{"id":297,"date":"2014-01-10T22:06:53","date_gmt":"2014-01-10T22:06:53","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/filmmusik-im-europaeischen-arthouse-kino\/"},"modified":"2014-01-10T22:06:53","modified_gmt":"2014-01-10T22:06:53","slug":"filmmusik-im-europaeischen-arthouse-kino","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/filmmusik-im-europaeischen-arthouse-kino\/","title":{"rendered":"Filmmusik im europ\u00e4ischen Arthouse-Kino"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">30.01.2009 &#8212; An einem Workshop des Forums Filmmusik hat der Regisseur Felix Tissi mit Studierenden Ausschnitte aus seinen fr\u00fcheren Filmen neu vertont. Im Codex-flores-Interview gibt er Auskunft \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Regie und Musik, den Alltag des Filmmusikers und die Wandlungen des Arthouse-Kinos im digitalen Zeitalter.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>30.01.2009 &#8212; An einem Workshop des Forums Filmmusik hat der Regisseur Felix Tissi mit Studierenden Ausschnitte aus seinen fr\u00fcheren Filmen neu vertont. Im Codex-flores-Interview gibt er Auskunft \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Regie und Musik, den Alltag des Filmmusikers und die Wandlungen des Arthouse-Kinos im digitalen Zeitalter.<\/strong><\/p>\n<p> <strong>Codex flores:<\/strong> <em>Sie haben im Rahmen der Solothurner Filmtage intensiv mit Filmmusik-Studierenden der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste gearbeitet. Diese haben kurze Ausschnitte aus einigen Ihrer Filme neu vertont und die Vertonungen zur Diskussion gestellt. Wie detailliert waren Ihre Vorgaben?<\/em><br \/> <strong>Felix Tissi<\/strong>: Ich habe den Inhalt des Filmes, von dem die Studierenden nur Ausschnitte erhielten, f\u00fcr sie zusammengefasst. Mit Blick auf die zu vertonenden Szenen habe ich umschrieben, was f\u00fcr eine Art von Musik ich mir vorstelle. Damit waren Anhaltspunkte da, allerdings sehr wenige. Die Situation hat nat\u00fcrlich nicht der Realit\u00e4t einer echten Filmproduktion entsprochen. Der Musiker hat bei einer solchen viel mehr Information, bevor er \u00fcberhaupt die ersten T\u00f6ne sucht.<\/p>\n<p> <em>Und wie haben Sie die Arbeit mit den Studierenden erlebt?<\/em><br \/> F\u00fcr mich war sie anstrengend, weil ich mich bei jeder neuen Variante, die da vorgef\u00fchrt wurde, auf etwas Neues einstellen und gleich sofort etwas dazu sagen musste. Ich habe versucht, mir nicht schon w\u00e4hrend des Abspielens der Beispiele eine Meinung zu bilden. Ich h\u00e4tte dann nicht mehr offen hingeh\u00f6rt. Dann ist aber das Licht angegangen, und alle haben darauf gewartet, dass ich sofort etwas sage. Das hat mich schon ziemlich unter Druck gesetzt.<\/p>\n<p> <em>Sie hatten ja auch das Original noch pr\u00e4sent. <\/em><br \/> Das ist richtig, ich musste auch Abschied nehmen von meiner eigenen Version. Das hat sehr viel Umdenken gebraucht. Auf der andern Seite waren die drei Tage aber auch sehr anregend. Es ist nat\u00fcrlich toll, wenn da Nachwuchsk\u00fcnstler Ausschnitte der eigenen Filme noch mal neu vertonen. Da sieht man pl\u00f6tzlich, wie man es auch h\u00e4tte machen k\u00f6nnen. Ich habe also auch etwas gelernt dabei.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center><center><strong>Die Weblinks<\/strong><br \/> Webseite von Felix Tissi:<br \/><a href=\"http:\/\/www.felixtissi.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.felixtissi.ch<\/a><br \/> Forum Filmmusik:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.forumfilmmusik.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.forumfilmmusik.ch<\/a> <br \/> Solothurner Filmtage:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.solothurnerfilmtage.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.solothurnerfilmtage.ch<\/a><\/center><center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Wie sch\u00e4tzen sie die Arbeiten der Studierenden ein. Haben Sie dem entsprochen, was man in realen Produktionen auch zu h\u00f6ren bekommt?<\/em><br \/> Es war f\u00fcr mich eine Werkstattsituation. In der Realit\u00e4t l\u00e4uft es bestimmt nicht so wie wir das hier gemacht haben. Man kann deshalb kaum einen Vergleich ziehen.<\/p>\n<p> <em>Sie konnten sich die Musiker ja auch nicht aussuchen. <\/em><br \/> Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn ich eine Idee habe zu einem Film, dann versuche ich, die richtige Musik dazu zu finden, genauso wie ich einen Hauptdarsteller caste. Ich weiss, welche Musik derjenige macht, den ich anfrage. Hier war das anders. Die Workshop-Teilnehmer wussten zwar ungef\u00e4hr, was ich f\u00fcr Bilder mache. Ich wiederum hatte keine Ahnung, wo sie musikalisch herkommen und wusste deshalb auch nicht, wo ich sie abholen musste. H\u00e4tte ich mit ihnen &#8211; musikalisch gesprochen &#8211; griechisch, finnisch oder portugiesisch sprechen sollen? Eigentlich ginge die Arbeit jetzt erst richtig los, nachdem ich mir aufgrund der ersten Vorschl\u00e4ge ein Bild machen konnte. <\/p>\n<p> <em>W\u00e4ren die Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine Weiterarbeit vielversprechend? <\/em><br \/> Ich k\u00f6nnte keinen dieser Vorschl\u00e4ge eins zu eins in den betreffenden Film \u00fcbernehmen. Wir h\u00e4tten jetzt ein Diskussionsgrundlage, aufgrund derer wir weitere Ideen entwickeln k\u00f6nnten.<\/p>\n<p> <em>Wie w\u00fcrden Sie das handwerkliche und \u00e4sthetische Niveau der Absolventen einsch\u00e4tzen?<\/em><br \/> Ich war positiv \u00fcberrascht. Das Handwerkliche kann ich eigentlich nicht beurteilen, weil ich nicht Musiker bin, da gibt es kompetentere Leute. Die \u00e4sthetischen Ans\u00e4tze habe ich aber sehr interessant gefunden. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 380px;\" border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> \u00abEs n\u00fctzt nichts, wenn man in einem Casting st\u00e4ndig auf den zweiten bis f\u00fcnften Rang kommt. Lieber mal der F\u00fcnfundzwanzigste sein, daf\u00fcr aber auch mal der Erste.\u00bb<strong><br \/><\/strong><\/strong><\/span><\/td>\n<td align=\"right\" width=\"204\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090130tissi2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Was k\u00f6nnte man den Absolventen raten, die einen Weg in die Industrie suchen? <\/em><br \/> Man h\u00f6rt immer wieder, die Filmmusikstudierenden m\u00fcssten m\u00f6glichst alles k\u00f6nnen und beliebige W\u00fcnsche des Produzenten zu erf\u00fcllen in der Lage sein. Ich glaube nicht, dass dies der richtige Weg ist. Ich habe das Gef\u00fchl, Studierende, die diesen Weg verfolgen, machen am Schluss alles auf befriedigendem Niveau, ohne auf einem Gebiet wirklich Spitzenqualit\u00e4t zu erreichen. In den drei Tagen habe ich vielmehr versucht, den Leuten Mut zu machen, sich selber zu sein. Es macht n\u00e4mlich auch keinen Spass mehr, wenn man sich selber immer verleugnen muss, und man kommt vor allem nicht zu H\u00f6chstleistungen.<\/p>\n<p> <em>Man macht ja auch nur Filmmusik und nicht autonome Kunst. <\/em><br \/> Um das geht es nicht. Es n\u00fctzt einem Musiker nichts, wenn er in einem Musikkomponisten-\u00abCasting\u00bb st\u00e4ndig auf den ehrenvollen zweiten bis f\u00fcnften Rang kommt. Lieber mal der F\u00fcnfundzwanzigste sein, daf\u00fcr aber auch mal der Erste. Von mir aus gesehen muss ein Filmmusikkomponist eben nicht alles k\u00f6nnen. Wenn ich als Regisseur oder Produzent das Genre oder den Stil wechseln will, dann suche ich mir lieber den Spezialisten, mit dem die Zusammenarbeit ideal ist. <\/p>\n<p> <em>Das heisst, wenn ein Regisseur einen bestimmten Ton sucht, dann muss klar sein, es muss eben gerade der Musiker sein und kann kein anderer sein. <\/em><br \/> Genau.<\/p>\n<p> <em>Das heisst, er muss nicht sozusagen auf Knopfdruck in einem beliebigen Stil Musik abliefern k\u00f6nnen? <\/em><br \/> Im Gegensatz zum Theater werden im Film Typen besetzt. Ein Theater hat ein Ensemble, in dem eine vierzigj\u00e4hrige Schaupielerin genausogut eine achtzigj\u00e4hrige Frau wie ein sechzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen spielen k\u00f6nnen sollte. Im Film ist das anders. Da sucht man die achtzigj\u00e4hrige Frau oder das sechzehnj\u00e4hrige M\u00e4dchen. Bei der Musik ist es dasselbe. Man w\u00e4hlt sehr punktuell jemanden aus. Es macht keinen Sinn, von jemandem zu verlangen, Hardrock zu produzieren. der Minimalmusic macht. Wenn ich Hardrock will, dann suche ich mir eine Hardrockband. Es ist ja auch erlaubt, zwei, drei verschiedene Komponisten f\u00fcr einen Film zu haben, wenn es in einem Film so viele verschiedene Stile braucht. <\/p>\n<p> <em>Es wird auch darauf ankommen, ob es sich um eine Fernsehserie handelt oder um eine Arthouse-Produktion. <\/em><br \/> Ich habe nie eine Fernsehserie gemacht. Aber ich gehe davon aus, dass sich das sehr unterscheidet. Mit einer Fernsehserie versucht man, ein bestimmtes Publikum zu bedienen. Ich mache eine ganz andere Art Film. Und diese Art verlangt nach einer anderen Art von Musik. <\/p>\n<p> <strong>Nur die wenigsten schaffen den Einstieg in die Industrie<\/strong><\/p>\n<p> <em>Mit Spitzenleistungen tun sich Schweizer K\u00fcnstler aber eher schwer. Man hat den Eindruck, dass sie auf der Ebene des Experimentierens, des Unfertigen, des Suchen, des Regelbrechens und Neue-Wege-beschreitens sehr kreativ und originell sind und einen starken Willen haben, den eigenen Ausdruck zu finden. Das scheint mir auch in dem Kurs zum Ausdruck gekommen zu sein. Die Teilnehmer haben gerne die Regeln gebrochen, sich \u00fcber Anweisungen hinweggesetzt oder gar unger\u00fchrt zugegeben, sie h\u00e4tten diese nicht gelesen oder w\u00e4ren daran gar nicht interessiert gewesen. <\/em><br \/> Das muss nicht schlecht sein. <\/p>\n<p> <em>Allerdings fehlt auf der anderen Seite etwas der Wille, noch eine Stufe h\u00f6her zu kommen und den neuen Weg bis zur Exzellenz zu beschreiten. Schweizer K\u00fcnstler geben sich gerne mit dem ganz Guten zufrieden und stossen nicht mehr zum \u00e4sthetisch wirklich Ausgereiften, Zwingenden, das heisst zur Spitzenleistung, vor. <\/em><br \/> Das kann ich nicht beurteilen, das mag so sein. Das kommt wahrscheinlich auch sehr auf den Einzelnen darauf an. Die Klasse dieses Workshops war ja auch sehr heterogen. Bei einigen hatte ich schon das Gef\u00fchl, die wollen wirklich die bestm\u00f6gliche Arbeit abliefern. <\/p>\n<p> <em>Und werden sie es auch schaffen?<\/em><br \/> Wir d\u00fcrfen uns da nichts vormachen. Das waren jetzt vielleicht zwanzig Leute.Wenn&#8217;s von denen einer schafft, sich einen Namen zu machen, das heisst sich zu entfalten und in das Berufsfeld hineinzukommen, dann ist das schon viel. <\/p>\n<p> <em>Wann kommt der Musiker beim Filmproduzieren bei einer realen Produktion ins Spiel? <\/em><br \/> Ich pers\u00f6nlich h\u00e4tte den Musiker am liebsten die ganze Zeit dabei. Das geht aber nicht. Wenn eine Produktion drei Jahre dauert, ist das nicht realistisch. Am liebsten w\u00e4re mir, ich w\u00fcsste schon bei den Dreharbeiten, wie die Musik dazu klingen w\u00fcrde. Es kommt manchmal vor, dass ich mir eine Kassette zusammenstelle, das muss nicht zwingend Musik von dem Komponisten sein, aber solche, die die Atmosph\u00e4re des Filmes trifft. Wenn ich dann nach dem Drehen mit dem Schnitt beginne, dann bin ich froh, die Musik m\u00f6glichst schnell zu haben. Ohne Musik kann ich eigentlich kaum schneiden. <\/p>\n<p> <em>Die Musik beeinflusst also auch den Schnitt.<\/em><br \/> Das ist nat\u00fcrlich so. Man muss aber sehr gut planen, wann der Musiker hinzugenommen wird. Man kann zum Schneiden zun\u00e4chst auch einfach mal musikalische Skizzen entwerfen. So habe ich das im letzten Film etwa mit dem Bassisten Mich Gerber gemacht. Er hat eine Skizze gemacht, die ich f\u00fcr den Schnitt verwendet habe. Nachdem auf Basis der Skizze das Bild die definitive Form bekam, spielte Mich eine definitive Version der Musik ein. Man kann einen Musiker bei einer Produktion in aller Regel nicht \u00fcber die ganze Schnittphase hinweg bei der Stange halten. Der hat auch wieder andere Verpflichtungen. Da besteht dann aber die Gefahr, dass er beim Endschnitt keinen Einfluss mehr hat. <\/p>\n<p> <strong>Der Musiker ist wie ein weiterer Schauspieler<\/strong><\/p>\n<p> <em>Bekommt der Musiker das Drehbuch oder sieht er einen Rohschnitt oder hat er eine Erz\u00e4hlung des Regisseurs, wenn er erste Entw\u00fcrfe macht?<\/em><br \/> Ich finde es sinnvoll, wenn er kein Drehbuch hat. Ich gebe ihm eine roh geschnittene Version des Filmes, die er wann und wie oft er will anschauen kann, auch nur ausschnittweise, um die Bilder und den Ton einfach mal wirken zu lassen. Er komponiert dann also noch gar nicht auf Szenen hin, sondern geht einfach mal assoziativ an die Sache heran. <\/p>\n<p> <em>Wieviel eines Budgets f\u00fcr einen Film fliesst in die Musik? <\/em><br \/> Zwischen f\u00fcnf und zehn Prozent w\u00fcrde ich sagen. F\u00fcnf Prozent sind wahrscheinlich realistischer. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 380px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"204\"><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090130tissi3.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u00abIch selber w\u00e4hle den Komponisten gleich, wie den Schauspieler einer Hauptrolle. Auch die Schauspieler haben letzten Endes keinen Einfluss mehr darauf, wie ich den Film schneide.\u00bb<\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <em>Das wird auch darauf ankommen, wie aufwendig die Musikproduktion wird und wieviele Musiker involviert sind. <\/em><br \/> Sicher. Aber Budgetgr\u00f6sse spielt auch eine Rolle. Bei einem teuren Film wird die Musik im Verh\u00e4ltnis weniger kosten als bei einem billigen. <\/p>\n<p> <em>Die digitale Musikproduktion hat die Kosten sicher auch gesenkt. <\/em><br \/> Man ist durch sie flexibler geworden. Man kann viel besser einfach mal etwas intuitiv skizzieren. Das kann auch einfach mal eine Idee sein, ein gewisser Atem, der den Bildschnitt beeinflussen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p> <em>Die Studierenden haben am Rande des Workshops auch immer wieder diskutiert, wer \u00fcber die Musik bestimmt und ob der Komponist auf seinen eigenen k\u00fcnstlerischen Beitrag zu einem Film bestehen kann oder ob er einfach ein Dienstleister ist. Was geschieht, wenn der Komponist auf einer musikalischen Idee besteht, die der Regisseur ablehnt?<\/em><br \/> Dann hat man ein Problem. Deswegen ist schon die Wahl des Musikers etwas ganz Entscheidendes. Ich selber w\u00e4hle den Komponisten gleich, wie den Schauspieler einer Hauptrolle. Auch die Schauspieler haben letzten Endes keinen Einfluss mehr darauf, wie ich den Film schneide. Auch den Musikern ist irgend einmal die letzte Entscheidung entzogen. Der Regisseur hat das letzte Wort. <\/p>\n<p> <em>Sie w\u00e4hlen auch Musiker, die nicht vom Film her kommen. <\/em><br \/> Das ist richtig. Der Bassist Mich Gerber oder B\u00fcne Huber von Patent Ochsner zum Beispiel, mit denen ich gearbeitet habe, sind keine Filmprofis. Ich bin mit ihnen befreundet und sie machen die Art von Musik, die ich mir f\u00fcr die jeweilige Aufgabe vorgestellt habe. <\/p>\n<p> <em>Welche vertraglichen Abmachungen trifft man mit den Musikern?<\/em><br \/> Ich habe weder mit B\u00fcne Huber noch mit Mich Gerber je einen Vertrag abgeschlossen. Wegen einer kurzen Filmsequenz setzen wir unsere Freundschaft ja auch nicht aufs Spiel. Das ist dann auch ein Frage des gegenseitigen Vertrauens, wie man miteinander umgeht. <\/p>\n<p> <em>Wenn es dennoch rechtlich hart auf hart gehen sollte, wie l\u00f6st man das? <\/em><br \/> Das weiss ich nicht. Bei mir ist es Gottseidank noch nie so weit gekommen, dass solche Fragen zu einem Rechtsstreit gef\u00fchrt h\u00e4tten. Aber wenn es wirklich so weit kommt, dann ist sicher auch der Produzent noch herbeizuziehen, zuerst sicher mal im schlichtenden Sinn. <\/p>\n<p> <strong>Im Filmgesch\u00e4ft muss man gut zuh\u00f6ren k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p> <em>Was f\u00fcr Eigenschaften sollte ein guter Filmmusikkomponist im Allgemeinen haben?<\/em><br \/> In erster Linie muss er f\u00e4hig sein, zu kommunizieren. Es ist ja ein Dialog. Er sollte seine Bed\u00fcrfnisse \u00e4ussern k\u00f6nnen, aber auch die Regiebed\u00fcrfnisse wahrnehmen. Er muss zuh\u00f6ren und sich artikulieren k\u00f6nnen. Die Kommunikation halte ich f\u00fcr etwas vom Wichtigsten. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 380px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> \u00abIn Hollywood tr\u00e4gt die Musik dazu bei, dass im Saal in jedem Moment alle gleich empfinden. Der europ\u00e4ische Film will etwas anderes bewirken.\u00bb<\/strong><\/span><\/td>\n<td width=\"204\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090130tissi4.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Mit der Verbreitung von Homestudios, die auf Hobbybasis oder semiprofessionell auch Filmvertonungen erlauben, ist die Basis an Musikern, die mit den Basistechniken der Filmvertonung vertraut sind, viel breiter geworden. Sp\u00fcrt man etwas von dieser Popularisierung in der Kunstfilmproduktion? <\/em><br \/> Im Endeffekt hat sich gar nicht so viel ge\u00e4ndert, weil man ja doch nur einen Filmkomponisten hat. Ob man den jetzt aus zwanzig oder aus zweihundert Leuten ausliest, \u00e4ndert an der eigentlichen Arbeit kaum etwas.<\/p>\n<p> <em>Sp\u00fcrt man auch Einfl\u00fcsse von andern Neuen Medien, Computerspielen etwa? <\/em><br \/> Nat\u00fcrlich w\u00e4chst eine neue Generation heran, f\u00fcr die Klingelt\u00f6ne vielleicht einmal das ist, was f\u00fcr uns Bob Dylan war. <\/p>\n<p> <em>Schwer vorstellbar. <\/em><br \/> Schwer vorstellbar, aber realistisch. Und das hat nat\u00fcrlich nicht nur bei den Komponisten einen Einfluss, sondern auch beim Publikum. Die \u00c4sthetik ver\u00e4ndert sich ja nicht nur bei den Machern, sondern auch beim Publikum. Musik hat auch sehr viel mit Mode zu tun. Genauso wie Film eigentlich auch. Im Grunde genommen arbeiten wir in der Modeindustrie. Und da gibt es zeitgem\u00e4sse Musik, zeitgem\u00e4sse Filme, die in ihrer Zeit beheimatet sind.<\/p>\n<p> <em>Gehen Sie da auch als Arthouse-Cin\u00e9ast mit der Mode?<\/em><br \/> Ich wachse da langsam raus, rein altersm\u00e4ssig. Ich bin nicht mehr am Puls dieser Zeit, also nicht mehr in der gleichen Lebenssituation wie das Kinopublikum aus Zwanzigj\u00e4hrigen. Ich bin deshalb auch nicht mehr so auf dem Laufenden, was da alles kommt an Entwicklungen und technischen Innovationen. Das \u00fcberlasse ich heute den Jungen.<\/p>\n<p> <em>F\u00fchlen Sie sich von der Hollywood-\u00c4sthetik aber nicht etwas an den Rand gedr\u00e4ngt? <\/em><br \/> Absolut. In meiner Filmbiografie gibt es da allerdings zwei gegenl\u00e4ufige Entwicklungen. Seit es den deutsch-franz\u00f6sischen Kulturkanal Arte gibt, geht es mir deutlich besser. Das ist einerseits eine neue Finanzierungsquelle, andererseits ein neues Publikum. Da tut sich ein neuer Markt auf. Auf der andern Seite scheint sich auch im Schweizer Film etwas eher in Richtung Mainstream zu verengen.<\/p>\n<p> <strong>Unterschiede zwischen Hollywood und dem europ\u00e4ischen Film<\/strong><\/p>\n<p> <em>Da kommt so eine internationale Glamour-\u00c4sthetik rein, wenn man etwa an Erfolge wie Michael Steiners \u00abGrounding\u00bb denkt. <\/em><br \/> Nat\u00fcrlich. Auch Anspr\u00fcche. Man glaubt, das Publikum nur noch so erreichen zu k\u00f6nnen. Ich mache da ein Fragezeichen dahinter, ob das wirklich grunds\u00e4tzlich stimmt. Es gibt aber doch einen Unterschied zwischen Filmen, die das Publikum bedienen wollen und dem Arthouse. Er h\u00e4ngt auch mit dem Verst\u00e4ndnis zusammen, das man vom Publikum hat. <\/p>\n<p> <em>Zeigen sich die Unterschiede auch in der Filmmusik?<\/em><br \/> Sicher. In Hollywood-Produktionen tr\u00e4gt die Musik sehr viel dazu bei, dass der ganze Saal in jedem Moment das gleiche empfindet und denkt. Das hat mit der Masse zu tun. Der europ\u00e4ische Film will etwas anderes bewirken. Wir haben auch andere kulturelle Wurzeln. Man denke an Dr. Jekyll and Mr. Hyde oder Faust und Mephisto, diese zwei Seelen ach in der Brust. Das ist bei uns Europ\u00e4ern ganz tief verankert. Das schl\u00e4gt sich meines Erachtens auch in den Filmen nieder und auch in der Filmmusik, mit der man eher den einzelnen Zuschauer ansprechen will. Nat\u00fcrlich w\u00fcnscht man sich, dass da lauter Einzelne sitzen, aber man hat da wie ein anderes Verst\u00e4ndnis von Publikum, wie ein anderes Verst\u00e4ndnis von Masse. Das hat nat\u00fcrlich Einfluss auf die Filmmusik, ob ich mit ihr einen manipulativen Sog erzeugen will oder ob ich mit der Musik auch Freir\u00e4ume schaffe f\u00fcr eigene individuelle Interpretationen. Letzteres halte ich f\u00fcr etwas sehr Europ\u00e4isches. Etwas f\u00fcr das europ\u00e4ische Kino Typisches. <\/p>\n<p> <em>Mit Arte sind wir auch bei der Internationalisierung. Man hat den Eindruck, das ganze Filmgesch\u00e4ft internationalisiert sich sehr. <\/em><br \/> Die ganze Welt globalisiert sich ja. Das hat auch Vorteile. Es kann sein, dass ich kaum Freunde in der Schweiz habe, und daf\u00fcr Kontakte in Griechenland und Schottland. Arte ist so eine M\u00f6glichkeit, sich geografisch auszuweiten. Das hat aber wie alles auch einen Nachteil, n\u00e4mlich dass wir mit unserem eigenen Nachbarn nicht mehr reden. So geht es mir mit meinen Filmen. In der Schweiz habe ich bloss ein kleines Publikum. Dieses kleine Publikum gibt es auch anderswo Diese kleinen verstreuten Zuschauergemeinden summieren sich dann doch zu einer gr\u00f6sseren, geografisch aber nicht mehr lokalisierbaren. <\/p>\n<p> <em>An den Musikhochschulen fliessen zudem die Ausbildungen von Klassik, Jazz und Pop zusammen. Und diese wiederum werden mit den andern K\u00fcnsten zusammengelegt, mit Theater, Film, Design. Wirkt sich das auf die Filmproduktion aus? <\/em><br \/> Ich k\u00f6nnte mir das schon vorstellen. Grunds\u00e4tzlich stellt eine Filmproduktion aber einfach gewisse Anforderungen. Man braucht Techniker, Kameramann, Tonmann, Grafiker, Musiker, das war fr\u00fcher nicht anders. Im Arbeitsprozess braucht man einfach Leute, die Anforderungen erf\u00fcllen, welches Studium sie absolviert haben, ist nicht so entscheidend. Die Aufgaben haben sich eigentlich nicht ver\u00e4ndert, sie sind dieselben geblieben. <\/p>\n<p> <em>Welchen Einfluss hat die Trash-\u00c4sthetik, die heute vor allem durch das Privatfernsehen die Popul\u00e4rkultur pr\u00e4gt. <\/em><br \/> Nicht nur durch das Privatfernsehen. Wir haben diese Trash-\u00c4sthetik auch in der Internet-Plattform Youtube, auf der alle Videos publizieren k\u00f6nnen. Es ist sehr interessant zu beobachten, was da jetzt passiert. Da beginnt etwas auseinanderzuklaffen, auf der einen Seite sehen wir hochk\u00fcnstliche, technisch brillante und durchgestylte Filme, die mit sehr viel Aufwand gemacht werden, auf der andern Seite eine neue Nische, eine Art Youtube-\u00c4sthetik, die die jungen Leute auch als solche erkennen. Sie st\u00f6ren sich auch nicht mehr daran, wie wir das vielleicht noch gemacht h\u00e4tten. Dadurch kommen jetzt solche Trashfilme m\u00f6glicherweise auch in die Kinos. Das finde ich ganz toll. Es demokratisiert das Medium.<\/p>\n<p> <strong>Youtube ver\u00e4ndert die Wahrnehmung der Kinog\u00e4nger<\/strong><\/p>\n<p> <em>Durch die Youtube-\u00c4sthetik geht aber m\u00f6glicherweise das Bewusstsein f\u00fcr die Einzigartigkeit eines Werkes verloren. Dies kann auch f\u00fcr die Musik Konsequenzen haben. Beim Youtube-Konsum steht das Erlebnis im Vordergrund. Wer oder was hinter einem Clip oder einer Produktion steht, wird von den Konsumenten gar nicht mehr wahrgenommen. Das Bewusstsein f\u00fcr Musikgeschichte geht verloren, alles wird anonym und beliebig. <\/em><br \/> Das ist jetzt negativ formuliert. Wenn man es positiv sieht, dann kann man sagen, es geht zwar das Bewusstsein f\u00fcr die Musikgeschichte verloren, die Musikproduktion demokratisiert sich aber. Und wieviel Janis Joplin von Musikgeschichte wusste, ist ja auch offen. Musikgeschichte geschrieben hat aber auch sie. <\/p>\n<p> <em>Wie behauptet man sich als Arthouse-Filmer in dieser Masse? <\/em><br \/> Das frage ich mich auch immer wieder. Man braucht viel Gl\u00fcck. Es gibt tats\u00e4chlich enorm viele Filme, wenn man etwa den Katalog der Filmtage hier in Solothurn anschaut, ist das ja enorm. Ich hatte jetzt einfach das Gl\u00fcck, dass ich in den vergangenen dreissig Jahren einen Film nach dem andern machen konnte. <\/p>\n<p> <em>Im Schweizer Film hat sich das Interesse etwas ge\u00e4ndert. Nach 1968 standen Sozialkritisches und die Auseinandersetzung mit der Schweiz stark im Vordergund. Heute ist der Blick weiter geworden. <\/em><br \/> Auch der Schweizer Film hat sich globalisiert. Wir sind keine Insel, die Welt hat sich ver\u00e4ndert und der Schweizer Film spiegelt das auch wider. Wenn man das positiv formuliert, kann man sagen, wir tragen das Bild der Schweiz in die Welt hinaus, bringen aber auch gleichzeitig wieder Bilder der Welt in die Schweiz zur\u00fcck. Ich finde es klasse, dass das so geht. Prim\u00e4r sind wir ja Filmer und an zweiter Stelle sind wir Schweizer. Daf\u00fcr dass wir Schweizer sind, k\u00f6nnen wir nichts, wir sind halt hier geboren. Aber daf\u00fcr, dass wir Filmer sind, k\u00f6nnen wir sehr wohl etwas, das war unsere Entscheidung. Dass wir uns da auch mit Kollegen in andern L\u00e4ndern verbinden, ist ja eigentlich gut. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">30.01.2009 &#8212; An einem Workshop des Forums Filmmusik hat der Regisseur Felix Tissi mit Studierenden Ausschnitte aus seinen fr\u00fcheren Filmen neu vertont. 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