{"id":327,"date":"2014-01-11T08:03:42","date_gmt":"2014-01-11T08:03:42","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/andre-rieu-ballermann\/"},"modified":"2014-01-11T08:03:42","modified_gmt":"2014-01-11T08:03:42","slug":"andre-rieu-ballermann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/andre-rieu-ballermann\/","title":{"rendered":"Andr\u00e9 Rieu, Ballermann"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">02.12.2005 &#8212; Im alten Griechenland gab es die Kyniker, die \u2013 wie sp\u00e4ter die mittelalterlichen Hofnarren \u2013 dem \u00abErhabenen\u00bb derbe Sp\u00e4sse entgegensetzten. Diogenes, ihr bekanntester Vertreter, soll tags\u00fcber allerdings auch mit einer Laterne durch Athen gelungert sein \u2013 auf der Suche nach Menschen.<\/p>\n<p> Als Kyniker kann man auch Emmanuel Schikaneder verstehen, den Librettisten der \u00abZauberfl\u00f6te\u00bb. Sinnigerweise ist diese neben Saint-Exup\u00e9rys Geschichte vom \u00abkleinen Prinzen\u00bb eines der popul\u00e4rsten Werke kindlich-unschuldiger Poesie geblieben \u2013 ein Dauerbrenner. Wir haben uns einmal sagen lassen, dass Literaturbestseller-Listen ziemlich langweilig aussehen w\u00fcrden, wenn <em>tats\u00e4chlich<\/em> verkaufte B\u00fccher und nicht nur Neuerscheinungen aufgelistet w\u00fcrden. \u00abDer kleine Prinz\u00bb w\u00e4re st\u00e4ndig auf Platz eins (und ist es am einen oder andern Ort in der Schweiz auch tats\u00e4chlich \u2013 in einer neu erschienenen berndeutschen Dialektfassung).<\/p>\n<p> Wir schweifen ab. Schikaneder betrieb in Wien ein volkst\u00fcmliches Theater, in dem er die am Hofe angesagten St\u00fccke durch den Kakao zog. Einen lebhaften Eindruck davon bot in den achtziger Jahren der Film \u00abAmadeus\u00bb von Milos Forman. Da wird gezeigt, wie die Schikaneder-Truppe sich \u00fcber \u00abDon Giovanni\u00bb mokiert. Die lustvolle, ja aberwitzige Verballhornung gipfelt darin, dass ein k\u00fcnstliches Pferd vorne mit Stroh gef\u00fcttert wird und sich hinten daf\u00fcr mit W\u00fcrsten revanchiert.<\/p>\n<p> \u00c4hnlich wie die Kyniker, die Hofnarren und Schikaneder setzt Andr\u00e9 Rieus Orchester \u2013 oder sollte man besser \u00abShowtruppe\u00bb sagen \u2013 Hochgeistigem Hochbusiges und feiner Kost derbe Komik entgegen und hat mit dem jahrtausendealten Rezept durchschlagenden Erfolg.<\/p>\n<p> Seine Konzerte sind damit keineswegs ein Zeichen daf\u00fcr, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Zuh\u00f6rer drastisch gesunken ist (Kritik, Version Oberlehrer), sich nur noch Weichgesp\u00fcltes verkaufen l\u00e4sst (Kritik, Version Feuilletonredaktor) oder reine Geldmacherei die Kunst beherrscht (Kritik, Version Kulturpessimisten).<\/p>\n<p> Ganz im Gegenteil: Andr\u00e9 Rieu geh\u00f6rt als hochintelligenter und mit allen Wassern gewaschener Entertainer zum festen Figuren-Repertoire im Grossen Welttheater der europ\u00e4ischen Hochkultur &#8211; eben als Kyniker. Er bedient sich hemmungslos, aber mit viel Selbstironie im Kabinett der Klischees. Er persifliert gar Infantilit\u00e4ten, die beim einen oder andern ab und zu kalten Schauder provozieren. Denn Hand aufs Herz: Wer weiss nicht unz\u00e4hlige Episoden aus erstklassigen Orchestern zu berichten, in denen der Umgang mit- und untereinander ebenfalls alles andere als erwachsen anmutet. Subtile Dem\u00fctigungen, destruktive Intrigen, frustrierte Verbitterung und offene Fertigmacherei sind da beileibe keine unbekannten Mechanismen.<\/p>\n<p> Rieus Humor bleibt bei aller Simplizit\u00e4t dar\u00fcber hinaus aber immer ausgesprochen liebensw\u00fcrdig, und er sieht die Welt immer ein bisschen lockerer als die Fetischisten des guten Geschmacks. Aus seinen Konzerten str\u00f6men die Zuschauer (die paar wenigen) und Zuschauerinnen (die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit) fr\u00f6hlich und einander zugetan. Da kommt einem der Niederl\u00e4nder pl\u00f6tzlich auch irgendwie wie Diogenes vor, der mit der Laterne in der Hand nach Menschen fahndet. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 02.12.2005 &#8212; Im alten Griechenland gab es die Kyniker, die \u2013 wie sp\u00e4ter die mittelalterlichen Hofnarren&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-327","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/327","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=327"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/327\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=327"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=327"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=327"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}