{"id":316,"date":"2014-01-11T07:56:10","date_gmt":"2014-01-11T07:56:10","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/das-perfekte-verbrechen\/"},"modified":"2014-01-11T07:56:10","modified_gmt":"2014-01-11T07:56:10","slug":"das-perfekte-verbrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/das-perfekte-verbrechen\/","title":{"rendered":"Das perfekte Verbrechen"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">12.05.2005 &#8212; An der Leipziger Konferenz \u00abThe Neurosciences and Music \u2013 II\u00bb war mehrmals von einem <em>Paradigm Shift<\/em> die Rede, der \u2013 angetrieben von den neuesten Methoden der Neurowissenschaften \u2013 namentlich die Musiktherapie auf eine neue Basis zu stellen in der Lage sei. Von Modellen der Sozialwissenschaften, welche \u00abdie therapeutische Arbeit mit Musik vor allem als Mittel zur Beziehungsbildung und Erh\u00f6hung des subjektiven Wohlbefindens verst\u00fcnden\u00bb, heisse es, auf eine \u00absolide Basis empirischer Belege der Wirksamkeit\u00bb zu wechseln. M\u00f6glich machten dies die st\u00fcrmischen Fortschritte in der Neurobiologie der Musikwahrnehmung. <\/p>\n<p> Wenn Mediziner kompromisslos auf dem Beschaffen empirischer Nachweise f\u00fcr die Wirksamkeit einer Therapie beharren, so tun sie dies aus mindestens zwei sehr guten Gr\u00fcnden. Zum Einen sind die finanziellen Ressourcen der Forschung begrenzt. Es gilt, die Entscheide dar\u00fcber, wem \u00f6ffentliches oder privates Geld zugesprochen wird, transparent und rational zu rechtfertigen und effiziente Therapiemethoden eher und weniger effiziente weniger zu f\u00f6rdern. Alles andere w\u00e4re nicht im Interesse der Patienten.<\/p>\n<p> Zweitens gilt es, Sch\u00e4den zu verhindern. Therapien, deren Wirkkr\u00e4fte empirisch nicht fassbar sind, bergen auch das Potential, Patienten zum Nachteil zu gereichen \u2013 das gilt auch f\u00fcr scheinbar harmlose T\u00e4tigkeiten wie das Musizieren, und wenn es sich \u00abnur\u00bb darum handelt, dass Betroffene einer wirksameren Therapie zugunsten einer untauglichen nicht zugef\u00fchrt werden. <\/p>\n<p> Die \u00abJetzt zeigen wir euch mal, wie man&#8217;s macht\u00bb-Mentalit\u00e4t einiger Naturwissenschaftler und Grundlagenforscher ist aber auch ignorant und st\u00f6rt den Dialog, anstatt dass sie Br\u00fccken bauen w\u00fcrde. Man kann die Haltung damit erkl\u00e4ren, dass die Forschergemeinde das perfekte Verbrechen liebt: Sie unterschl\u00e4gt gerne, dass das sauber designte Experiment und der konzise Artikel in der renommierten Fachzeitschrift am Ende eines langen, langen Prozesses stehen. Auch dieser hat einmal mit kreativem Chaos, Geistesblitzen und Intuitionen begonnen und viel \u00c4rger, Wut, Frustration, geniale Einf\u00e4lle, Holzwege und \u00e4rgerliche Irrt\u00fcmer hervorgebracht. Ohne diese emotionalen Kollateralsch\u00e4den gibt\u2019s keinen wissenschaftlichen Fortschritt. Derartige Spuren werden allerdings sorgsam verwischt, wenn der finale Artikeltext erstellt wird. Keiner soll wissen, was es gekostet hat. Das sei f\u00fcr die Bef\u00f6rderung der wissenschaftlichen Erkenntnis auch nicht n\u00f6tig, lautet das Standardargument. Wie naiv.<\/p>\n<p> Zum andern werden auch an Eliteuniversit\u00e4ten und Weltklasse-Instituten wissenschaftliche Projekte nicht <em>nur<\/em> nach hehren und zweckfreien Kriterien vorangetrieben, auch wenn man zugeben muss, dass die Scientific Community heute eine weitgehend offene, um echte Bef\u00f6rderung der Erkenntnis und intellektuelle Gerechtigkeit bem\u00fchte Gesellschaft darstellt. Irrationale Machtverh\u00e4ltnisse, wissenschaftliche Eitelkeit, Partikularinteressen, Paternalismus und Nepotismus geh\u00f6ren aber auch hier zu den Triebkr\u00e4ften. Wer dies abstreitet, macht sich unglaubw\u00fcrdig oder demonstriert die eigene Ahnungslosigkeit.<\/p>\n<p> Aber auch wenn der klinische Alltag der Musiktherapie-Praktiker in seiner ganzen Emotionalit\u00e4t und seinem Engagement also ein genauso zum wissenschaftlichen Gesamtgeb\u00e4ude geh\u00f6render Pfeiler darstellt, und es f\u00fcr die Experimentalk\u00fcnstler in den klinisch sauberen Labors sehr inspirierend sein kann, dort ab und an mal den Kopf hineinzustrecken, kann man nicht umhin, den \u00abPraktikern\u00bb an der therapeutischen Front ein Beharren auf liebgewordenen Vorurteilen zu attestieren. <\/p>\n<p> Die Klage, dass die \u00abSchulmedizin\u00bb das Menschliche, das Individuelle ausser Acht und Ans\u00e4tze nicht gelten lasse, deren Effekte sich empirisch nicht beweisen lassen, ist zu einer Art Dogma des Humanismus geworden. Auch wenn die konsequente Forderung nach dem harten Wirkungsnachweis und einer Pr\u00fcfung auf m\u00f6gliche Nebenwirkungen zur\u00fcckgewiesen wird, f\u00fchrt Ignoranz das Zepter.<\/p>\n<p> Fundraising ist f\u00fcr alle eine der frustierendsten, da unproduktivsten und h\u00e4rtesten Arbeiten im Wissenschafts- und Kulturbetrieb. Die einzig gerechte Art, am richtigen Ort die richtigen Mittel zu sprechen ist und bleibt aber der m\u00f6glichst objektive Nachweis, dass der Einsatz es wert ist. Es f\u00e4llt selbst Spitzenkr\u00e4ften in der Grundlagenforschung schwer, das n\u00f6tige Geld f\u00fcr die eigene Arbeit aufzutreiben. Man kann sich da nicht bloss auf die hehren Ziele und die gute Absicht zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p> Die Verteidigung der wichtigen und nicht-verhandelbaren Werte der Praxisarbeit kann nicht im passiven Wehklagen dar\u00fcber bestehen, dass man von der Scientific Community scheinbar an die Wand gespielt wird. Es gilt viel mehr, die \u00c4rmel hochzukrempeln, die m\u00fchsame Geldsuche ebenso zu lernen und sie ebenso konsequent und hartn\u00e4ckig zu betreiben \u2013 um als gleichberechtigter und nicht bloss als Junior-Partner am Grossen Fortschrittsprojekt partizipieren zu k\u00f6nnen. Damit kann man sich vom Gef\u00fchl der Ohnmacht verabschieden und die Forscher immer wieder daran erinnern, dass eine opulente Publikationsliste nur die halbe Miete darstellt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 12.05.2005 &#8212; An der Leipziger Konferenz \u00abThe Neurosciences and Music \u2013 II\u00bb war mehrmals von einem&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-316","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/316","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=316"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/316\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=316"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=316"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=316"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}