{"id":302,"date":"2014-01-10T22:11:50","date_gmt":"2014-01-10T22:11:50","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/wenn-klassik-und-pop-sich-finden\/"},"modified":"2014-01-10T22:11:50","modified_gmt":"2014-01-10T22:11:50","slug":"wenn-klassik-und-pop-sich-finden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/wenn-klassik-und-pop-sich-finden\/","title":{"rendered":"Wenn Klassik und Pop sich finden"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">06.02.2013 &#8212; Pop-Klassik-Produktionen boomen. F\u00fcr die einen sind sie k\u00fcnstlerische Verwirklichung, f\u00fcr andere musikalisches Experimentierfeld. Vor allem aber sind sie eins: Spiegelbild unserer Zeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><strong>06.02.2013 &#8212; Pop-Klassik-Produktionen boomen. F\u00fcr die einen sind sie k\u00fcnstlerische Verwirklichung, f\u00fcr andere musikalisches Experimentierfeld. Vor allem aber sind sie eins: Spiegelbild unserer Zeit.<\/strong> <\/p>\n<p> Es ist Samstagabend, und der Konzertsaal des Z\u00fcrcher Kaufleutens ist wie \u00fcblich gut besucht: Man steht an der Bar, bestellt Weisswein, oder sitzt bereits am Platz und unterh\u00e4lt sich mit seiner Begleitung \u2013 heute ist gestuhlt. Das Licht wird ged\u00e4mpft, das Stimmengewirr verebbt und auf die B\u00fchne tritt Heidi Happy mit ihrer Band. Und zudem: zehn Streicher des Z\u00fcrcher Kammerorchesters. <\/p>\n<p> Die Musik spielt irgendwo zwischen Pop, Country und Singer-Songwriter, l\u00e4sst sich aber keiner Kategorie eindeutig unterordnen \u2013 eher sind es einzelne Elemente verschiedener Stilrichtungen, die in den Songs zu einem stimmungsvollen Ganzen zusammenfinden. Die Streicher im Hintergrund verleihen der Musik zus\u00e4tzliche Tiefe und runden das Klangbild ab.<\/p>\n<p> Violinen und Celli im Z\u00fcrcher Szene-Club sind ungewohnt, doch die Streicher f\u00fcgen sich so nahtlos ins Bild des rot drapierten Saals, als geh\u00f6rten sie zum Inventar. Trotzdem dr\u00e4ngt sich die Frage auf: Wie kommen eine Pop-S\u00e4ngerin und ein klassisches Kammerorchester dazu, gemeinsame Sache zu machen?<\/p>\n<p> F\u00fcr Heidi Happy ist es nicht das erste Mal, dass sie mit einem klassischen Orchester Musik macht. \u00abIch hatte schon immer den Wunsch, einmal f\u00fcr ein Orchester zu komponieren\u00bb erz\u00e4hlt sie. Zu klassischer Musik hatte sie bereits als Kind Zugang, sie hat in ihrer Jugend selber Cello gespielt. Nachdem sie sich als Heidi Happy einen Namen gemacht hatte, erf\u00fcllte sie sich mit ihrem dritten Album einen langj\u00e4hrigen Traum: F\u00fcr das 2011 erschienene Album \u00abHiding with the Wolves\u00bb schrieb sie s\u00e4mtliche Songs f\u00fcr Band und Orchester, und spielte diese mit der Camerata Musica Luzern zusammen ein.<\/p>\n<p> <strong>Mit \u00abZKO meets\u2026\u00bb aus eingefahrenen Klassikritualen<\/strong><\/p>\n<p> Auch f\u00fcr das Z\u00fcrcher Kammerorchester ist ein Konzert dieser Art keine Premiere. Im Gegenteil: Es ist im Rahmen seiner eigenen Reihe \u00abZKO meets\u2026\u00bb entstanden, einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Kaufleuten Club Z\u00fcrich. Dreimal pro Saison spielt hier das Z\u00fcrcher Kammerorchester, zusammen mit einem nicht-klassischen K\u00fcnstler. Das Programm soll eine neue H\u00f6rerschaft erschliessen. Denn Traditionsorchester haben \u2013 wie die Klassik allgemein \u2013 ein Problem: Ihre Besucherzahlen sind seit Jahrzehnten r\u00fcckl\u00e4ufig.<\/p>\n<p> Michael B\u00fchler, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Z\u00fcrcher Kammerorchesters, kennt die Tendenzen: \u00abDas klassische Publikum ist \u00fcberaltert, und die Jungen ziehen nicht nach\u00bb. Doch wo liegt das Problem? Laut dem Bundesamt f\u00fcr Statistik h\u00f6ren die Schweizer nach Pop\/Rock am liebsten klassische Musik \u2013 noch vor Jazz, Blues oder Techno. \u00abSchuld, dass die Besucher immer weniger werden, ist nicht die Musik\u00bb, erkl\u00e4rt B\u00fchler. \u00abEs ist die Art, wie sie pr\u00e4sentiert wird\u00bb. <\/p>\n<p> Die Form des klassischen Konzerts stammt aus dem Jahr 1850, gepr\u00e4gt durch das damalige Bildungsb\u00fcrgertum, und hat sich seither kaum ver\u00e4ndert: Die Rituale im Konzertsaal sind heute noch die Gleichen wie vor hundertf\u00fcnfzig Jahren. \u00abKlar hat das junge Publikum vor dem Konzertsaal Schwellenangst\u00bb, so B\u00fchler. Dazu kommt ein weiteres Problem: W\u00e4hrend die Form des Konzerts bis heute in Stein gemeisselt geblieben ist, haben sich gleichzeitig die Gewohnheiten des Publikums grundlegend ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p> Fr\u00fcher geh\u00f6rte der regelm\u00e4ssige Konzertbesuch zum guten Ton, und dazu geh\u00f6rte der Besitz eines Konzertabonnements. \u00abDer Grossteil der Einnahmen klassischer Orchester stammte aus dem Erl\u00f6s der Konzertabos\u00bb erkl\u00e4rt B\u00fchler, \u00abdas Bed\u00fcrfnis der Konsumenten hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch fundamental gewandelt. Die Nachfrage nach Konzertabos ist stetig zur\u00fcckgegangen\u00bb. <\/p>\n<p> <strong>Das Internet hat das Ausgehverhalten revolutioniert<\/strong><\/p>\n<p> Auf der einen Seite ist das kulturelle Angebot im Laufe des 20. Jahrhunderts geradezu explodiert. Vor allem das Internet hat der Entwicklung Vorschub geleistet. Es hat kleinen K\u00fcnstlern in s\u00e4mtlichen Sparten als Plattform gedient, und sie sind so zur immer st\u00e4rkeren Konkurrenz f\u00fcr etablierte Institutionen geworden. Auf der anderen Seite hat der technologische Fortschritt unseren Zugang zu Information revolutioniert, und dadurch unser Freizeitverhalten entscheidend beeinflusst.<\/p>\n<p> Wichtigste Informationsquelle f\u00fcr Veranstaltungen ist heute nicht mehr das Kulturprogramm der Tageszeitung, sondern die App auf dem Smartphone, die uns st\u00e4ndig und \u00fcberall mit den neusten Updates versorgt. Es ist zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden, immer flexibel ausw\u00e4hlen zu k\u00f6nnen: heute die Vernissage im Kunstmuseum, morgen das Jazz-Konzert im Volkshaus. Wenn der regelm\u00e4ssige Opernbesuch fr\u00fcher als Statussymbol gegolten hat, so ist heute hip, wer spontan ist, vielseitig interessiert und st\u00e4ndig weiss, was l\u00e4uft. \u00abDas Konzept des Konzertabos, welches zum regelm\u00e4ssigen Besuch eines Orchesters verpflichtet, ist nicht mehr mit den heutigen Bed\u00fcrfnissen vereinbar. In der Klassik haben wir die Entwicklungen lange verschlafen \u2013 nun gilt es, auf die ver\u00e4nderte Nachfrage zu reagieren\u00bb.<\/p>\n<p> Michael B\u00fchlers Rezept ist, das Publikum nicht als homogene Masse zu begreifen. Eher solle man verschiedene Zielgruppen direkt ansprechen: \u00abEs ist wichtig, die verschiedenen Gruppen nicht zu vermischen. Die Chance, dass ein Besucher des Heidi Happy-Konzerts im Kaufleuten sp\u00e4ter f\u00fcr einen Anlass in die Tonhalle kommt, ist sehr gering\u00bb, meint B\u00fchler. Viel wichtiger sei es, die Leute \u00fcberhaupt mit klassischer Musik in Kontakt zu bringen \u2013 nur so k\u00f6nnen bestehende Vorurteile abgebaut werden. \u00abW\u00e4hrend wir in der Klassik seit Jahren mit sinkenden Besucherzahlen k\u00e4mpfen, sehen wir in der Popmusik einen wachsenden Markt. Den gilt es, zu erschliessen\u00bb.<\/p>\n<p> <strong>Crossover-Projekte boomen auch in der Schweiz<\/strong><\/p>\n<p> Doch besteht seitens der Popk\u00fcnstler \u00fcberhaupt das Bed\u00fcrfnis, sich mit klassischer Musik abzugeben? Ja, antwortet Philipp Schnyder von Wartensee, Leiter des Migros-Kulturprozent-Festivals \u00abM4Music\u00bb. \u00abIn den letzten Jahren hat es einen regelrechten Boom des Zusammenspiels von Popmusikern mit klassischen Orchestern gegeben\u00bb, so Schnyder. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sucht er aber nicht allein in Marketing-\u00dcberlegungen: \u00abAngesichts der enormen F\u00fclle an popul\u00e4rer Musik ist es f\u00fcr einen K\u00fcnstler nat\u00fcrlich zentral, sich mit seiner Musik von der Masse abzuheben. Doch ich w\u00fcrde diesen strategischen \u00dcberlegungen auch nicht zuviel Gewicht einr\u00e4umen. F\u00fcr den einzelnen Musiker steht der k\u00fcnstlerische Anspruch sicher im Vordergrund\u00bb.<\/p>\n<p> F\u00fcr die Labels, welche die CDs der K\u00fcnstler produzieren, spielen wirtschaftliche Erw\u00e4gungen jedoch durchaus eine Rolle. Die Flut von Crossover-Produktionen der letzten Jahre w\u00e4re ohne eine entsprechende Nachfrage danach nicht zu erkl\u00e4ren. \u00abNat\u00fcrlich ist es f\u00fcr einen Fan sehr beeindruckend, wenn sein Lieblingsk\u00fcnstler mit einem ganzen Orchester zusammen auf der B\u00fchne steht\u00bb, meint Schnyder. \u00abSeit 2010 hat die Begleitung von Popkonzerten durch klassische Orchester derart zugenommen, dass es zwar beeindruckend, jedoch oft nicht mehr wirklich originell ist.\u00bb<\/p>\n<p> <strong>Unterschiedliche Budgets und Produktionskosten<\/strong><\/p>\n<p> Trotz den Erfolgen solcher Zusammenschl\u00fcsse gibt es auch H\u00fcrden f\u00fcr die Zusammenarbeit. Gr\u00f6sstes Hindernis: Orchester sind f\u00fcr viele Pop-K\u00fcnstler zu teuer. \u00abOrchester arbeiten oft mit grossen Budgets, die in der Poplandschaft schwerlich Platz haben. Hier k\u00f6nnen auch schon verh\u00e4ltnism\u00e4ssig kleine Beitr\u00e4ge eine grosse Hebelwirkung erzeugen\u00bb, erkl\u00e4rt Schnyder.<\/p>\n<p> Dasselbe Problem beschreibt auch Heidi Happy: \u00abNat\u00fcrlich w\u00fcrde ich gerne wieder mit Orchestern zusammenarbeiten\u00bb meint sie. \u00abDoch daf\u00fcr sind die meisten Orchester zu teuer und zu gross\u00bb, womit sie einen weiteren Punkt trifft: Klassische Orchester sind logistische Unget\u00fcme, nicht selten versammeln sie dreissig oder mehr Musiker auf der B\u00fchne, und sind daher an den Konzertsaal als Veranstaltungsort gebunden \u2013 in einem Club, der vorwiegend Pop-H\u00f6rer anzieht, hat ein Orchester schlicht keinen Platz.<\/p>\n<p> Michael B\u00fchler sucht daher nach Wegen, den Anlass im Konzertsaal selbst lockerer zu gestalten. \u00abVielleicht kommen wir wieder auf eine Form zur\u00fcck, wie sie vor 1850 existiert hat\u00bb, \u00fcberlegt B\u00fchler. \u00abDamals war das klassische Konzert vor allem ein Ort, wo man sich trifft, im Zentrum stand eher der soziale Austausch als das musikalische Erlebnis selbst. Mit der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft gewinnen Konzerte als Orte des sozialen Austauschs an Bedeutung\u00bb. <\/p>\n<p> <strong>Konzert als Plattform f\u00fcr soziale Kontakte<\/strong><\/p>\n<p> Das ZKO setzt diese Idee mit der \u00abZKO-Lounge\u00bb um: Nach dem rahmen\u00fcblichen Konzert in der Tonhalle werden die Besucher eingeladen, mit den Musikern des Orchesters anzustossen. So wird das Konzert neben dem musikalischen Erlebnis zur Plattform f\u00fcr soziale Kontakte. Die Analogie zur Popmusik ist augenf\u00e4llig: Ein Popkonzert ist ein lockerer Anlass, man h\u00f6rt nicht nur der Band zu, sondern trinkt Bier und unterh\u00e4lt sich dabei. Ob solche Projekte zukunftsweisend sind, wird sich zeigen: Die ZKO-Lounge jedenfalls erfreut sich grosse Beliebtheit. Wie schnell dadurch junge H\u00f6rer in den Konzertsaal gezogen werden, bleibt eine andere Frage.<\/p>\n<p> F\u00fcr Michael B\u00fchler ist dies jedoch kein Problem, da er ohnehin f\u00fcr die Trennung der verschiedenen Zielgruppen pl\u00e4diert. \u00abAls Kammerorchester haben wir den grossen Vorteil, dass wir auch in einem Club wie dem Kaufleuten Platz haben, hier k\u00f6nnen wir auch ein junges Publikum erreichen\u00bb, meint B\u00fchler, und f\u00fcgt an, dass viele Besucher das ZKO gerade wegen seinem breiten Angebot sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p> Doch verliert das Orchester dadurch nicht an Profil? Wahrscheinlich schon. Doch trifft es damit den Zeitgeist: zur individuellen Verwirklichung geh\u00f6rt es, sich nicht \u00fcber einen einzelnen Askpekt zu definieren, was sich auch im aussterbenden Konzertabo manifestiert. Michael B\u00fchlers Strategie setzt genau hier an: Verschiedene Zielgruppen mit einem zugeschnittenen Angebot ansprechen, ohne dass es zwischen Ihnen eine Verbindung gibt. Auch Heidi Happy bewegt sich mit ihrer Musik zwischen verschiedenen Stilrichtungen \u2013 jedoch nicht, um sie zu trennen, sondern im Gegenteil um sie zu vereinen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>mm<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">06.02.2013 &#8212; Pop-Klassik-Produktionen boomen. F\u00fcr die einen sind sie k\u00fcnstlerische Verwirklichung, f\u00fcr andere musikalisches Experimentierfeld. Vor allem aber sind sie eins: Spiegelbild unserer Zeit.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-302","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=302"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/302\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=302"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=302"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=302"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}