{"id":309,"date":"2014-01-11T07:49:59","date_gmt":"2014-01-11T07:49:59","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/tribalismus-im-musikleben\/"},"modified":"2014-01-11T07:49:59","modified_gmt":"2014-01-11T07:49:59","slug":"tribalismus-im-musikleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/tribalismus-im-musikleben\/","title":{"rendered":"Tribalismus im Musikleben"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">05.02.2005 &#8212; Der englische Musik\u00e4sthetiker Roger Scruton wirft in seinem Buch \u00abThe Aesthetics of Music\u00bb der Rockmusik ein primitive Form von Tribalismus vor (eine umfassende Rezension des umstrittenen Buches findet sich <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=34\">hier<\/a>). Scruton st\u00f6sst damit ins gleiche Horn wie viele Musiksoziologen, welche die Rockmusik wegen soziologischer Merkmale auf eine tiefere kulturelle Ebene stellen als die Kunstmusiken des Abendlandes, den Jazz, die sogenannte ernste Musik und weitere ausgekl\u00fcgelte Formen des Musizierens. Einige winden sich, wenn es darum geht, die Hierarchie zu benennen &#8211; schliesslich leben wir im Zeitalter von Werterelativismus und Political Correctness &#8211; im Endeffekt l\u00e4uft&#8217;s aber immer auf die simple Tatsache hinaus, dass Rock in ihren Augen halt eben primitiver ist als \u00abDie Kunst der Fuge\u00bb.<\/p>\n<p> Das Dumme ist, dass das real existierende Musikleben gerade ein gegenteiliges Verhalten zeigt: Je \u00abzivilisierter\u00bb ein Volk, umso mehr wird sein Musikleben von Stammesdenken bestimmt: In den meisten L\u00e4ndern des fr\u00fcher einmal \u00abDritte Welt\u00bb genannte S\u00fcdens ist Musik eine einigende und sozialisierende Kraft: Alle Generationen h\u00f6ren dasselbe. Ob man in Zaire Soukous liebt, ist nicht eine Frage von Alter oder Herkunft, die Musica Popular Brasileira ist im gr\u00f6ssten Land Lateinamerikas das Ding aller Volksgruppen und Altersschichten und Bollywood-Soundtracks erreichen in Indien jedermann und -frau. <\/p>\n<p> Kennzeichen des Tribalismus zeichnen vor allem das Musikleben der europ\u00e4ischen \u00abHochkulturen\u00bb aus. Hierzulande grenzen sich Jugendliche mit ihren eignen Musikstilen gegen die Erwachsenen ab und Erwachsenengruppen bewegen sich vornehmlich innerhalb ihrer eigenen Subkultur. Chorliebhaber und Laiens\u00e4ngerinnen lassen sich genausogut identifizieren wie Jazzfans und Vertreter der Neuen Musik, von Punks, Rastafaris oder Kirchenorganisten ganz zu schweigen.<\/p>\n<p> Wie schwierig es ist, dieses Stammesdenken in Form von musikalischen Identit\u00e4ten zu knacken und sparten\u00fcbergreifende Veranstaltungen zu organisieren, kann jeder Konzertpromotor best\u00e4tigen. Der Betreiber eines Jazzcaf\u00e9s generiert h\u00fcben und dr\u00fcben bloss Frustrationen, wenn er einen Abend mit Haydns Streichquartetten veranstaltet, und die Direktion eines klassischen Konzerthauses f\u00fcllt zwar das Haus mit einer Jazzlegende \u2013 nur eben mit einem v\u00f6llig andern Publikum, das damit keineswegs f\u00fcr klassische Konzerte im gleiche Haus zu gewinnen ist. Daf\u00fcr verweigert sich das eigene Stammpublikum wiederum dem Blick \u00fcber den Zaun. <\/p>\n<p> M\u00f6glicherweise wird in der Musiksoziologie das Pferd am Schwanz aufgez\u00e4umt, wenn sie die stillschweigende Voraussetzung macht, dass Stammesdenken ein Merkmal \u00abprimitiverer\u00bb Nationen ist. Zumindest in der Musik scheinen die Dinge da auf dem Kopf zu stehen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 05.02.2005 &#8212; Der englische Musik\u00e4sthetiker Roger Scruton wirft in seinem Buch \u00abThe Aesthetics of Music\u00bb der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-309","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/309","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=309"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/309\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=309"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=309"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=309"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}