richtig. Ob man nun unbedingt Latein lernen muss, das w\u00fcrde ich auch zur Diskussion stellen, aber ich denke mal, eine Werteausbildung in Kunst, Musik, Tanz und so fort muss nicht gleich an die Waldorfschule delegiert werden; sie kann man in den Normalschulen stattfinden lassen. Hat die Schweiz Deutschland da etwas voraus? Sie hat eine Tradition, die ich in meinen Vortr\u00e4gen in Deutschland als Leuchtturm in der dunklen See hinstelle. Ist das wirklich so?<\/p>\n<p> <em>H\u00f6ren die Jungen im allgemeinen denn \u00fcberhaupt noch klassische Musik?<\/em><br \/> Laut der aktuellsten Studie zur Jugend, die Shell j\u00e4hrlich durchf\u00fchrt, ist die erste und weitaus h\u00e4ufigste Besch\u00e4ftigung von jungen Leuten Musikh\u00f6ren. Und das ist nicht immer nur Techno und R&#8217;n&#8217;B und HipHop und so weiter, sondern da spielt die klassische Musik in der Prozentzahl, die wir schon seit Jahrhunderten haben, immer eine Rolle.<\/p>\n<p> <strong>Die Jungen m\u00fcssen im Konzert ihre Freunde treffen<\/strong><\/p>\n<p> <em>Weshalb gehen die Jungen dann nicht ins Konzert?<\/em><br \/> In Gespr\u00e4chen am runden Tisch, die wir mit Jugendlichen in Neuss alle sechs Monate durchf\u00fchren, hat sich herausgestellt, dass sie im klassischen Konzert ihre Freunde vermissen. Wir m\u00fcssen also daf\u00fcr Sorge tragen, dass die Jugendlichen in den Konzerten ihre Freunde finden. Da gibt es zahlreiche Konzepte, wie man das machen kann. Schaffen wir doch eine Pausen-Lounge im Konzertsaal nur f\u00fcr Jugendliche. Da darf die Grossmutti nicht mit rein. Mit cooler Beleuchtung.<\/p>\n<p> <em>Man hat den Eindruck, dass die klassische Musik mit ihrer abgeschlossenen \u00c4sthetik das erotische Potential nicht hat, das die Jugendlichen f\u00fcr ihre Freizeit suchen.<\/em><br \/> Es gibt nat\u00fcrlich immer wieder die Kritik von Jugendlichen, klassische Musik sei nicht sexy, aber wenn man sie von fr\u00fchester Jugend damit konfrontiert, sieht das anders aus. Meine Kinder sind acht und zehn Jahre alt und wachsen in einem musikalischen Haushalt auf. Ich brenne f\u00fcr sie CDs, auf denen Comedians wie Otto, HipHop, Jazz und Klassik aufeinander folgen. Von Rachmaninow gibt es dort etwa ein Scherzando, das ist pure Popmusik &#8230; sinfonische. Da findet sich auch Scarlatti &#8211; purer Jazz! -, dann wieder Komiker, dann kommt Nina Hagen und so fort.<\/p>\n<p> <em>Und Ihren Kindern gef\u00e4llt das?<\/em><br \/> Nicht nur meinen zwei Girlies. In den Klassen meiner Kinder werden die CD wie Gold gehandelt. Wenn die beiden am Abend auf dem Wohnzimmerteppich noch etwas malen und das Radio l\u00e4uft mit klassischer Musik \u2013 etwa einer Mozart-Sinfonie -, dann wird eben nicht abgestellt. Warum? Weil die Musik ihnen vertraut ist. So einfach ist das. Oder?<\/p>\n<p> <em>F\u00fcr den typischen bildungsb\u00fcrgerlichen Besucher von Abonnementskonzerten t\u00f6nt das aber doch wie ein Ausdruck von Unkultur. Der redet dann von H\u00e4ppchenkultur.<\/em><br \/> Ach, mir soll doch keiner erz\u00e4hlen. wir seien in der Schule nicht auch so erzogen worden. Wir haben im Unterricht auch keine Bruckner-Sinfonie ganz durchgeh\u00f6rt, sondern wir haben uns diese und jene Stellen angeh\u00f6rt und besprochen. Nichts anderes tue ich auch. Ich garantiere Ihnen, dass meine Kinder schon bald in der Lage sein werden, eine Beethoven-Sinfonie vom Anfang bis zum Schluss durchzuh\u00f6ren, im langsamen Satz zu weinen und das dann auch zu geniessen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">18.10.2008 &#8212; Der Klarinettist, gelernte Orchestermusiker, Intendant und Konzertmanager Matthias Gawriloff ist in Bern neu Direktor des Symphonieorchesters. 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