{"id":317,"date":"2014-01-11T07:56:53","date_gmt":"2014-01-11T07:56:53","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/das-paradox-der-kritik\/"},"modified":"2014-01-11T07:56:53","modified_gmt":"2014-01-11T07:56:53","slug":"das-paradox-der-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/das-paradox-der-kritik\/","title":{"rendered":"Das Paradox der Kritik"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Wolfgang B\u00f6hler\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">30.05.2005 &#8212; Machen Sie mal folgenden Test: Was kommt Ihnen zu Peter Handke spontan in den Sinn. Ist es der Skandaltext in Sachen \u00abGerechtigkeit f\u00fcr Serbien\u00bb? Und zu Martin Walser? Sind es Antisemitismusvorw\u00fcrfe? Womit assoziieren Sie spontan Calixto Bieto? Mit einem Skandal rund um eine Mozart-Oper als Sadomaso-Show? Oder beim Stichwort \u00abBayreuth\u00bb. Schlingensief? Was wiederum kommt Ihnen bei Schlingensief in den Sinn? Cleveres Eigenmarketing mit Skandalen auf Bestellung als Unique Selling Point? Okay, die letzte Assoziation war wohl eher etwas f\u00fcr Marketingstrategen als f\u00fcr Musikphilosophen. Wenn Sie den Sinn der Fragen im Grossen und Ganzen aber begriffen haben, dann k\u00f6nnen Sie nachvollziehen, was man als das \u00abParadox der Kritik\u00bb bezeichnen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Ein Kritiker kann es sich \u2013 heute mehr denn je \u2013nicht mehr erlauben, Kunst einfach verst\u00e4ndig bloss zu besprechen. Kunst muss ein Ereignis darstellen, und Ereignisse, das sind Skandale. Und in der Folge wird von einem m\u00f6glicherweise komplexen Kunstwerk bloss noch ein \u2013 m\u00f6glicherweise marginaler \u2013 Skandalaspekt thematisiert.<\/p>\n<p> Das glaubw\u00fcrdige, feingezeichnete Portr\u00e4t, der bislang unerreicht subtile Kontrapunkt sind keine Ereignisse. Und wenn Kunst kein Ereignis ist, dann muss man sie halt dazu machen.<\/p>\n<p> Die einzige Form der angemessenen und fairen Kritik w\u00e4re in Tat und Wahrheit zun\u00e4chst einmal eine differenzierte und angemessene Darstellung dessen, um was es sich bei dem Besprochenen eigentlich handelt (G\u00e4hn), dann ein Abw\u00e4gen von Argumenten daf\u00fcr und dagegen, ob der selbstgestellte Anspruch des Werkes oder K\u00fcnstlers denn nun eingel\u00f6st ist und ob der Anspruch an und f\u00fcr sich Sinn macht (Schnarch). <\/p>\n<p> Es geh\u00f6rt zum allt\u00e4glichen Zynismus von Kritikern, dass sie sich dessen durchaus bewusst sind. Allerdings f\u00fcrchten sie die g\u00e4ngige Doktrin dar\u00fcber, was Kunstkritik sein sollte. Diese darf \u2013 um das Verdikt eines Starkritikers zur Literatur gegen diese selber zu verwenden \u2013 alles, bloss nicht langweilen. Und ein Kritiker, der bloss langweilt, weil er sachgerechte Kritiken schreibt, wird schnell einmal gemobbt. Wer als Schlafm\u00fctze gilt, hat einen schweren Stand auf Redaktionen und bei der Leserschaft.<\/p>\n<p> Der Kritiker steht also vor der systembedingten Wahl: Da gibt es die M\u00f6glichkeit der Ochsentour, die zun\u00e4chst einmal darin besteht, das Werk, das kritisiert werden soll, gr\u00fcndlich kennenzulernen. Der Akzent liegt dabei auf <em>gr\u00fcndlich<\/em>: Ein Buch mehrmals lesen, eine neue Komposition x-Mal anh\u00f6ren, die Partitur studieren, Analysen wagen und wieder verwerfen. Eine Ausstellung bildender Kunst muss mehrmals besucht werden, am besten zu verschiedenen Tageszeiten, dazu kommen langgezogene Gespr\u00e4che mit dem K\u00fcnstler \u2013 meintwegen bei einem guten trockenen Weisswein \u2013 und so weiter. <\/p>\n<p> Leider entsteht damit eben bloss ein Langweilertext, und \u00fcberdies ist mit seiner Fertigstellung der Abgabetermin seit Monaten verstrichen und sind die Zeitung, die Zeitschrift, der Fernsehkanal oder das Onlinemagazin Konkurs gegangen. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, <em>Mann<\/em>.<\/p>\n<p> Man ist also gezwungen, die Abk\u00fcrzung zu w\u00e4hlen: Man sucht in der kursorischen Betrachtung scheinbare oder echte Schw\u00e4chen des zu Besprechenden und stilisiert sie zum Skandal, oder wenigstens zum \u00c4rgernis und diese damit \u2013 erraten \u2013 zum Ereignis hoch. Da das schlechte Gewissen dr\u00fcckt, stilisiert man ein beliebiges Werk, das \u2013 um den Kontrast sch\u00e4rfer zu zeichnen \u2013 idealerweise einen Verweigerungsgestus pflegt, ab und zu zum Jahrhundertereignis hoch, nur damit die andern nicht sagen k\u00f6nnen, man n\u00f6rgle ja nur. Die Abgabetermine k\u00f6nnen eingehalten werden und die Zeitung, die Zeitschrift, der Fernsehkanal oder das Onlinemagazin wahren in der Aufmerksamkeits\u00f6konomie ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p> Und was f\u00fcr Schlussfolgerungen ziehen wir aus dem Befund? <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 30.05.2005 &#8212; Machen Sie mal folgenden Test: Was kommt Ihnen zu Peter Handke spontan in den&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-317","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=317"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/317\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}