{"id":310,"date":"2014-01-11T07:51:49","date_gmt":"2014-01-11T07:51:49","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/darf-muss-journalismus-trocken-sein\/"},"modified":"2014-01-11T07:51:49","modified_gmt":"2014-01-11T07:51:49","slug":"darf-muss-journalismus-trocken-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/darf-muss-journalismus-trocken-sein\/","title":{"rendered":"Darf (muss) Journalismus trocken sein?"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">15.02.2005 &#8212; Musik\u00e4sthetik schafft sich in der deutschen Gelehrtentradition in Formulierungen wie der folgenden Ausdruck: \u00abDie kompositorische Rechtfertigung des \u00e4sthetischen Anspruchs der Musik ist die Tatsache, dass sie sich als t\u00f6nender Diskurs, als Entwicklung musikalischer Gedanken pr\u00e4sentiert, die dazu da sind, um ihrer selbst willen geh\u00f6rt zu werden.\u00bb (Das Zitat stammt aus Carl Dalhaus\u2019 Buch <em>Die Idee der absoluten Musik<\/em>). Nicht gerade einladend. Vieles im t\u00e4glichen Feuilleton deutscher Qualit\u00e4tsbl\u00e4tter ist allerdings ungleich abschreckender. \u00abStatt seismografischer Beben fragmentarischer Erinnerung sind plumpe Appelle an marktschreierische Kr\u00e4fte des Faktischen angesagt; Inszenieren wird mit Szene machen verwechselt, die Abgr\u00fcnde sind nivelliert und werden auf dem Altar der Beliebigkeit dem Fetisch Originalit\u00e4t geopfert\u00bb, t\u00f6nt es etwa.<\/p>\n<p> Man wird den Eindruck nicht los, dass deutsche Musikwissenschaft und -\u00e4sthetik Musik immer wieder als eine Art Totem betrachten und n\u00fcchternes Reden dar\u00fcber mit einem Tabu belegen. Verletzt man dieses, offenbart man sich als Uneingeweihter mit \u2013 wie im Falle von magischen Vergehen zwingend \u2013 \u00fcblen Folgen. <\/p>\n<p> Da sind die Amerikaner schon prosaischer. Der Rezensent der \u00abChicago Daily News\u00bb eines John-Cage-Konzertes von 1942 bem\u00fcht sich in angels\u00e4chsischer Journalisten-Manier um Meinungen: \u00ab\u2019Das ist besser als Benny Goodman\u2019, sagte ein Mann aus dem Publikum, der zuvor verk\u00fcndet hatte, \u201aBach langweilt mich\u2019\u00bb Etwas weiter unten f\u00e4hrt er fort: \u00abAls man Mr. Cage sp\u00e4ter erz\u00e4hlte, dass ein M\u00e4dchen aus dem Publikum seine Musik als \u201aeinfach schrecklich\u2019 bezeichnet hatte, sagte er: \u201aWir haben noch viel schrecklichere Nummern als diese. Sie sollten uns h\u00f6ren, wenn wir die elektrischen Sachen anhaben.\u2019\u00bb <\/p>\n<p> Stellen sie sich das einmal an den Salzburger Festspielen vor: \u00abDer \u201aPapageno\u2019 ist viel lustiger als der ,Jedermann\u2019, erkl\u00e4rte eine Dame aus dem Publikum und einer jungen Zuh\u00f6rerin gefiel nur gerade die Ouvert\u00fcre. Der Dirigent meinte, wenn ihr die Musik so egal sei, dann werde er den \u201aDon Giovanni\u2019 in der n\u00e4chsten Saison von Schlingensief inszenieren lassen.\u00bb Der Feuilletonchef, der da nicht auf der Hut war, h\u00e4tte sogleich selbigen zu nehmen. <\/p>\n<p> Hand aufs Herz: Der n\u00fcchterne Blick des amerikanischen Reporters liefert uns doch ein ebenso atmosph\u00e4risch stimmiges Bild wie uns die deutsche Feuilletonkritik den Blick vernebelt. Was ist also gewonnen, wenn die Sprache, in der \u00fcber Musik geredet wird, prezi\u00f6s, kompliziert und anspielungsreich daherkommt? Das haben wir uns auch gefragt und uns das m\u00f6glichst klare und n\u00fcchterne Sprechen als Programm auferlegt \u2013 sozusagen als stiller Protest gegen die zunehmenden Manierismen im deutschen Feuilleton und der professoralen Klangrede im akademischen Umfeld. In unserem redaktionellen Leitbild (<a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/impressum_ind.php\">hier<\/a> zu finden) ist dieser Grundsatz explizit festgehalten: Statt uns selber zu inszenieren, machen wir uns lieber zum Sprachrohr derjenigen, die wir portr\u00e4tieren. <\/p>\n<p> Wer sich allerdings konsequent darin \u00fcbt, so n\u00fcchtern wie m\u00f6glich zu bleiben, merkt schnell einmal, dass Sprachwitz und geschliffene Feder nicht wegen nichts so popul\u00e4r sind. N\u00fcchterne Schreibe ist n\u00e4mlich zwar lobenswert und f\u00fcr viele Themen die einzige angemessene Form des Respektes, aber leider sterbenslangweilig und deshalb von durchschlagender Wirkungslosigkeit (ein Brecht zugeschriebenes Bonmot). Ganz ohne lustvolle Rhetorik geht es also auch nicht, wenn der Leser bei der Stange gehalten werden soll.<\/p>\n<p> Wir hoffen aber, dass die flotte Schreibe auf unseren Seiten tats\u00e4chlich bloss die Funktion hat, mit dem Belehren auch zu unterhalten, wie der Lateiner sagen w\u00fcrde. Sp\u00e4testens wenn sie beginnt, gedankliche Ungenauigkeiten oder gar einen Mangel an Argumenten zu \u00fcbert\u00fcnchen, hoffen wir auf die Korrektur durch unsere Leserinnen und Leser, in Form von Leserbriefen als Nasenst\u00fcber.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 15.02.2005 &#8212; Musik\u00e4sthetik schafft sich in der deutschen Gelehrtentradition in Formulierungen wie der folgenden Ausdruck: \u00abDie&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-310","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/310","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=310"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/310\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}