{"id":330,"date":"2014-01-11T08:05:32","date_gmt":"2014-01-11T08:05:32","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/vom-unsinn-neuronalen-marketings\/"},"modified":"2014-01-11T08:05:32","modified_gmt":"2014-01-11T08:05:32","slug":"vom-unsinn-neuronalen-marketings","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/vom-unsinn-neuronalen-marketings\/","title":{"rendered":"Vom Unsinn neuronalen Marketings"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">14.01.2006 &#8212; Alle, denen die Neurowissenschaften als Vehikel der Wissensvermehrung lieb und teuer sind, sollten sich \u00fcberlegen, was sie von Instrumentalisierungen ihres Faches halten wollen \u2013 namentlich in Form des \u00abNeuromarketings\u00bb, einer Fortsetzung des pawlowschen bedingten Reflexes mit den Mitteln der Magnetresonanz. Wir haben uns das auch durch den Kopf gehen lassen (in jeder Hinsicht) und sind zu einem dezidierten Schluss gekommen: Neuromarketing ist Quatsch (vermutlich regt sich nach dieser Katachrese sofort ihr ventromedialer pr\u00e4frontaler Cortex, woraus sich allerdings eigentlich \u00fcberhaupt nichts schliessen l\u00e4sst, ausser, dass wir wie die Neuromarketingpropheten auch viele Fremdw\u00f6rter kennen). <\/p>\n<p> Es hat n\u00e4mlich mindestens zwei sch\u00e4dliche Folgen. Die erste ist der Glaube, dass dank dem Blick ins Hirn auch subtilere Marketingeffekte in naher Zukunft zuverl\u00e4ssig quantifiziert werden k\u00f6nnten und sich endlich statt des deklarierten das effektive Verhalten messen l\u00e4sst. Damit wird Entscheidungstr\u00e4gern vorgegaukelt, rationale Kriterien zur Messung der Effzienz von Werbekampagnen seien endlich in Sicht. Gegen so etwas gibt es nur ein Mittel: Der Marketingabteilung muss wegen notorischer Fantasielosigkeit personell ein neuer Farbanstrich verpasst werden.<\/p>\n<p> Zweitens wird eine unheilvolle Tendenz im Marketing verst\u00e4rkt: Wird ein Produkt mit einer bestimmten Marketingmassnahme nicht an den Mann gebracht (oder die Frau, die nach unseren Beobachtungen genauso viel einkauft), dann kapriziert man sich darauf, die Marketingkampagne zu verbessern, weil das Produkt selber bloss eine nebens\u00e4chliche Rolle spielt und der Mensch ja eigentlich emotional reagiert und nicht mit dem Kopf kauft \u2013 was ja wiederum total dagegenspricht, dass man die Entscheidungsprozesse gerade dort ablesen sollte.<\/p>\n<p> Dank Neuromarketing wissen wir, welches Drama im Kopf eines Konsumenten abl\u00e4uft, wenn er sich f\u00fcr Coca statt f\u00fcr Pepsi entscheidet, obwohl ihm der Geschmack von Pepsi eigentlich besser gef\u00e4llt, was er aber nicht weiss, bevor ihm der Versuchleiter dies aufgrund von farbigen Flecken auf seinen Hirnwindungen erkl\u00e4rt hat. Wie sein wild flackernder ventromedialer pr\u00e4frontaler Cortex zeigt, sucht er nach rationalen Argumenten, um zu begr\u00fcnden, was nicht sein darf.<\/p>\n<p> Das ist nicht unsere Erfindung, sondern der ber\u00fchmte \u00abPepsi-Test\u00bb, \u00fcber den sich Spezialisten des Neuromarketings schon seit l\u00e4ngerem ihre K\u00f6pfe und diejenigen ihrer Versuchspersonen zerbrechen. Er scheint zu beweisen, dass das Produkt an und f\u00fcr sich egal ist und bloss das damit verbundene emotionale Image z\u00e4hlt. Und mit den Methoden des Neuromarketings wird nun die Emotionalisierung von Marketingkampagnen optimiert, statt wie das in guten alten Lehrb\u00fcchern mit noch nicht weggeschwatztem gesundem Menschenverstand nachzulesen ist, das Produkt verbessert.<\/p>\n<p> Schreitet die Entwicklung so weiter voran, taugen die Produkte zwar bald \u00fcberhaupt nichts mehr, daf\u00fcr glauben alle, mit dem Schrott, der ihnen vorgesetzt wird, das pure Gl\u00fcck zu finden (in Form von werbebotschaftsstipulierter Serotonin- und Dopamin-Produktion), und das kanns ja nicht gewesen sein. <\/p>\n<p> Man sollte die Neuromarketing-J\u00fcnger mit ihren eigenen Waffen schlagen, denn man wird den Verdacht nicht los, dass sie selber im Grunde genommen gar nicht an die Sache glauben, sie aber vertreten, weil sie wieder einmal die eigene Wichtigkeit beweisen zu k\u00f6nnen hoffen. <\/p>\n<p> Um das herauszufinden, gibt es eine ganz simple Methode: Man stecke sie selber in die R\u00f6hre und konfrontiere sie mit den eigenen Behauptungen. Leuchtet ihr ventromedialer pr\u00e4frontaler Cortex wie ein Weihnachtsbaum, suchen sie \u2013 siehe Pepsi-Test \u2013 offensichtlich rationale Argumente gegen die Einsicht, dass die Kritik an ihren Methoden berechtigt ist. So bleibt ihnen bloss noch, die Aussagekraft solcher isolierter fMRI-Gegenproben anzuzweifeln. Dann sitzen sie aber genauso in der Falle, weil sie damit nat\u00fcrlich auch die eigenen Forschungen demontieren. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 14.01.2006 &#8212; Alle, denen die Neurowissenschaften als Vehikel der Wissensvermehrung lieb und teuer sind, sollten sich&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-330","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=330"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/330\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}