{"id":301,"date":"2014-01-10T22:10:47","date_gmt":"2014-01-10T22:10:47","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/die-zukunft-der-urheberrechte\/"},"modified":"2014-01-10T22:10:47","modified_gmt":"2014-01-10T22:10:47","slug":"die-zukunft-der-urheberrechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/die-zukunft-der-urheberrechte\/","title":{"rendered":"Die Zukunft der Urheberrechte"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">26.07.2012 &#8212; Es wird l\u00e4nger dauern und komplexer werden, das wachsende Problem der Rechtewahrung und \u2013verwertung kreativer Arbeit sinnvoll zu l\u00f6sen. Ein grosses Hindernis: Viele h\u00e4ngen noch der Illusion nach, dank Tantiemen ein solides Auskommen zu finden. Es w\u00e4re besser, sich auf die Verteidigung der Rechte zur\u00fcckzuziehen, die substantiell auch etwas bringen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><strong>26.07.2012 &#8212; Es wird l\u00e4nger dauern und komplexer werden, das wachsende Problem der Rechtewahrung und \u2013verwertung kreativer Arbeit sinnvoll zu l\u00f6sen. Ein grosses Hindernis: Viele h\u00e4ngen noch der Illusion nach, dank Tantiemen ein solides Auskommen zu finden. Es w\u00e4re besser, sich auf die Verteidigung der Rechte zur\u00fcckzuziehen, die substantiell auch etwas bringen.<\/strong><\/p>\n<p> Herr Regener hat sich aufgeregt, und Acta scheint ad acta gelegt. \u00abEin Gesch\u00e4ftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist scheisse\u00bb schimpfte der Musiker und Autor des Romans \u00abHerr Lehmann\u00bb im Bayerischen Rundfunk. Der Kampf um eine gerechte Entgeltung von K\u00fcnstlern und anderen Urhebern \u00e4ussert sich unter anderem in den internationalen Wirren um das Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen Acta, das die EU nicht ratifizieren will. Es ist die Zeit der emp\u00f6rten Erkl\u00e4rungen, sei es des deutschen Manifestes \u00abWir sind die Urheber! Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums\u00bb, sei es der Mitglieder der Schweizer Rechteverwertungsgesellschaft Suisa oder der Leser der deutschen Postille <em>Politik &amp; Kultur<\/em> (\u00abZeichen setzen! Aufruf: F\u00fcr kulturelle Vielfalt im Internet\u00bb). <\/p>\n<p> Ein Netzwerk der Abgeltungen kultureller Leistungen und Wahrung von Urheberrechten, das sich im 20.Jahrhundert erfolgreich durchgesetzt hat, ist bereits wieder daran zu erodieren. Der Grund scheint offensichtlich: Es ist dank dem globalen Netz unerwartet einfach geworden, digitale Inhalte (und damit Musik, Filme, Fotografie und Texte) in Nullkommanichts \u00fcber den ganzen Erdball weiter zu verteilen. <\/p>\n<p> Das Internet ist allerdings bloss ein Teil des Problems. Die Einnahmen der Urheber sinken auch, weil heute (unter anderem als Folge der \u00abKultur f\u00fcr alle\u00bb- und \u00abJeder ein K\u00fcnstler\u00bb-Bewegungen) ungleich viel mehr produziert und auf den Markt geworfen wird, als je zuvor. Lokale K\u00fcnstler stehen heute \u00fcberdies mehr denn je mit global agierenden in Konkurrenz. Zudem stellen Ph\u00e4nomene wie intermediale Kunstproduktionen und M\u00f6glichkeiten der Interaktion sachgerechte Abgeltungssysteme vor immer gr\u00f6ssere Herausforderungen. <\/p>\n<p> Eine wichtige Einsicht hat sich offenbar noch l\u00e4ngst nicht \u00fcberall durchgesetzt: Wir stehen vor grunds\u00e4tzlichen Umw\u00e4lzungen der Kunst- und Ideenproduktion und ihrer Rahmenbedingungen, die st\u00fcrmischen technologischen Entwickungen sind noch stark im Fluss und wenig konsolidiert und machen vorschnelle L\u00f6sungen der Entl\u00f6hnungsfrage gleich wieder obsolet. Mit anderen Worten: Es wird lange dauern, bis auf die Herausforderung eine nachhaltige Antwort gefunden ist, wenn es eine solche \u00fcberhaupt je geben wird. <\/p>\n<p> In der ganzen Emp\u00f6rung scheinen n\u00e4mlich einige zu vergessen, dass auch die bisherigen Systeme kaum Gerechtigkeit geschaffen haben: Noch nie sind die bedeutendsten K\u00fcnstler (nach welcher Definition auch immer) automatisch die wohlhabendesten geworden. Immer haben Genies ein Leben lang gehungert und sich Schaumschl\u00e4ger eine goldene Nase verdient. Man mache sich nichts vor: Das wird immer so bleiben.<\/p>\n<p> Es lohnt sich angesichts der Umw\u00e4lzungen, einige Fragen zun\u00e4chst einmal ganz grunds\u00e4tzlich zu stellen: Welche fundamentalen Anforderungen muss ein k\u00fcnftiges System der Rechteverwertung erf\u00fcllen? Wie sollen K\u00fcnstler ihr Leben gestalten k\u00f6nnen, um bei gr\u00f6sstm\u00f6glicher (materieller) Freiheit auf dem von ihnen gew\u00fcnschten handwerklichen Niveau ihrer Arbeit nachgehen zu k\u00f6nnen? Was ist eine gerechte Abgeltung ihrer Leistungen, wenn diese \u2013 da neu und ungewohnt \u2013 gar nicht beurteilt werden k\u00f6nnen, weil die Kriterien dazu noch gar nicht definiert sind? Welche Rolle spielt dabei der Staat, welche private Akteure wie Verwertungsgesellschaften? <\/p>\n<p> <strong>Kaum Globall\u00f6sungen m\u00f6glich<\/strong><\/p>\n<p> Die Sache ist komplex und je nach Kunstgattung unterschiedlich zu behandeln. F\u00fcr Bildende K\u00fcnstler etwa ist die Frage eines Folgerechts Thema, das ihnen in der EU (aber nicht in der Schweiz) einen Teil des Weiterverkaufserl\u00f6ses ihrer Werke zugesteht. Die schreibende Zunft diskutiert Leistungsschutzrechte, die Weiterverwertungen von Texten in mehreren Medien regeln, Musiker m\u00fcssen entscheiden k\u00f6nnen, was geschieht, wenn Ausschnitte aus ihren Werken gesampelt oder sonstwie zitiert werden und so weiter. <\/p>\n<p> Es existieren \u00fcberdies eine Vielfalt an Querverbindungen, die das Problem noch komplexer machen, zum Beispiel die Parallelen zum Patentrecht in der Wissenschaft oder die Frage, wie weit soziale Sicherheiten \u2013 etwa Rentensysteme \u2013 Teil einer Gesamtl\u00f6sung der Rechteverwertung sein sollen. K\u00f6nnen alle diese Fragen in einem Urheberrecht vereinheitlicht werden, das alle Kunstformen abdeckt? Oder m\u00fcssen f\u00fcr Bildende K\u00fcnste, Musik, Literatur und B\u00fchnenk\u00fcnste gesonderte L\u00f6sungen gefunden werden? Die sehr unterschiedliche Beschaffenheit der Kunstformen \u2013 die einen etwa schaffen konkrete Objekte, andere bloss Ideen \u2013 l\u00e4sst vermuten, dass Individuall\u00f6sungen sinnvoll und Globalsysteme unm\u00f6glich sind. <\/p>\n<p> Ein weiterer Aspekt spielt ein wichtige Rolle: Die freie Distribution von Ideen und Informationen ist staatspolitisch, wirtschaftlich und sozial w\u00fcnschbar. Eine Gesellschaft vitalisiert sich nicht zuletzt \u00fcber den freien Ideenaustausch; soziale Gerechtigkeit und politische Chancengleicheit werden vom freien Informationsfluss entscheidend bef\u00f6rdert. <\/p>\n<p> Letzteres legt es nahe, Urheberrechtsschutz in einer Art Zweiklassen-System differenziert zu behandeln. Faktisch ist dies heute in den K\u00fcnsten und der Wissenschaft bereits der Fall. Die Gleichbehandlung aller Urheber, ob sie nun mit ihren Rechten namhafte Betr\u00e4ge erwirtschaften oder bloss ein paar Franken, macht die Diskussion und die Wahrung der Rechte komplex und schwerf\u00e4llig. M\u00f6glicherweise w\u00e4re es sinnvoller, sich auf die Verteidigung der materiellen Interessen derjenigen zur\u00fcckzuziehen, die mit ihren Werken auch substantielles Einkommen generieren. Wie dies genau geschehen k\u00f6nnte, w\u00e4re zu diskutieren. <\/p>\n<p> <strong>Bedrohungen der Eigenmarke<\/strong><\/p>\n<p> Viele Kunstschaffende realisieren \u00fcberdies kaum, dass eine Bedrohung f\u00fcr ihre Arbeit nicht die fehlenden Einnahmen aus der Urheberrechte-Verwertung sind, sondern die Erosion ihrer \u00abMarken\u00bb, wenn ihr Werk frei verf\u00fcgbar ist und damit kaum noch mit ihnen assoziiert wird. Dies gef\u00e4hrdet ihre Eigenvermarktung als Sch\u00f6pfer eines Werkes \u2013 ein Effekt, der langfristig gef\u00e4hrlicher ist als das Fehlen von Tantiemen-Einnahmen. Es besch\u00e4digt das Bild, das die \u00d6ffentlichkeit vom K\u00fcnstler hat. Er ist nicht mehr Idol und Respektsperson, sondern wird zum <em>Looser<\/em> und Randst\u00e4ndigen. Sein kreatives Verdienst wird nicht mehr wahrgenommen, Kreativit\u00e4t wird zum anonymen, herrenlosen Gut. Damit wird die indirekte Verwertung via Lehrt\u00e4tigkeiten, physische Auftritte oder Beratungsdienste erheblich erschwert.<\/p>\n<p> Wege zu finden, das eigene Schaffen mit der eigenen Person zu verbinden, scheinen fast wichtiger als direkte finanzielle Abgeltungen. Sie erst erm\u00f6glichen es n\u00e4mlich auch weniger bekannten K\u00fcnstlern, sich die weitaus lukrativeren Einnahmequellen der Nebenverwertungen zu erschliessen. Schriftsteller tun dies etwa durch Lesungen und Reden, Musiker mit Konzerten und so weiter. <\/p>\n<p> Wichtig w\u00e4re dabei sicher, die Urheberrechte selber, wie dies heute ja auch der Fall ist, von Beginn weg zu garantieren, damit diese auch retrospektiv wahrgenommen werden k\u00f6nnen, wenn ein Werk lange kaum Beachtung findet und frei verf\u00fcgbar bleibt, dann aber hohe Verbreitung findet. Dies kann etwa ein Musikst\u00fcck betreffen, das auf einer Webseite frei verf\u00fcgbar ist, kopiert oder gesampelt wird, dann aber kommerziell interessant wird. <\/p>\n<p> <strong>Kreativit\u00e4t und Brotwerwerb im Gleichgewicht <\/strong><\/p>\n<p> Die Frage der Wahrung der Urheberrechte muss zusammen mit der Frage diskutiert werden, wie die grosse Masse an kreativ T\u00e4tigen, die den nachhaltigen Durchbruch als kulturelle Dienstleister nie schaffen und damit zum k\u00fcnstlerischen Prekariat geh\u00f6ren, eine Lebensgrundlage und Perspektiven im Alter erhalten k\u00f6nnen. Die Einnahmen aus Rechten sind dabei in den meisten F\u00e4llen praktisch bedeutungslos. <\/p>\n<p> Berechnungen der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft Swissperform haben ergeben, dass selbst etablierte Musiker kaum auf einen existenzsichernden Lohn kommen und die Urheberrechtseinnahmen dabei erst noch den kleinsten Anteil ausmachen. Es ist also daf\u00fcr zu sorgen, dass Renten aus der Vielfalt der Nebeneink\u00fcnfte gespiesen werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> Heutzutage h\u00e4ngen viele noch der Illusion nach, mit Hilfe von Urheberrechten als K\u00fcnstler ein Einkommen zu finden. Einige wenige werden dies tats\u00e4chlich schaffen und Apparate um sich haben, die ihre Rechte dezidiert und professionell wahrzunehmen in der Lage sind. Der Grossteil der Kreativen ist hingegen gut beraten, sich auf ein gutes Gleichgewicht zwischen kreativem Schaffen auf h\u00f6chstem handwerklichen Niveau und dazu kompatiblem Broterwerb zu konzentrieren. Die Rolle des Staates sollte es sein, dazu geeignete Rahmenbedingungen und Infrastrukturen zu schaffen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">26.07.2012 &#8212; Es wird l\u00e4nger dauern und komplexer werden, das wachsende Problem der Rechtewahrung und \u2013verwertung kreativer Arbeit sinnvoll zu l\u00f6sen. Ein grosses Hindernis: Viele h\u00e4ngen noch der Illusion nach, dank Tantiemen ein solides Auskommen zu finden. 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