{"id":315,"date":"2014-01-11T07:55:32","date_gmt":"2014-01-11T07:55:32","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musik-in-der-schule\/"},"modified":"2014-01-11T07:55:32","modified_gmt":"2014-01-11T07:55:32","slug":"musik-in-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musik-in-der-schule\/","title":{"rendered":"Musik in der Schule"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">25.04.2005 &#8212; Trotz aller Bef\u00fcrchtungen, als ewiggestriger Sozialromantiker entlarvt zu werden, gebe ich es \u00f6ffentlich zu: Zu meinen sch\u00f6nsten Kindheitserlebnissen geh\u00f6rt das fr\u00fchmorgendliche Singen von Kanons und andern Liedern (\u00abVom Aufgang der Sonne, bis zu ihrem Niedergang&#8230;\u00bb) als Auftakt zu einem neuen Schultag, das ich als kleiner Knirps in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts noch miterlebte. Wenn der Lehrer ins Zimmer trat, standen wir auf, und im Raum roch es nach Linoleum, Kampfer und frischen \u00c4pfeln in den Leinent\u00e4schchen, aus denen wir in den Pausen unseren Hunger stillten \u2013 das Leben war viel einfacher als heute, und der konjunkturelle Aufschwung liess keine Zukunfts\u00e4ngste aufkommen. Die einzige Sorge, die ich hatte war, dass mir das Nachbarst\u00f6chterlein mit den beiden langen Z\u00f6pfen auf dem Pausenplatz wieder ans Schienbein treten k\u00f6nnte (heute diagnostizierte man bei ihm vermutlich ein ADS \u2013 Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom \u2013 oder Hyperaktivit\u00e4t und w\u00fcrde es mit Ritalin stillstellen). Beim Singen hatte es eine glockenhelle Stimme.<\/p>\n<p> Welche Sch\u00fclerin und welcher Sch\u00fcler wissen heute noch, was ein Quodlibet ist? Wieviele Kanons und zweite oder dritte Stimmen beherrscht ein Sch\u00fcler heute noch auswendig? Ich kann mich erinnern, dass unser Lehrer \u2013 nicht einmal der Singlehrer \u2013 immer mal wieder ein Quiz mit uns veranstaltete, in dem aus dem blossen Klopfen eines Rhythmus\u2019 Begleitstimmen zu Standardliedern des Schulrepertoires erraten werden mussten. <\/p>\n<p> Um den Nachwuchs bei der Stange zu halten und den Musikunterricht \u2013 wo er denn noch strategische Bedeutung hat \u2013 attraktiv zu gestalten, ist das in meiner Kindheit eindeutig vernachl\u00e4ssigte rhythmische Element in den Vordergrund ger\u00fcckt. Die rationale Polyphonie der abendl\u00e4ndischen Mehrstimmigkeit ist nicht mehr sexy. M\u00f6glicherweise, weil die Gemeinschaftserlebnisse, die sie beim gemeinsamen Musizieren erzeugt, nichts K\u00f6rperliches an sich haben und die Konzentration und das innere Z\u00e4hlen, das dazu erforderlich sind, irgendwie eher nach Mathematik als nach \u00abDeutschland sucht den Superstar\u00bb riechen. <\/p>\n<p> Auf die Gefahr hin, \u00f6ffentlich hingerichtet zu werden \u2013 Musik gilt kraft ihrer Charakterisierung als musisches Fach als \u00abseelischer Ausgleich\u00bb zu den \u00abintellektuellen\u00bb F\u00e4chern und soll vor allem begeistern und Emotionen wecken \u2013 fordern wir mehr Schulung des analytischen Denkens und intellektuelle Herausforderung im Musikunterricht. Manchen mag das wie eine Umwertung der angesagten Werte erscheinen, denn der Intellekt werde ja von der Schule ohnehin viel zu einseitig gefordert und gerade ein Fach wie die Musik m\u00fcsse da entgegenhalten, ist die g\u00e4ngige \u00dcberzeugung. <\/p>\n<p> Die moderne Schule betont den Intellekt in Tat und Wahrheit zu wenig und vernachl\u00e4ssigt zugunsten der Sprach- und Umwelterziehung die sorgf\u00e4ltige Hinf\u00fchrung zur mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenz. Diese Einsicht ist keine Demontage der kindergerechten und menschlichen Schule: Emotionale W\u00e4rme, N\u00e4he und Gemeinschaftsbewusstsein kann ein Lehrer oder eine Lehrerin nur kraft seiner\/ihrer Pers\u00f6nlichkeit vermitteln. Intellektuelle Herausforderung und seelische W\u00e4rme schliessen sich gegenseitig keinswegs aus. Im Gegenteil: Klarheit im Denken f\u00fchrt eher zu einem hohen Selbstwertgef\u00fchl und damit zu einem entspannten und positiven Verh\u00e4ltnis zur sozialen Umwelt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 25.04.2005 &#8212; Trotz aller Bef\u00fcrchtungen, als ewiggestriger Sozialromantiker entlarvt zu werden, gebe ich es \u00f6ffentlich zu:&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-315","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/315","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=315"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/315\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=315"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=315"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=315"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}