{"id":320,"date":"2014-01-11T07:58:50","date_gmt":"2014-01-11T07:58:50","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/saengerinnen-in-den-nachrichten\/"},"modified":"2014-01-11T07:58:50","modified_gmt":"2014-01-11T07:58:50","slug":"saengerinnen-in-den-nachrichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/saengerinnen-in-den-nachrichten\/","title":{"rendered":"S\u00e4ngerinnen in den Nachrichten"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">22.07.2005 &#8212; \u00abKelly Osborne will sich Fett absaugen lassen\u00bb \u2013 die Tochter des Schockrockers Ozzy Osborne hat ein Figurproblem \u2013, \u00abEx-Freund verwundert \u00fcber Sarahs Leder-Video\u00bb \u2013 gemeint ist die S\u00e4ngerin Sarah Connor \u2013, \u00abS\u00e4ngerin Antonia (\u2018Ich bin viel sch\u00f6ner\u2019) hat bei einem B\u00fchnenunfall einen Steissbeinbruch erlitten\u00bb und gleich darauf als Konsequenz \u00abSexverbot f\u00fcr Antonia aus Tirol\u00bb, \u00abSchlagers\u00e4ngerin Michelle jagt Hundehasserin\u00bb, \u00abKerry Katona macht die versch\u00f6nerte Brust zu schaffen\u00bb. Von Mariah Carey erfahren wir, dass ihr BH auf der B\u00fchne geplatzt ist.<\/p>\n<p> Wer sich jetzt \u00fcber unseren schlechten Geschmack enerviert, muss wissen, dass diese Meldungen nicht auf unserem Mist gewachsen sind. Die meisten davon waren in den letzten Tagen in \u00abQualit\u00e4tsbl\u00e4ttern\u00bb zu lesen. Die Tatsache, dass der Sexismus im Feuilleton Urst\u00e4nd feiert, ist dabei eine Sache. Dass sich kein Schwein mehr dar\u00fcber aufregt, eine zweite. Was den Journalisten vom professionellen Standpunkt her gesehen aber wirklich die W\u00e4nde hochtreiben sollte, ist die Tatsache, dass es sich bei den Enth\u00fcllungen (in jedem Sinn des Wortes) allesamt um Nullmeldungen handelt: Tagt\u00e4glich werden die Leser mit zuviel Lesestoff zugem\u00fcllt und da erlaubt man es sich, derart belangloses Geschw\u00e4tz prominent zu platzieren.<\/p>\n<p> Man kann mit ein bisschen Akrobatik in Sachen Medienethik die Mitteilungen zur Not verteidigen. Man muss sich dazu auf den Standpunkt stellen, dass es da ja um die Entertainment-Branche geht. Entertainment ist ein weiter und weitgehend amoralischer Begriff, und jeder Webmaster stellt fest, dass bei solchen Meldungen die Zugriffstatistiken auffallende Ausschl\u00e4ge zeigen.<\/p>\n<p> Deklariertes und effektives Leseverhalten decken sich eben bei weitem nicht, wie jeder Medienprofi weiss. Selbst in gehobenen Zeitungen der Intelligenzija werden die anr\u00fcchigen Meldungen am meisten konsumiert. Der Redaktor sollte so gesehen davon Abstand nehmen, seine Leserinnen und Leser zu bevormunden. Wenn er Br\u00fcste will, dann soll er Br\u00fcste haben. Wenn sie Hundehasserinnen will, dann gebe man ihr Hundehasserinnen.<\/p>\n<p> Der publizistische Dadaismus macht aber auch vor den Primadonnen der Klassikszene nicht Halt. So muss angesichts einer letzthin \u00fcber Anna Netrebko kolportierten Meldung die Logik der Berichterstattung als echt herausgefordert betrachtet werden. <\/p>\n<p> \u00abAnna Netrebko hat die Nase voll davon, immer nur f\u00fcr ihre Sch\u00f6nheit ger\u00fchmt zu werden\u00bb, erkl\u00e4rt die S\u00e4ngerin einem Journalisten. Jeder vern\u00fcnftige Mensch w\u00fcrde daraus den Schluss ziehen, dass die Botschaft dahingehend lautet, dass die S\u00e4ngerin es lieber s\u00e4he, wenn k\u00fcnftig \u00fcber ihre k\u00fcnstlerischen Leistungen, statt \u00fcber ihr Aussehen geschrieben w\u00fcrde. Journalisten pflegen aber eine Art Nicht-Standard-Logik. Sie gehen davon aus, dass von denjenigen, die aus der Lekt\u00fcre zahlreicher Artikel bereits wissen, dass Anna Netrebko eine sch\u00f6ne Frau ist, vielleicht 0,5 Prozent sie wirklich je singen geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p> Der Durchschnittsleser kann sich also gar nicht daf\u00fcr interessieren, was man \u00fcber Anna Netrebkos Gesangskunst zu sagen h\u00e4tte. Der journalistisch korrekte Schluss lautet deshalb: Anna Netrebko hat den Wunsch ge\u00e4ussert, dass mehr \u00fcber ihre k\u00fcnstlerischen Leistungen geschrieben wird, statt \u00fcber ihre Sch\u00f6nheit, also teile man den Lesern mit, dass <em>Anna Netrebko den Wunsch ge\u00e4ussert hat, dass mehr \u00fcber ihre k\u00fcnstlerischen Leistungen geschrieben wird, statt \u00fcber ihre Sch\u00f6nheit.<\/em><\/p>\n<p> Der Leser wiederum kann daraus bloss einen logischen Schluss ziehen: Die Botschaft richtet sich an ihn! Also klemme sich jeder doch bitte hinter die Schreibmaschine und erf\u00fclle ihr den Wunsch. Das Ganze kann so gesehen als \u00fcberaus raffiniertes Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Volksjournalismus \u2013 Neudeutsch \u00abBlogging\u00bb genannt \u2013 aufgefasst werden. Die arme Anna muss dann einfach f\u00fcnf Millionen Interviews geben statt zwanzig. <\/p>\n<p> Uns d\u00e4mmert ob der Konsequenz langsam, dass Journalisten eine Aufgabe zu erf\u00fcllen h\u00e4tten: Nachrichten zu sortieren, zu gewichten, aufzuarbeiten und dem Leser in klar verst\u00e4ndlicher Form darzubieten. Es w\u00e4re die Aufgabe der schreibenden Zunft, der lesenden Bev\u00f6lkerung die Arbeit abzunehmen, sich durch all den Informationsschrott der Welt k\u00e4mpfen zu m\u00fcssen, um die paar wenigen Perlen zu finden. Abgesaugtes Fett, Steissbeinbr\u00fcche, geplatzte BHs und Zurechtweisungen von Journalisten geh\u00f6ren da unseres Erachtens definitiv nicht dazu.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 22.07.2005 &#8212; \u00abKelly Osborne will sich Fett absaugen lassen\u00bb \u2013 die Tochter des Schockrockers Ozzy Osborne&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-320","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=320"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=320"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=320"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=320"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}