{"id":305,"date":"2014-01-11T07:47:24","date_gmt":"2014-01-11T07:47:24","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/krise-der-musikkritik\/"},"modified":"2014-01-11T07:47:24","modified_gmt":"2014-01-11T07:47:24","slug":"krise-der-musikkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/krise-der-musikkritik\/","title":{"rendered":"Krise der Musikkritik?"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">17.12.2004 &#8212; Alles wird schlimmer: Der redaktionelle Platz f\u00fcr Musikkritik geht zur\u00fcck, die Leser lassen sie links liegen, die Gesellschaft wird infantil und denkfaul, hirnloser Primitivismus macht sich breit. Aus solchem Zynismus l\u00e4sst sich s\u00fcffige Kulturkritik basteln. Vorgestanzte, bereits etwas angegraute Bastelbogen dazu liefern nicht selten Kritische Theorie und Postmoderne. Nur ist die Diagnose mit einem kleinen Makel behaftet: Das Gegenteil ist wahr. Noch nie waren so viele Menschen so gut ausgebildet und an h\u00f6heren Dingen interessiert wie heute; noch nie wurde so viel Musik auf so hohem Niveau produziert; noch nie gab es eine so breite Partizipation am Kulturleben und so lebhafte Debatten. Weshalb also dieser Pessimismus? Weil die <em>Ausweitung<\/em> (und nicht Ersetzung) des TV- und Radio-Angebotes durch private Sender als Indikator missbraucht und ansonsten Nabelschau betrieben wird. Wenn das Feuilleton bloss noch auf sich selber blickt, dann provoziert es halt eben bloss noch Mangel an Engagement, Langeweile und Sinnkrisen. <\/p>\n<p> Man bedenke, welche st\u00fcrmische Entwicklungen die Musik selber in den letzten 120 Jahren durchgemacht hat. Dann vergegenw\u00e4rtige man sich die Formen, Kriterien und den <em>Geruch<\/em> der heutigen Musikkritik. Sie ist im Grossen und Ganzen auf dem methodischen Stand des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts, bloss dass einstmals vitale Kampflust zum attit\u00fcdenhaften Ritual erstarrt ist. Dies zeigt sich an den Widerspr\u00fcchen in der Verteidigung vermeintlicher Kulturwerte.<\/p>\n<p> Drei Aspekte sind da genauer zu betrachten. <\/p>\n<p> Erstens: Die Musikkritik pocht auf die Freiheit des Denkens. Weshalb veschwendet sie diese dann an die hundertste Inszenierung des \u00abDon Giovanni\u00bb und die dreihunderteinhalbste Interpretation der Hammerklaviersonate? Wo ist der Kritiker, der sich kategorisch weigert, diese von den Bed\u00fcrfnissen des Kulturmarktes generierten Produktionen im Feuilleton zu besprechen, wenn der Platz doch so rar ist? Es ist nicht allzu verwegen zu behaupten, dass die Kritik in Jahrzehnten der publizistischen Freiheit die Gelegenheit gehabt h\u00e4tte, sich der Instrumentalisierung durch den Markt zu entziehen und das Nachdenken \u00fcber Musik als Eigenwert zu konstituieren. <\/p>\n<p> Aus Eitelkeit, als \u00abAdabei\u00bb, wie es in \u00d6sterreich so sch\u00f6n heisst, tanzt die eitel gewordene Kritik aber brav mit. Das Kulturmanagement kann sich deshalb sozusagen aufs Gewohnheitsrecht berufen und die Chefredaktoren ihre argumentatorischen Messer schleifen: Wer die Bed\u00fcrfnisse des kommerziellen Marktes befriedigt, muss sich auch an diesen messen lassen. <\/p>\n<p> Damit ist der zweite Punkt angesprochen: Wenn Kritiken schon nicht aus purer k\u00fcnstlerischer Notwendigkeit geschrieben werden, dann sollen sie sich anders legitimieren. Sie m\u00fcssen also wenigstens \u2013 dies wird zur wesentlichen Forderung \u2013 Lesevergn\u00fcgen bereiten.<\/p>\n<p> Wird der Genuss aber zum strategischen Argument, dienen treffende Metaphern und bissige Formulierungen nicht mehr dazu, einen Gedanken sch\u00e4rfer hervortreten zu lassen, sondern suchen sie f\u00fcr sich selber den Applaus, auch dann werden halt eben Konsumbed\u00fcrfnisse befriedigt, und der Autor muss sich auch dann am Markt messen lassen: Bedient der Geist sich der Marktgesetze, kann nicht beklagt werden, dass der Markt den Geist regiert.<\/p>\n<p> Drittens: Ausgerechnet die Kritik, die sich sonst im Anspruch des radikalen Hinterfragens gef\u00e4llt, bleibt auf halbem Weg stehen, wenn Forderungen nach mehr R\u00fccksicht auf den Markt aufs Tapet kommen. \u00d6konomisches Denken wird in misanthropischem Gestus einfach reflexartig und mechanisch verurteilt. <\/p>\n<p> Es wird nicht gefragt, weshalb denn die Marktargumente so m\u00e4chtig geworden sind, ob vielleicht etwas Begr\u00fcssenwertes hinter ihnen st\u00fcnde und wie man es befriedigen k\u00f6nnte, ohne die nicht verhandelbaren eigenen Werte \u2013 das zweckfreie Streben nach Erkenntnis und die Erweiterung der menschlichen Wahrnehmungsf\u00e4higkeit \u2013 aufgeben zu m\u00fcssen. Dass das zweckfreie Streben nach Erkenntnis im Dienste des Menschen steht und damit durch die Hintert\u00fcr der Markt sich paradoxerweise wieder sein Recht verschafft, wird abgeleugnet. Anstatt den kreativen Umgang mit den Anforderungen einer modernen Gesellschaft zu suchen, verweigert die Kritik den Dialog. <\/p>\n<p> So muss vom Feuilleton Zweierlei gefordert werden: Mehr Kooperation bei den legitimen Bem\u00fchungen der Medienstrategen, dank h\u00f6herer Beachtung ihrer Produkte das \u00f6konomische \u00dcberleben zu sichern, und gleichzeitig ein unverkrampftes, vorw\u00e4rtsblickendes und kreatives Ansprechen der grunds\u00e4tzlichen Fragen: Wozu dient Kritik eigentlich, wozu dient sie <em>heute<\/em> und wie lassen sich neue redaktionelle Formen finden, die ihr das nachhaltige, authentische Interesse von Lesern und H\u00f6rern erneut sichern? <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins. F\u00fcr die Berner Tageszeitung \u00abDer Bund\u00bb schrieb er als festangestellter Mitarbeiter jahrelang Konzertrezensionen zu klassischer Musik und Worldmusic.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 17.12.2004 &#8212; Alles wird schlimmer: Der redaktionelle Platz f\u00fcr Musikkritik geht zur\u00fcck, die Leser lassen sie&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-305","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/305","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=305"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/305\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=305"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=305"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=305"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}