{"id":30,"date":"2014-01-06T09:59:11","date_gmt":"2014-01-06T09:59:11","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/escom5-interview-reinhard-kopiez\/"},"modified":"2014-01-06T09:59:11","modified_gmt":"2014-01-06T09:59:11","slug":"escom5-interview-reinhard-kopiez","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/escom5-interview-reinhard-kopiez\/","title":{"rendered":"Escom5: Interview Reinhard Kopiez"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong><span class=\"txt-s-black\">16.09.2003<\/span><\/strong><\/span><\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Die Organisation eines Anlasses in der Gr\u00f6ssenordnung von Escom5 war f\u00fcr die Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hannover eine Herausforderung, die sie nach dem Urteil aller Beteiligten mit Bravour bestanden hat. Reinhard Kopiez gew\u00e4hrt einen Blick hinter die Kulissen.<\/strong> <\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-s-black\"><strong>Codex flores<\/strong>: Escom ist eine europ\u00e4ische Organisation. Die Konferenz in Hannover ist aber zu einer Art Weltkongress geworden, einem Anlass von noch nie dagewesener Gr\u00f6sse in der Musikpsychologie. <\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Reinhard Kopiez<\/strong>: Wissenschaftler pflegen keinen Regionalismus. Sie gehen dorthin, wo sie interessante und vielversprechende Begegnungen vermuten. Kommt hinzu, dass die Australier und Amerikaner die typisch europ\u00e4ische Forschungstradition selber nicht pflegen und den Kontakt zu dieser hier suchen.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Woraus besteht denn die typisch europ\u00e4ische Forschungstradition? <\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-m-black\">Hierzulande wird gerne auf einer Metaebene nach einer Art Gesamtsicht gesucht, sozusagen nach musikpsychologischen Welterkl\u00e4rungsformeln. Das ist ein Ansatz, der den Amerikanern mit ihrer Fokussierung auf kognitive Musikpsychologie fremd ist. Bei der globalen Sicht spielen etwa die Ethnologie oder die kulturvergleichenden Studien eine grosse Rolle. Aber auch die Biomusikologie dient als eine Art Grundlagenforschung. Die Frage, warum es \u00fcberhaupt Musik in der Menschheit gibt, ist bisher \u00fcberhaupt nicht beantwortet. Die Frage, warum Musik in der Evolution \u00fcberhaupt entstanden ist, greift zum Beispiel Bj\u00f6rn Merker auf.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Der multidisziplin\u00e4re Ansatz f\u00fchrt dazu, dass an der Konferenz fast zu viel Material pr\u00e4sentiert wird. Man ertrinkt in der F\u00fclle. <\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-m-black\">Das ist tats\u00e4chlich ein Problem, f\u00fcr das ich keine L\u00f6sung habe. Es hat aber auch ganz praktische Gr\u00fcnde: Man muss mindestens 150 Teilnehmer haben, um einen solchen Anlass \u00fcberhaupt finanzierbar zu machen. Die Zahl der Pr\u00e4sentationen korreliert direkt mit den Einnahmen.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Wird der Anlass in drei Jahren noch gr\u00f6sser? <\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-m-black\">Die Konferenz hat dieses Jahr das Potential des Faches vermutlich ausgesch\u00f6pft. In den letzten Jahren stieg die Teilnehmerzahl langsam an, beim letzten grossen Kongress war sie bei 250, hier in Hannover sind es rund 330. Das ist auch die Grenze dessen, was eine kleine Disziplin noch integrieren kann. Wird sie noch gr\u00f6sser, so zerf\u00e4llt sie definitiv in Subdisziplinen.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Gibt es denn eine Bedeutung der Konferenz \u00fcber die Gemeinschaft der Musikpsychologen hinaus?<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">Zun\u00e4chst einmal es ist sie eine Plattform f\u00fcr die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie, dann aber auch eine wichtige Veranstaltung f\u00fcr unser Haus selber, das sich als k\u00fcnstlerische und wissenschaftliche Hochschule versteht. Wir k\u00f6nnen zeigen, dass Wissenschaft auch an einer Kunsthochschule ein gutes Standbein entwickeln und auch in dieser Umgebung internationale Resonanz finden kann.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">F\u00fcr die Durchf\u00fchrung eines solchen Mega-Anlasses braucht es Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">Das organisatorische Team der Hochschule wird unterst\u00fctzt von dreissig externen Helfern, die aus ganz Europa, aus England, Frankreich, Italien und Deutschland, angereist sind. Es handelt sich um Doktoranden oder Magisterstudenten im fortgeschrittenen Studium, die von ihren Betreuern und Professoren geschickt worden sind. Sie verdienen hier kein Geld, bekommen aber die Chance zu sehen, wie wissenschaftlicher Austausch funktioniert.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Und wie funktioniert er?<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">Es braucht ein \u00fcberaus diszipliniertes Zeitmanagement. Man muss in der Lage sein, Ergebnisse und Ideen der eigenen Forschung in zwanzig Minuten verst\u00e4ndlich darzulegen. Man muss Englisch als Konferenzsprache akzeptieren. <\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-s-black\">Wie finanziert sich die Konferenz? <\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-m-black\">Ohne eine grosse Anzahl von Sponsoren w\u00e4re sie nicht machbar. Sponsorengelder sind f\u00fcr den Wissenschaftsbereich heute jedoch relativ schwierig zu bekommen. Es gibt \u00f6ffentliche Mittel wie etwa durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die aber nur eine Grundfinanzierung garantieren. Weitere Unterst\u00fctzung hat es in unserem Fall durch das Land Niedersachsen gegeben. Es war sogar sehr grossz\u00fcgig, weil es erkannt hat, dass Wissenschaft auch ein Wirtschaftsfaktor ist.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Wissenschaftler gelten nicht gerade als konsumfreudig.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">Von den gut 300 Personen, die aus aller Welt nach Hannover gekommen sind und hier acht Tage in der Stadt leben, l\u00e4sst jede pro Tag sch\u00e4tzungsweise 50 bis 80 Euro in der Stadt. Der Flughafen erh\u00e4lt Geb\u00fchren, die Gastronomie hat Einnahmen und so weiter.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Gibt es trotz der universalen Ausrichtung der Konferenz noch immer typisch europ\u00e4ische Elemente? <\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-m-black\">Durch die Auswahl der Keynotes haben wir die interdisziplin\u00e4re europ\u00e4ische Tradition ganz bewusst zeigen wollen. Es ist darum gegangen zu zeigen, dass der Ausgangspunkt f\u00fcr die Wissenschaft der Musik &#8211; die sogenannte Systematische Musikwissenschaft &#8211; trotz aller empirischer Arbeit und experimenteller Methodik immer die \u00e4sthetische Erfahrung ist. Diese mit objektiven Methoden aufschl\u00fcsseln zu wollen, ist die spezifisch europ\u00e4ische und auch deutschsprachige Tradition. Diese Leitidee gilt im Prinzip seit Hermann von Helmholtz und f\u00fchrt \u00fcber Karl Stumpf, Ernst Kurth und Geza R\u00e9v\u00e9sz ins zwanzigste Jahrhundert.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Helga de la Motte-Haber und Holger H\u00f6ge, die beiden deutschsprachigen Keynotes-Sprecher, konnten sich kritische Bemerkungen \u00fcber Sinn und Unsinn der Hirnforschung nicht verkneifen. Gibt es einen realen Konflikt zwischen Deutschland und den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern?<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">Das w\u00fcrde ich so nicht interpretieren. Ich glaube eher, dass die deutsche Skepsis ein Gegengewicht zur allgemeinen Euphorie bildet, welche die Neurowissenschaften und die bildgebenden Verfahren in den letzten Jahren sehr stark in den Vordergrund geschoben hat. Zwischen 1990 und 2000 wurde das Jahrzehnt des Gehirns ausgerufen, es gab hohe Erwartungen an die Disziplin. Nun stellt man fest, dass man zwar methodisch sehr weit gekommen ist, vom Verstehen des eigentlichen Gegenstandes, des \u00e4sthetischen Erlebnisses, ist man aber noch immer sehr weit entfernt.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Also im Grunde genommen kaum Fortschritte? <\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">Bei den Bottom-up-Prozessen, wie zum Beispiel der Dissonanz-Wahrnehmung oder der Frage, wo im Gehirn Klangfarbe, Lautst\u00e4rke, Melodik und so weiter verarbeitet werden, hat man Fortschritte gemacht. Die grosse Synthese von Wahrnehmung und konkreter Musikerfahrung und eine Antwort auf die Frage, weshalb wir unser Geld und unsere Zeit investieren, um in ein Konzert zu gehen, fehlen nach wie vor.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Wird man sie je finden? <\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">In der sogenannten Amusie-Forschung &#8211; also in der neurowissenschaftlichen Untersuchung von Personen mit musikalischen Ausfallerscheinungen beim Musikh\u00f6ren &#8211; hat man wohl die gr\u00f6sste N\u00e4he zur komplexen Musikwahrnehmung erreicht. Vele Fragen bleiben aber offen. Ich glaube, dass es mindestens noch zehn Jahre braucht, bis man wieder einen Schritt weiter gekommen ist. Im Moment scheint es eher eine Stagnation auf hohem Niveau auf diesem Gebiet zu geben. Man kann auch sehen, dass die neurologischen Methoden technisch limitiert sind und nicht ganz das gehalten haben, was sie versprachen. Das Symposium von Eckart Altenm\u00fcller hat zum Beispiel eine ganze Reihe von bisher unbeantworteten Fragen aufgelistet.<\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-s-black\">Es ist interessant, dass die Konferenz mit dem 100. Todestag von Adorno zusammenf\u00e4llt. Die Feuilletons sind voll mit Adorno-Essays- und -Nachrufen. Hier ist der vermeintliche Gigant der deutschen Musiksoziologie \u00fcberhaupt kein Thema.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">Die Soziologie der Musik als kritische Theorie, wie sie sich Adorno vorstellte, spielt im Diskurs keine Rolle. Sie w\u00e4re experimentell auch kaum umzusetzen. Was Adorno in der Musiksoziologie beschrieben hat, m\u00fcsste man als intuitive Wissenschaft bezeichnen. Sehr anregend, aber auf Introspektion und nicht auf Daten basierend.<\/p>\n<p> <\/span> <span class=\"txt-s-black\">Wird Adorno denn \u00fcberhaupt nicht mehr wahrgenommen? <\/p>\n<p><\/span> <span class=\"txt-m-black\">Es gibt im anglo-amerikanischen Raum eine Adorno-Rezeption, die interessant verl\u00e4uft. Die findet aber nicht in der Systematischen, sondern in der Historischen Musikwissenschaft statt. Mit Gender-Studies-Forschung und einer gesellschaftskritischen Musikwissenschaft verfolgt etwa Nicholas Cook in England einen Ansatz, den Adorno schon vor dreissig, vierzig Jahren angedacht hat. <\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16.09.2003 Die Organisation eines Anlasses in der Gr\u00f6ssenordnung von Escom5 war f\u00fcr die Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hannover eine&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-30","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikpsychologie-und-neuromusikologie","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}