{"id":300,"date":"2014-01-10T22:09:45","date_gmt":"2014-01-10T22:09:45","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/eine-vielfalt-an-konzertangeboten-nuetzt-allen\/"},"modified":"2014-01-10T22:09:45","modified_gmt":"2014-01-10T22:09:45","slug":"eine-vielfalt-an-konzertangeboten-nuetzt-allen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/eine-vielfalt-an-konzertangeboten-nuetzt-allen\/","title":{"rendered":"Eine Vielfalt an Konzertangeboten n\u00fctzt allen"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">21.06.2011 &#8212; Neben den traditionellen Abo-Reihen der st\u00e4dtischen Sinfonieorchester und den sommerlichen Festivals pr\u00e4gt das Migros-Kulturprozent mit Tourneen das Konzertleben der Schweiz wesentlich mit. Der Intendant der Migros-Kulturprozent-Classics \u00e4ussert sich im Codex-flores-Interview zur nationalen und internationalen Orchesterlandschaft und zur F\u00f6rderung des Nachwuchses.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>21.06.2011 &#8212; Neben den traditionellen Abo-Reihen der st\u00e4dtischen Sinfonieorchester und den sommerlichen Festivals pr\u00e4gt das Migros-Kulturprozent mit Tourneen das Konzertleben der Schweiz wesentlich mit. Der Intendant der Migros-Kulturprozent-Classics \u00e4ussert sich im Codex-flores-Interview zur nationalen und internationalen Orchesterlandschaft und zur F\u00f6rderung des Nachwuchses. <\/strong><\/p>\n<p> <em><strong>Codex flores<\/strong> Das Migros Kulturprozent ist mit den Migros-Kulturprozent-Classics ein Tournee-Organisator. Orchesterkonzerte bieten sonst st\u00e4dtische Sinfonieorchester mit ihren Abo-Reihen und Festivals an. In welchem Verh\u00e4ltnis stehen diese Angebotsformen?<\/em><br \/> <strong>Mischa Damev<\/strong> Alle drei erf\u00fcllen in der Schweizer Konzertlandschaft ihre Funktion. Festivals sind ins Leben gerufen worden, um ausserhalb der regul\u00e4ren Konzertsaison der st\u00e4dtischen Sinfonieorchester f\u00fcr \u00dcberbr\u00fcckung und spezielle H\u00f6hepunkte zu sorgen. Festivals, wie sie etwa in Gstaad, Luzern oder Verbier das Sommerangebot bereichern, erf\u00fcllen diese Aufgabe auch bestens. Neben dem traditionellen Publikum der st\u00e4dtischen Konzertreihen profitieren davon \u00fcberdies die Touristen.<\/p>\n<p> <em>Das Touristenpublikum haben die Migros-Kulturprozent-Classics aber nicht im Blick.<\/em><br \/> Unsere Tourneen f\u00fcllen andere L\u00fccken: Sie erm\u00f6glichen ausserhalb der Festivals Begegnungen mit ausl\u00e4ndischen Orchestern, die es dann auch erlauben, die Qualit\u00e4t der lokalen Ensembles am internationalen Niveau zu messen. Zudem verhelfen sie Musikliebhabern, die sich Festivalpreise nicht leisten k\u00f6nnen, zu diesem Erlebnis.<\/p>\n<p> <em>Sie laden aber nicht nur ausl\u00e4ndische Orchester zu einer Tournee ein.<\/em><br \/> Seit ich die Reihe leite, haben wir eine Tournee immer mit einem Schweizer Ensemble bestritten, einmal mit dem Kammerorchester Basel, einmal mit dem Orchestra della Svizzera Italiana und 2011\/12 mit dem Tonhalle-Orchester Z\u00fcrich. Es ist mir ein Anliegen zu zeigen, dass wir in der Schweiz sehr gute Ensembles haben &#8211; und dass sich die Orchester \u00fcber ihre Region hinaus in der Schweiz pr\u00e4sentieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> <em>Fr\u00fcher war das st\u00e4dtische Sinfonieorchester das Gravitationszentrum des Musiklebens. Es scheint sich mehr und mehr zu den Festivals zu verlagern.<\/em> <br \/> Ich glaube nach wie vor, dass lokale Orchester, Festivals und Tourneen das gleiche Ziel haben. Allen geht es darum, das Schweizer Kulturleben zu bereichern. Die lokalen Orchester betrachten die Migros-Tourneen allerdings als gr\u00f6sste Konkurrenz. Das bedauere ich sehr. Konkurrenz ist nicht unsere Absicht. Ich bin der erste der zu einer Zusammenarbeit Hand bietet.<\/p>\n<p> <strong>Die Rahmenbedingungen f\u00fcr Tourneen \u00e4ndern sich<\/strong><\/p>\n<p> <em>Wie k\u00f6nnte eine solche aussehen?<\/em><br \/> Fr\u00fcher gab es durchaus internationale Projekt-Partnerschaften. Ein hiesiges Sinfonieorchester lud etwa ein grosses ausl\u00e4ndisches Orchester ein und gastierte im Gegenzug selber in dessen Heimatstadt. Heute kommen kaum noch ausl\u00e4ndische Orchester in grosse Schweizer St\u00e4dte, wenn nicht wir sie einladen. Solche Gastspiele sind logistisch und finanziell sehr aufwendig geworden und \u00fcbersteigen die Ressourcen der lokalen Orchester. Das Bed\u00fcrfnis danach ist beim Publikum aber da.<\/p>\n<p> <em>Ist untersucht worden, ob Gastspiele ausl\u00e4ndischer Orchester Besucher in einer Stadt dazu animieren, auch die Abo-Konzerte der lokalen Ensembles zu besuchen?<\/em><br \/> Eine solche Studie ist meines Wissens noch nie gemacht worden. Ich w\u00fcsste auch nicht, wie man so etwas erheben k\u00f6nnte. Was wir aber immer mehr sehen ist, dass nach unseren Konzerten lokale Konzertanbieter ihre Flyer verteilen.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 320px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/mischa_damev_1.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u00abGastspiele sind logistisch und finanziell sehr aufwendig geworden und \u00fcbersteigen die Ressourcen der lokalen Orchester.\u00bb<\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <em>Wissen Sie Genaueres \u00fcber die Zusammensetzung des Publikums ihrer Tournee-Konzerte?<\/em><br \/> Vor Jahren hatten die Klubhaus-Konzerte, wie die Tourneen fr\u00fcher hiessen, ein eigenes Publikum. Ich glaube, das ist heute nicht mehr so. Heute scheinen die gleichen Leute unsere Konzerte zu besuchen, die auch Abonnenten der lokalen Orchester sind. Von den Festivals unterscheidet uns allerdings das Fehlen der geladenen G\u00e4ste von Sponsoren.<\/p>\n<p> <em>Sponsoren-Publikum kann problematisch sein. Ihm geht es nicht immer prim\u00e4r um die Musik, sondern oft bloss um den Event.<\/em><br \/> Auf der andern Seite gelingt es Sponsoren, Leute in ein hochkar\u00e4tiges Konzert zu locken, die eine solche Erfahrung sonst nie machen w\u00fcrden. Wir selber laden in unsere Konzerte nur ganz wenige Leute selber ein.<\/p>\n<p> <em>Die Schwelle f\u00fcr Nicht-Insider des Klassikbetriebes scheint bei den Migros-Konzerten aber noch immer tiefer als im Abo-Konzert.<\/em><br \/> Da hat es sogar eine \u00d6ffnung gegeben. In den 1970er-Jahren waren fast hundert Prozent der H\u00f6rer Abonnenten. Da war die Duchmischung von Stammpublikum und neugierigen Gelegenheitsbesuchern schlecht. Vor allem die Jungen fanden da keine guten Pl\u00e4tze mehr. Heute machen die Abonnenten etwa die H\u00e4lfte des Publikums aus \u2013 \u00fcber alle Konzerte in der Schweiz sind das etwa 5000.<\/p>\n<p> <strong>Neue Orchestertypen erobern das Podium <\/strong><\/p>\n<p> <em>Auch die Orchesterlandschaft ver\u00e4ndert sich. Heute haben Spezialensembles \u2013 vor allem solche mit sogenannt historisch informierten Interpretationsans\u00e4tzen \u2013 eigenes Profil. Dazu kommen Orchester aus allen Weltregionen, die einen eigenen Ton pflegen, etwa solche aus China oder S\u00fcdamerika.<\/em><br \/> Das ist richtig und es ist eine grosse Bereichung f\u00fcr alle Seiten.<\/p>\n<p> <em>Man h\u00f6rt ab und zu, dass die Anspr\u00fcche der Musiker auf Tourneen stark gestiegen sind. Die Kostensteigerung soll auch damit zu tun haben.<\/em><br \/> Ich kann da nur aus eigener Erfahrung mit einem Beispiel antworten. Als ich Intendant der Schweizer Orpheum Stiftung zur F\u00f6rderung junger Solisten war, haben wir 1991 die Bamberger Symphoniker ans Festival Bad Ragaz eingeladen. Wenn ich die Leistungen, die wir dem Orchester gegen\u00fcber damals erbrachten, mit denjenigen von heutigen Tourneen vergleiche, sehe ich keinen wesentlichen Anstieg der Anspr\u00fcche.<\/p>\n<p> <em>Wie sorgen Sie daf\u00fcr, dass die Tournee-Kosten sich in einem vern\u00fcnftigen Rahmen halten?<\/em> <br \/> Vor allem dadurch, dass wir mit den Orchestern sehr fr\u00fch und mit den Dirigenten und Intendanten direkt verhandeln. Wir haben so die g\u00fcnstigsten Konditionen und bezahlen fast nur die H\u00e4lfte von dem, was Veranstalter, die sp\u00e4ter kommen, aufwerfen m\u00fcssen. Das gibt uns auch die M\u00f6glichkeit, auf das Programm Einfluss zu nehmen. Wenn Tournee-Programme schon feststehen, dann k\u00f6nnen Veranstalter, die das Ensemble \u00fcbernehmen, nicht einmal mehr eine Ouvert\u00fcre \u00e4ndern.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 280px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/mischa_damev_2.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u00abEs ist das gute Recht des Publikums, sich zu verweigern. Es ist und bleibt unser Massstab.\u00bb<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <em>Daf\u00fcr sind die arbeitsrechtlichen Bestimmungen komplexer geworden?<\/em> <br \/> Auch da kann ich nur f\u00fcr die Migros-Kulturprozent-Classics sprechen. Wenn wir ein Orchester schlecht behandeln w\u00fcrden, k\u00e4me es nie mehr. In dem kleinen Markt, in dem wir uns bewegen, sprechen sich schlechte Erfahrungen sofort herum. Den eigenen guten Ruf hat man schnell verloren.<\/p>\n<p> <em>Das Publikum reagiert so schnell?<\/em><br \/> In der Tat. Sogar unsere Abonnenten reagieren sehr sensibel auf Erfahrungen, mit denen sie sich nicht anfreunden k\u00f6nnen. Wir hatten in der vergangenen Saison zum Beispiel zwei Personen, die ihre Abonnements zur\u00fcckgaben, weil wir ein zeitgen\u00f6ssisches Werk \u2013 Musik des Chinesen Tan Dun \u2013 im Programm hatten.<\/p>\n<p> <em>Es \u00fcberrascht, dass selbst ein eher moderat-modernes und durchaus sinnlich-zug\u00e4ngliches Werk derart Anstoss erregt.<\/em><br \/> Es ist das gute Recht des Publikums, sich da zu verweigern. Es ist und bleibt unser Massstab.<\/p>\n<p> <em>Man h\u00e4tte jetzt eher vermutet, dass die Erwartungen sich \u00e4ndern w\u00fcrden und das Publikum in der heute undogmatischeren und pluralistischeren Welt offener sein m\u00fcsste.<\/em> <br \/> Mein pers\u00f6nlicher Eindruck ist, dass das Publikum nicht offener geworden ist. Eher im Gegenteil. Wir stellen fest \u2013 das gilt f\u00fcr ganz Europa \u2013, dass das Repertoire immer enger wird. Schon die Musik von Berlioz, Glasunov oder Debussy geht heute vielen zu weit.<\/p>\n<p> <em>Und trotzdem programmieren Sie 2011\/12 Debussys \u00abJeux\u00bb.<\/em><br \/> Das d\u00fcrfte auch einige wieder abschrecken. Man kann da leider auch nicht auf die Jungen hoffen, wie das oft getan wird. Sie sind nicht offener als das traditionelle Abo-Publikum. Sie m\u00f6gen vielleicht die Musik Mahlers, weil sie melodi\u00f6s und emotional aufgeladen ist. Junge an Schubert oder Bruckner heranzuf\u00fchren, ist aber schwierig. Was gar nicht ankommt unter Jugendlichen ist die Avantgarde der Nachkriegszeit bis zu den 1980er-Jahren, Nono, Berio und so weiter. Sie sind daf\u00fcr sehr eklektisch. Sie h\u00f6ren Rap, Strawinsky, DJ Bobo, Bligg, wie\u2019s gerade passt und kommt.<\/p>\n<p> <em>Welches Publikum findet die europ\u00e4ische Avantgarde denn \u00fcberhaupt noch?<\/em><br \/> Sie zieht vor allem diejenigen an, die aus der gleichen Generation stammen und mit dieser Musik \u00e4lter geworden sind.<\/p>\n<p> <strong>Gegen Dogmen und vorgefasste Meinungen<\/strong><\/p>\n<p> <em>Kann man die Jungen mit Vermittlungs-Programmen abholen, wie sie im Moment vermehrt diskutiert werden?<\/em><br \/> Kulturvermittlung ist vor allem mit Blick auf ganz junge Leute ein sehr wichtiges Thema. Ich arbeite schon seit zwei Jahren an einem Konzept, wie wir das lokale junge Publikum erreichen k\u00f6nnen. Da ist aber noch nichts spruchreif.<\/p>\n<p> <em>Gibt es da Erfolgswege?<\/em><br \/> Ich habe mir Best-Practice-Beispiele aus aller Welt angesehen. Aber das wird auch f\u00fcr uns eine Reise ins Ungewisse.<\/p>\n<p> <em>Ohne Leitlinien kann man weder Vermittlungs-Projekte noch Tourneen organisieren.<\/em><br \/> Mir liegen drei Grunds\u00e4tze am Herzen: Zum ersten muss uns der Wille zur individuellen Qualit\u00e4t antreiben, zum zweiten gilt es zu verhindern, dass Dogmen und vorgefasste Meinungen das Kulturleben bestimmen, und zum dritten muss man denjenigen, die sich ernsthaft mit der Musik zum Wohl der Gesellschaft auseinandersetzen, Wertsch\u00e4tzung entgegenbringen.<\/p>\n<p> <em>K\u00f6nnen Sie das etwas ausf\u00fchren?<\/em><br \/> Ein ganz grosses Anliegen ist es mir, die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr Schweizer Musiker in ihrem eigenen Land zu steigern. Wir haben hervorragende S\u00e4nger, Instrumentalisten, Ensembles und Komponisten. Aus den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern ist mir eine Atmosph\u00e4re vertraut, in der Musikern mit grosser Hochachtung und Respekt begegnet wird. In der Schweiz scheinen manchmal Skepsis und Misstrauen zu \u00fcberwiegen.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 320px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u00abIch w\u00fcnschte mir etwas weniger Futterneid in der Szene und etwas mehr \u00e4sthetische Offenheit.\u00bb<\/strong><\/span><\/td>\n<td width=\"160\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/mischa_damev_3.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <em>Interpreten werden von der breiten \u00d6ffentlichkeit eher wahrgenommen als Komponisten.<\/em><br \/> Das Migros-Kulturprozent tut mit einer CD-Portr\u00e4treihe, den Grammont Portraits, gerade f\u00fcr diese ausserordentlich viel. Man k\u00f6nnte meinen, dass es Komponisten hierzulande eher schwer haben. Es ist aber das Gegenteil der Fall. Viele k\u00f6nnen sich vor Auftragswerken kaum retten. Daf\u00fcr sorgen private und \u00f6ffentliche Stiftungen, der Bund \u00fcber die Kulturstiftung Pro Helvetia und weitere Institutionen.<\/p>\n<p> <em>Also alles im gr\u00fcnen Bereich?<\/em><br \/> Ich w\u00fcnschte mir etwas weniger Futterneid in der Szene und etwas mehr \u00e4sthetische Offenheit. Die dogmatischen Schulen der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts scheinen aber an Einfluss zu verlieren.<\/p>\n<p> <em>Zur Auff\u00fchrung bringen Sie aber kaum neue Schweizer Werke.<\/em><br \/> In der letzten Saison haben wir ein Auftragswerk eines Schweizer Komponisten, Rolf Urs Ringgers, aus der Taufe gehoben. In der kommenden Saison wird das mit einem von Daniel Schnyder auch wieder der Fall sein. Wichtiger als Urauff\u00fchrungen scheinen mir aber sowieso Zweitauff\u00fchrungen. Mit Urauff\u00fchrungen steht man als Organisator zwar gut da. Mehr als neunzig Prozent der Werke werden nach einer solchen aber nie mehr aufgef\u00fchrt. Da gibt\u2019s keine Vertiefungen, leider.<\/p>\n<p> <em>Daf\u00fcr ist die Forderung danach, neue Werke m\u00fcssten innovativ sein, zum Selbstl\u00e4ufer geworden. Ob etwas innovativ war, l\u00e4sst sich in der Regel paradoxerweise erst feststellen, wenn es zum Klassiker und damit Teil der Geschichte geworden ist.<\/em><br \/> F\u00f6rderung vom Innovationskriterium abh\u00e4ngig zu machen, ist tats\u00e4chlich eine zwiesp\u00e4ltige Sache. Wenn wir im Rahmen der Migros-Unterst\u00fctzungsprogramme zum Beispiel Komponisten mit einer gewissen \u00c4sthetik f\u00f6rdern, dann k\u00f6nnen wir fast darauf wetten, dass im Jahr darauf die H\u00e4lfte der Dossiers diese kopieren. Wir beobachten auch, dass sich eine Art Antrags-Professionalismus breit macht. Es gibt immer mehr Agenturen und Kulturmanager, die genau wissen, wie ein Dossier aussehen muss und welche Reizw\u00f6rter man darin gezielt einstreuen muss \u2013 eben solche wie \u00abinnovativ\u00bb, \u00aboriginell\u00bb, \u00abkreativ\u00bb oder \u00abqualitativ\u00bb. Wie da Stichw\u00f6rter kalkuliert gesetzt werden, hat ab und zu sogar Unterhaltungswert.<\/p>\n<p> <strong>Keine Angst vor sehr fr\u00fcher F\u00f6rderung von Kindern<\/strong><\/p>\n<p> <em>Wie kann man das Potential eines Projektes oder eines Musikers optimaler nutzen?<\/em><br \/> Man muss die Weichen f\u00fcr eine grosse Karriere vor allem sehr fr\u00fch stellen. Bereits Kinder m\u00fcssen mit den besten Lehrern arbeiten und auftreten k\u00f6nnen \u2013 nat\u00fcrlich ohne, dass sie verheizt werden. In der Schweiz haben wir im Sport heute eine fantastische Spitzenf\u00f6rderung. in der Musik fehlt eine solche noch immer.<\/p>\n<p> <em>Das h\u00e4ngt auch mit dem eher romantischen Bild von Kindheit zusammen, dem die Schweizer nach wie vor nachh\u00e4ngen. Ein Kind soll \u00abKind sein d\u00fcrfen\u00bb und nicht schon in fr\u00fchem Alter \u00abWettbewerb und Leistungsdruck ausgesetzt werden\u00bb.<\/em><br \/> Das sind falsche Konzeptionen. Kinder wollen in der Regel aus sich selber heraus viel erreichen. Denen, die das wirklich wollen, tut man keinen Dienst, wenn man sie daran hindert.<\/p>\n<p> <em>Man hat auf der andern Seite den Eindruck, der Karrierebeginn in jungen Jahren sei in der Schweiz recht einfach.<\/em><br \/> Er ist es \u00fcberall auf der Welt. Die Jugend hat immer einen Bonus. Wunderkinder zerbrechen h\u00e4ufig daran. Ich bin kein Fan von Wunderkindern. Diese Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die Jungen m\u00f6chte ich auch etwas aufbrechen und ebenfalls w\u00fcrdigen, was \u00e4ltere Interpreten Spezielles zu sagen haben.<\/p>\n<p> <em>Welche Wirkung haben Auftritte im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics?<\/em><br \/> Das ist eine heikle Frage und im R\u00fcckblick zwiesp\u00e4ltig. Viele inl\u00e4ndische Organisatoren haben Nachwuchsk\u00fcnstler, die einmal bei uns waren, nicht eingeladen. Es ist sehr bedauerlich, dass es da ein G\u00e4rtchendenken gibt. Einige K\u00fcnstler haben mir erz\u00e4hlt, sie h\u00e4tten den Auftritt bei der Migros fast als Bremse empfunden. Sie h\u00e4tten sich als \u00abMigros-Solisten\u00bb gebrandmarkt und deshalb zur\u00fcckgewiesen gef\u00fchlt. Andere machen aber auch sehr gute Erfahrungen.<\/p>\n<p> <em>Unbestrittene Verdienste hat die Migros-F\u00f6rderung sicher mit Blick auf die nationale Koh\u00e4renz: Das Kulturprozent pflegt die Sprachregionen in der Schweiz, auch mit der CD-Reihe Musiques Suisses.<\/em><br \/> Da kommt uns die Struktur des Unternehmens mit den regionalen Genossenschaften sehr entgegen. Ich musste aber selber auch feststellen, dass der R\u00f6schtigraben extrem tief ist. Manchmal k\u00f6nnen auch wir ihn nicht \u00fcberwinden. K\u00fcnstler, die im einem Landesteil sehr bekannt sind, spielen in andern vor leeren S\u00e4len. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">21.06.2011 &#8212; Neben den traditionellen Abo-Reihen der st\u00e4dtischen Sinfonieorchester und den sommerlichen Festivals pr\u00e4gt das Migros-Kulturprozent mit Tourneen das Konzertleben der Schweiz wesentlich mit. Der Intendant der Migros-Kulturprozent-Classics \u00e4ussert sich im Codex-flores-Interview zur nationalen und internationalen Orchesterlandschaft und zur F\u00f6rderung des Nachwuchses.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-300","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kulturpolitik","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=300"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}