{"id":304,"date":"2014-01-11T07:46:43","date_gmt":"2014-01-11T07:46:43","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-letzte-bastion-der-metaphysik\/"},"modified":"2014-01-11T07:46:43","modified_gmt":"2014-01-11T07:46:43","slug":"die-letzte-bastion-der-metaphysik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-letzte-bastion-der-metaphysik\/","title":{"rendered":"Die letzte Bastion der Metaphysik"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">06.12.2004 &#8212; In der Philosophie ist die Metaphysik schon l\u00e4ngst im Museum gescheiterter Ideen gelandet. In der europ\u00e4ischen Kunstmusik feiert sie nach wie vor Urst\u00e4nd. Viele Komponisten geb\u00e4rden sich noch heute wie barocke Meister, die Winkel und Ecken von Kirchen liebevoll und detailreich auspinseln, auch wenn sie vom Kirchg\u00e4nger unm\u00f6glich eingesehen werden k\u00f6nnen. Man malt f\u00fcr Gott, nicht f\u00fcr den Menschen. Die zeitgen\u00f6ssische Kunstmusik besch\u00e4ftigt sich obsessiv mit Strukturen und Architekturen. Das menschliche Mass ist zweitrangig. Metaphysik kann solche Glasperlenspiele als Suche nach einer h\u00f6heren Wirklichkeit verteidigen. Der aufgekl\u00e4rte Mensch gewinnt der Musik bloss etwas ab, wenn sie dem <em>Menschen<\/em> hilft, die eigene Sinnlichkeit besser zu verstehen. <\/p>\n<p> Charakteristisch f\u00fcr die Einstellung ist eine Passage in Helga de la Motte-Habers \u00abHandbuch der Musikpsychologie\u00bb. Die Autorin schreibt \u00fcber die musikalische Transfomationsgrammatik der Amerikaner Lerdahl und Jackendoff, die eine subtile Theorie \u00fcber die Eigenheiten des menschlichen H\u00f6rens entwirft: \u00abDa nicht an der Theorie gezweifelt wurde, kam es zu extremen Ablehnungen von Werken von Ligeti und Boulez. Der Aufsatz <em>Cognitive Constraints on Computational Systems<\/em> &#8230; w\u00e4re besser nie zum Druck gelangt.\u00bb Was ist Lerdahls \u00abVerbrechen\u00bb? In dem Aufsatz (in dem \u00fcbrigens nichts von extremer Ablehnung, daf\u00fcr viel von kritschem Respekt zu sp\u00fcren ist) bezweifelt der Musiktheoretiker, dass die Kompositionsgrammatik im \u00abMarteau sans maitre\u00bb von Boulez auch die H\u00f6rgrammatik bestimmt. Mit anderen Worten: Lerdahl ist \u00fcberzeugt, dass der H\u00f6rer \u2013 selbst der kundige! \u2013 nicht in der Lage ist, tats\u00e4chlich die Strukturen aus dem Werk heraus zu h\u00f6ren, die ihm Boulez als Kompositionsprinzip zugrundelegt hat. <\/p>\n<p> De la Motte-Habers Bannspruch ist 2002 unver\u00e4ndert auch in die 3. Auflage des \u00abHandbuches\u00bb \u00fcbernommen worden. Dies, ohne dass dabei auch nur ansatzweise erkl\u00e4rt w\u00fcrde, was Lerdahl in dem fraglichen Aufsatz \u00fcberhaupt postuliert. Die Unredlichkeit erinnert an Propagandemethoden in autorit\u00e4ren Systemen. Lerdahl h\u00e4tte eine kritische, aber auch korrekte Darstellung seiner Gedanken verdient. An ihrem Gewicht kann nicht gezweifelt werden. Immerhin hat die European Society for the Cognitive Sciences of Music (Escom) im Fr\u00fchling 2003 seinem Opus Magnum \u00abTonal Pitch Space\u00bb einen ganzen Band ihrer Fachzeitschrift \u00abMusicae Scientiae\u00bb gewidmet.<\/p>\n<p> Die Fehlleistung ist sympomatisch. Man verteidigt obsessiv das Recht, sich mit abstrakten Strukturen zu besch\u00e4ftigen. Der H\u00f6rer hat gef\u00e4lligst das Sensorium daf\u00fcr zu entwickeln. Dabei g\u00e4lte es, alle Energien aufzuwenden, um die Strukturen der menschlichen Erfahrungsf\u00e4higkeit und ihre Umsetzung in k\u00fcnstlerische Konzepte zu erforschen. Rechtfertigen kann man die misanthropisch anmutende Haltung eben nur auf Basis einer Metaphysik: Ein fiktives (und philosophisch schon lange gem\u00fclltes) Absolutes wird zum Mass der Musik genommen. <\/p>\n<p> Man stellt sich die Frage, ob man eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit der Kunstmusikproduktion einmal hinterfragen sollte: Die Meinung, dass Musik immer das einsame Erzeugnis eines Einzelnen, des Komponisten, sein muss. Mit dieser hinkt die Tonkunst als Wissenschaft des auditiven Erlebens den Naturwissenschaften um Jahrzehnte hinterher. In den harten Wissenschaften wurde das Paradigma des Einzelk\u00e4mpfers, das zu Zeiten Newtons und sogar noch zu denjenigen Albert Einsteins galt, zu Gunsten einer teamorientierten Forschung abgel\u00f6st. Man werfe nur einmal einen Blick in eine naturwissenschaftliche Fachpublikation. Da zeichnet mitterweile immer ein ganzes Team f\u00fcr eine Arbeit verantwortlich. Vielleicht w\u00e4re es ein Weg aus der kreativen Sackgasse, Musik k\u00fcnftig in einem Team aus kommunikativen Machern und Pr\u00f6blern zu produzieren. <\/p>\n<p> Ist es verwegen zu hoffen, dass die Musikforschung, deren Experimente die Kompositionen darstellen, auch einmal einen \u00e4hnlichen Aufschwung wie die Naturwissenschaften erleben wird, wenn sie endlich den metaphysischen Ballast abgeworfen hat?<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 06.12.2004 &#8212; In der Philosophie ist die Metaphysik schon l\u00e4ngst im Museum gescheiterter Ideen gelandet. 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