{"id":303,"date":"2014-01-11T07:45:56","date_gmt":"2014-01-11T07:45:56","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-rueckkehr-des-espressivo\/"},"modified":"2014-01-11T07:45:56","modified_gmt":"2014-01-11T07:45:56","slug":"die-rueckkehr-des-espressivo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-rueckkehr-des-espressivo\/","title":{"rendered":"Die R\u00fcckkehr des Espressivo"},"content":{"rendered":"<p>25.11.2004<\/p>\n<p> <center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">25.11.2004 &#8212; Mitte des letzten Jahrhunderts sind in Zentraleuropa auf folgenreiche Art Weichen gestellt worden &#8211; mit der rigiden Ablehnung der sp\u00e4tromantischen Gef\u00fchls\u00e4sthetik. Die strukturorientierte Avantgarde und der Geschmack des Durchschnittsh\u00f6rers, der beim Musikerlebnis vor allem emotionale Stimulation sucht, haben sich weit auseinander bewegt. Expressivit\u00e4t, t\u00f6nte es aus der avantgardistischen Ecke, ist bloss simple Reizstimulation, eine Wiederholung des Ewiggleichen und damit \u00abAbgenutzten\u00bb, nicht tauglich, um den Durst nach Innovation zu stillen. Gef\u00fchls\u00e4sthetiken standen (und stehen) \u00fcberdies im Verdacht, die Musikliebhaber f\u00fcr die unlauteren Zwecke einer manipulierenden Marketing- und Konsumgesellschaft zu missbrauchen. Expressivit\u00e4t wurde deshalb bloss in Form ironischer Zitate oder f\u00fcr Extrembereiche zugelassen: F\u00fcr die Darstellung von Holocaust und innerer Verzweilfung oder bissigem Zynismus und existentialem Verlorensein.<\/p>\n<p> Emotionalit\u00e4t hat tats\u00e4chlich sehr viel mit Funktion zu tun; Gef\u00fchle in der Musik sind naturgem\u00e4ss mit einer Funktion verbunden, mit der Ausdeutung eines Filmgeschehens, als Mittel der Therapie, zur gef\u00fchlsm\u00e4ssigen Identit\u00e4tsstiftung beim \u00abCorporate Sound\u00bb und so weiter. Damit einher geht aber auch, dass Musik dort, wo sie die Gef\u00fchlsseite anspricht, h\u00e4ufig nicht dem Werkcharakter entspricht.<\/p>\n<p> Interessant ist, dass die musikalische Avantgarde immer mal wieder wortreich den Werkbegriff zu demontieren suchte und dabei \u00fcbersah, dass die viel geschm\u00e4hte Gef\u00fchlsmusik diesen schon immer durchbrochen hatte. Handy-Klingelt\u00f6ne werden nicht auf dem Konzertpodium gespielt, Musik zu TV-Spots nicht im Kammermusiksaal.<\/p>\n<p> Fatal an der avantgardistischen Verweigerung ist, dass nie auch nur nach Ans\u00e4tzen einer Theorie des innovativen Umgangs mit Emotionalit\u00e4t in der Musik gesucht wurde. Es kommt ja auch nicht von ungef\u00e4hr, dass die \u00abMelodienseligkeit\u00bb bei der Moderne unter Sentimentalit\u00e4tsverdacht stand. Das Feld wurde kampflos der Popszene \u00fcberlassen &#8211; und dem Jazz. Letzterer wurde als Stil, der stets den Bauch treffen will, vor allem zu einer Theorie der Melodie. Im Gegensatz dazu mutierte die klassische Avantgarde mit ihren immer komplexeren und abstrakteren Parameterkontrollen zur Theorie der inneren Struktur des gefrorenen Klanges.<\/p>\n<p> Der Streit zwischen Bewahren und Erneuern ist nicht aus purem Zufall auf der B\u00fchne der Affekte ausgetragen worden: Das emotionale System des Menschen ist das konservative, bewahrende und Stabilit\u00e4t bietende. Es erstaunt ja nicht, dass vor allem konservative politische Bewegungen ihre W\u00e4hler auf der Gef\u00fchlsebene abholen. Im Gegensatz dazu verk\u00f6rpert die abstrakte Rationalit\u00e4t die Fortschritt suchende Seite der menschlichen Ganzheit. Die Linke neigt ja auch eher zur (endlosen) Debatte, zu Intellektualismus und Theoretisieren. Daraus zu schliessen, dass Emotionalit\u00e4t innovationsresistent w\u00e4re, ist der grosse Irrtum der zentraleurop\u00e4ischen Moderne.<\/p>\n<p> Die unterschiedlichsten Musikkulturen haben Expressivit\u00e4t in un\u00fcbersehbarer Vielfalt entwickelt, vom Shakuhachi-Repertoire Japans \u00fcber die indischen Ragas und den amerikanischen Gospel, der das Singen gr\u00fcndlichst revolutionierte, bis zur ekstatischen Polyrhythmik Afrikas. Viele traditionelle Formen des Musizierens sind wegen der Schm\u00e4hung der Gef\u00fchls\u00e4sthetik hierzulande verk\u00fcmmert. Wo sind etwa zeitgen\u00f6ssische Musiken f\u00fcr Hochzeiten, Beerdigungen und die Begleitung des beruflichen Alltags? Oder moderne Hymnen von Parteien und Fussballklubs? Welcher zeitgen\u00f6ssische Kunstmusiker schreibt Werbejingles oder Fahrstuhlmusik?<\/p>\n<p> Codex flores versteht Musik in ihrer Ganzheit auch und in hohem Masse als Ausdruck menschlicher Emotionalit\u00e4t und seelischer Befindlichkeit im Alltag. Das Magazin f\u00e4chert deshalb konsequenterweise ein breites thematisches Spektrum auf. Es reicht von Filmmusik \u00fcber Klingelt\u00f6ne, Ethnopop bis zu Musiktherapie und den Experimenten der zeitgen\u00f6ssischen Oper. Was auf den ersten Blick nach Popul\u00e4rkultur und Gef\u00e4lligkeit riecht, ist n\u00e4mlich angesichts des Bannes der Moderne schon wieder subversiv zu nennen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25.11.2004 Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 25.11.2004 &#8212; Mitte des letzten Jahrhunderts sind in Zentraleuropa auf folgenreiche Art Weichen gestellt worden&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-303","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/303","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=303"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/303\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=303"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}