{"id":3217,"date":"2017-05-14T10:47:37","date_gmt":"2017-05-14T10:47:37","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2017\/05\/14\/zum-tode-joachim-kaisers\/"},"modified":"2017-05-14T10:47:37","modified_gmt":"2017-05-14T10:47:37","slug":"zum-tode-joachim-kaisers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2017\/05\/14\/zum-tode-joachim-kaisers\/","title":{"rendered":"Zum Tode Joachim Kaisers"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">13.05.2017 &#8211;Mit Joachim Kaiser (den wir sehr gesch\u00e4tzt haben) ist eines der letzten Urgesteine einer \u00e4sthetischen Epoche von uns gegangen: Kaiser stand f\u00fcr einen bestimmten Typus des Kritikers: Er h\u00e4ngt die Trauben derart hoch, dass bloss noch eine ganz kleine Elite f\u00fcr sich in Anspruch nehmen darf, Musik wirklich zu verstehen. Kaisers Wirken verstand Musik als \u00dcbung, \u00e4hnlich des im Geiste verwandten Zen-Buddhismus, der Erleuchtung bloss nach jahrelangen hartn\u00e4ckigen Exerzitien behauptet. Wie dem Zen-Buddhismus ist dem Verstehen der Musik kaiserschen Pr\u00e4gung ein Ergr\u00fcnden der Welt eigen, das Eingeweihte und Ahnungslose unterscheidet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><\/span><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">13.05.2017 &#8212; Mit Joachim Kaiser (den wir sehr gesch\u00e4tzt haben) ist eines der letzten Urgesteine einer \u00e4sthetischen Epoche von uns gegangen: Kaiser stand f\u00fcr einen bestimmten Typus des Kritikers: Er h\u00e4ngt die Trauben derart hoch, dass bloss noch eine ganz kleine Elite f\u00fcr sich in Anspruch nehmen darf, Musik wirklich zu verstehen. Kaisers Wirken verstand Musik als \u00dcbung, \u00e4hnlich des im Geiste verwandten Zen-Buddhismus, der Erleuchtung bloss nach jahrelangen hartn\u00e4ckigen Exerzitien behauptet. Wie dem Zen-Buddhismus ist dem Verstehen der Musik kaiserschen Pr\u00e4gung ein Ergr\u00fcnden der Welt eigen, das Eingeweihte und Ahnungslose unterscheidet. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Seine Art der Musikanalyse nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, \u00dcbung in Demut (vor dem Werk) zu sein, Mitvoraussetzung dazu ist aber paradoxerweise die von Kaiser gerne selber ge\u00e4usserte \u00dcberzeugung, dass \u00fcbersteigertes Ego und intellektuelle Eitelkeit mit zum Gesch\u00e4ft geh\u00f6rten. Man kann sich allerdings fragen, welchen sozialen und intellektuellen Mehrwert die F\u00e4higkeit haben k\u00f6nnte, Interpretationen von Beethovensonaten bis in feinste Ver\u00e4stelungen zu unterscheiden und zu\u00a0 beurteilen. Leider sind \u2012 \u00a0es ist dies eine der ern\u00fcchternden Einsichten moderner Musikpsychologie \u2012 \u00a0Transfereffekte musikalischer Kompetenz h\u00f6chst bescheiden. Vermutlich liegt der Mehrwert f\u00fcr die Pers\u00f6nlichkeitsbildung etwa gleichauf mit Kompetenzen in der Detailkenntnis exotischer Regenw\u00fcrmer, dem Erlernen von Klingonisch als f\u00fcnfter Fremdsprache oder der F\u00e4higkeit, die korrekte Ausf\u00fchrung eines dreifachen Rittbergers zuverl\u00e4ssig zu erkennen. Dem Ego tut dies alles sicher sehr gut. Dar\u00fcber hinaus ist es allerdings wenig fruchtbar.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Dagegen, solche Hobbys zu pflegen, ist ja im Grunde genommen nichts einzuwenden. Der im Kern aristokratisch-grossb\u00fcrgerliche Wertekanon, f\u00fcr den Kaiser stand, hat allerdings eine Kehrseite: Er muss sich gegen\u00fcber dem scheinbar ambitionslosen, scheinbar kindischen Musikerleben des Durchschnittsb\u00fcrgers abheben. Im Extremfall (des britischen Musik\u00e4sthetikers Roger Scruton) sieht er darin einen R\u00fcckfall in vulg\u00e4ren Tribalismus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Da t\u00e4te eine Umwertung der Werte gut: Statt analytische und gestalterische Brillanz in die Pflege verschrobener Hobbys zu investieren, k\u00f6nnte man hochklassige Musikkompetenz daf\u00fcr einsetzen, die zug\u00e4nglichen sozialen und erlebnisorientierten Seiten der Musik auf ein h\u00f6heres Niveau zu heben. Damit w\u00e4re allen gedient. Die Welt w\u00e4re ein bisschen besser. Bloss f\u00fcr die Egos w\u00e4ren dies vermutlich eher schlechte Nachrichten: Wer Kreationen als selbstverst\u00e4ndlich betrachtet, neigt dazu, die Leistungen ihrer Urheber massiv zu untersch\u00e4tzen. Es gab solche Zeiten in der Musikgeschichte auch schon, etwa im Mittelalter oder in der Renaissance. Es gibt sie auch heute, im Zeitalter von epidemischem Raubkopieren, Sampling und Streamingdiensten als Einkommenskillern von Musikern. Solche Zeiten geh\u00f6ren aber interessanterweise zu den kreativsten, produktivsten und energiereichsten der Kulturgeschichte.<\/span>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">13.05.2017 &#8211;Mit Joachim Kaiser (den wir sehr gesch\u00e4tzt haben) ist eines der letzten Urgesteine einer \u00e4sthetischen Epoche von uns gegangen: Kaiser stand f\u00fcr einen bestimmten Typus des Kritikers: Er h\u00e4ngt die Trauben derart hoch, dass bloss noch eine ganz kleine Elite f\u00fcr sich in Anspruch nehmen darf, Musik wirklich zu verstehen. Kaisers Wirken verstand Musik als \u00dcbung, \u00e4hnlich des im Geiste verwandten Zen-Buddhismus, der Erleuchtung bloss nach jahrelangen hartn\u00e4ckigen Exerzitien behauptet. Wie dem Zen-Buddhismus ist dem Verstehen der Musik kaiserschen Pr\u00e4gung ein Ergr\u00fcnden der Welt eigen, das Eingeweihte und Ahnungslose unterscheidet.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-3217","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3217","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3217"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3217\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3217"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3217"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3217"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}