{"id":311,"date":"2014-01-11T07:52:30","date_gmt":"2014-01-11T07:52:30","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wieviel-text-braucht-der-mensch\/"},"modified":"2014-01-11T07:52:30","modified_gmt":"2014-01-11T07:52:30","slug":"wieviel-text-braucht-der-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wieviel-text-braucht-der-mensch\/","title":{"rendered":"Wieviel Text braucht der Mensch?"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">28.02.2005 &#8212; Viele \u00abContentprovider\u00bb des Internet gehen davon aus, dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des modernen Menschen bloss mit einem Mass ermittelt werden kann: mit der Zeit, die es braucht, um ein SMS zu verfertigen. Der Durchschnittssch\u00fcler, die Durchschnittssch\u00fclerin haben in ihren Augen eine Aufmerksamkeitsspanne von x SMS, wobei x als die Anzahl Handymeldungen bezeichnet werden kann, die sich w\u00e4hrend einer langweiligen Mathematikstunde unter dem Pult tippen lassen. Dabei seien \u2013 wird erg\u00e4nzt \u2013 allerdings die Rahmenbedingungen zu beachten, denn diese Aufmerksamkeitsspanne ist bloss g\u00fcltig, wenn die aktive T\u00e4tigkeit des SMS-Schreibens selber zur Diskussion steht. F\u00fcr alle anderen T\u00e4tigkeiten des Durchschnittssch\u00fclers und der Durchschnittssch\u00fclerin gilt eine Spanne von etwa 0,01 SMS, was der Dauer entspricht, die ben\u00f6tigt wird, um einem Kollegen die Webadresse zur aktuell angesagten Peer-to-Peer-Software f\u00fcr illegale Downloads aus dem Internet (woher denn sonst?) mitzuteilen. <\/p>\n<p> Konzepte f\u00fcr Webseiten, die dieser 0,01-SMS-Doktrin folgen, verstehen die Wahrung der Aufmerksamkeit der Leser als eine Art Guerillakrieg, zu dessen Waffenarsenal Polls, Pop-ups, pubert\u00e4re Cartoons im Flash-Format und ein Verh\u00e4ltnis zwischen den f\u00fcr echte Inhalte und marktschreierische Links aufgewendeten Zeichen von etwa 1:1 geh\u00f6ren. <\/p>\n<p> Selbstverst\u00e4ndlich ist die 0,01-SMS-Doktrin Unsinn. Und dies in zweifacher Hinsicht. Zum Einen ist das Internet trotz anderslautender Meldungen nicht bloss das In-Medium der Halbw\u00fcchsigen, zum Andern schreiben auch sie nicht nur SMS. Einige von ihnen lesen auch \u00abSein und Zeit\u00bb oder \u00abDie Leiden des jungen Werther\u00bb oder meinetwegen \u00abHarry Potter\u00bb. <\/p>\n<p> Der Standard-Computerbildschirm hat zwar nicht mehr wie im Pr\u00e4kambrium des Computerzeitalters eine 14-Zoll-Diagonale, dennoch k\u00f6nnen, verglichen mit einer Zeitung im Berliner Format* (oder noch gr\u00f6sser), Inhalte bloss in einem h\u00f6chst bescheidenen Umfang in den sichtbaren Bereich einer Webseite gestellt werden. Daraus wird der Fehlschluss gezogen, dass das Standardformat f\u00fcr Webtexte Kurzmeldungen mit einer Halbwertszeit von h\u00f6chstens 5 SMS sein muss. <\/p>\n<p> Auch das ist Unsinn. Der ganz grosse Vorteil eines Webmagazins ist im Gegenteil, dass es potentiell unendlich viel Platz zur Verf\u00fcgung stellt. Alle die lautstarken und engagierten Diskussionen auf den Redaktionen mit Berliner Format, ob nun das dreiseitige Dossier, das bloss f\u00fcnf spezialisierte Leser interessieren d\u00fcrfte, im Medium Platz hat, weil es dort anderen, allgemein interessierenden Texten Raum wegnimmt, gibt es auf einer Webredaktion nicht. Ob einer f\u00fcr seinen Text 3000 oder 30&#8217;000 Zeichen aufwendet, hat auf den verf\u00fcgbaren Platz in einem Onlinemagazin keinerlei Auswirkungen. Vielleicht auf die Redaktionsressourcen, aber nicht auf den Platz im Magazin.<\/p>\n<p> Da besteht nat\u00fcrlich die im Zeitungsumfeld durch die Platzknappheit automatisch gez\u00fcgelte Gefahr zur Ausschweifung. Viele Webblogs gehen da mit schlechtem Beispiel voran. Man muss ihnen aber ja nicht blindlings folgen, nur weil es halt Teil der Cyber Culture sein soll. So erlauben wir uns also, die einmalige Chance zu packen, und unsere Textl\u00e4ngen dem Gegenstand anzupassen, anstatt die Welt immer ins gleiche Prokrustes-Bett zu legen. Als Trost f\u00fcr alle, die sich schon immer gewundert haben, dass auf der Welt gerade so viel geschieht, wie in der Zeitung Platz hat.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">*Berliner Format haben alle Zeitungen, die sich nicht auffalten lassen, wenn man f\u00fcr einen Flug in der Economy-Class einen Sitz gebucht hat \u2013 also zum Beispiel die NZZ oder der \u00abTages-Anzeiger\u00bb. Da lange Fl\u00fcge die einzigen Momente sind, in denen der moderne Mensch mangels Alternative noch zum Lesen von Zeitungen gezwungen wird, stellen viele neuerdings auf das handliche Tabloid-Format um, das Gratiserzeugnisse wie \u00ab20 Minuten\u00bb charakterisiert und das sich auch im Flugzeug oder einem \u00fcberf\u00fcllten S-Bahnwagen umbl\u00e4ttern l\u00e4sst, ohne dem Nachbarn den Kaffee vom Klapptischchen zu fegen.<\/p>\n<p> Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 28.02.2005 &#8212; Viele \u00abContentprovider\u00bb des Internet gehen davon aus, dass die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des modernen Menschen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-311","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=311"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/311\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}