{"id":333,"date":"2014-01-11T08:07:55","date_gmt":"2014-01-11T08:07:55","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/kehlmanns-vermessung-der-welt\/"},"modified":"2014-01-11T08:07:55","modified_gmt":"2014-01-11T08:07:55","slug":"kehlmanns-vermessung-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/kehlmanns-vermessung-der-welt\/","title":{"rendered":"Kehlmanns \u00abVermessung der Welt\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">24.02.2006 &#8212; Daniel Kehlmanns vieldiskutiertes (und vielgekauftes) Buch \u00abDie Vermessung der Welt\u00bb ist f\u00fcr die von der deutschsprachigen Literatur sonst eher stiefm\u00fctterlich und g\u00f6nnerhaft behandelte Geschichte des wissenschaftlichen Denkens ein Gl\u00fccksfall. Da macht sich ein Autor Aspekte der Entwicklung von Logik und empirischer Forschung zum Thema, der dazu auch \u00fcber die angemessenen (sic!) literarischen und gestalterischen Mittel verf\u00fcgt. So ist ein handwerkliches Scheitern an dem schwerverdaulichen Brocken verhindert. Das Lesen der Geschichte bereitet dementsprechend grosses Vergn\u00fcgen. Der Text stellt allerdings auch eine verpasste Chance dar. Wir kommen darauf zur\u00fcck.<\/p>\n<p> Am ehesten charakterisieren liesse sich die Tonalit\u00e4t der fiktiven Doppelbiografie von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss mit Vorschl\u00e4gen zur Idealbesetzung einer Verfilmung der Novelle. Aufdr\u00e4ngen w\u00fcrden sich Jack Lemmon und Walter Matthau \u2013 letzterer selbstverst\u00e4ndlich in der Rolle des Mathematikers \u2013, die allerdings nicht mehr in Betracht fallen k\u00f6nnen, weil sie beide tot sind, was sie ja wiederum mit Humboldt und Gauss verbinden und damit erst recht empfehlen w\u00fcrde. Manchmal bedauert man, dass die Antinomien des Lebens ideale L\u00f6sungen aus prinzipiellen Gr\u00fcnden verhindern. <\/p>\n<p> Aber vielleicht w\u00e4re der Film nicht einmal die am n\u00e4chsten liegende Weiterverwendung des Textes. Die knappen, sarkastischen Pointen Kehlmanns und die luzide Transparenz der Bilder haben eher das Flair intelligenter Comicstrips wie \u00abCharlie Brown\u00bb oder \u00abDilbert\u00bb. Die sonnt\u00e4gliche Zeitungslekt\u00fcre mit \u00abHumboldt &amp; Gauss\u00bb kr\u00f6nen \u2013 passenderweise platziert direkt \u00fcber der Vermessung der Welt in Form der Wetterkarte &#8230; warum nicht? Schliesslich gibt es ja auch schon \u00abCalvin &amp; Hobbes\u00bb.<\/p>\n<p> Kaum ein Rezensent widersteht der Versuchung, zu erw\u00e4hnen, in dem Text spiele die indirekte Rede eine auffallende Rolle. Sie verfremde die Geschichte rhetorisch \u2013 so die Rezensenten weiter \u2013 und ironisiere das Geschehen. Wir sehen in dem Stilmittel, das sich wie eine leicht get\u00f6nte Firnis \u00fcber Ereignisse und Dialoge legt und ihnen etwas Manieriert-Vergilbtes verleiht, eher den Versuch, eine entscheidende Schw\u00e4che des Textes zu verbergen. <\/p>\n<p> Sie verschleiert, dass das eigentlich Darstellenswerte an den beiden Biografien gerade ausgespart wird, n\u00e4mlich die Frage, wie so ungeheure intellektuelle Leistungen zustandekommen \u2013 in dem Buch muten sie wie selbstverst\u00e4ndlich an, als gen\u00fcge es, von Natur aus ein hochtalentierter Kopf zu sein, um praktisch automatisch zu Spitzenleistungen zu gelangen.<\/p>\n<p> Nichts Erhellenderes g\u00e4be es aber zu schildern als die K\u00e4mpfe, Fehlschl\u00e4ge, Irrwege und Geistesblitze, die sowohl die Kunst der empirischen Datensammlung als auch die spekulative mathematische Modellbildung begleiten und ihr eigentliches Wesen ausmachen. Gerade Humboldt und Gauss und auch der in dem Buch als Nebenschauspieler mit einem oscarverd\u00e4chtigen Auftritt betraute Immanuel Kant m\u00fcssten gerade daf\u00fcr zwingend Modell stehen. Dass diese vitale Seite des prallen Forscher- und Denkerlebens fehlt, l\u00e4sst sich eben dadurch kaschieren, dass die Ereignisse mit Hilfe des Konservierungsmittels indirekte Rede in die museale Form eines gl\u00e4sernen Pr\u00e4parates gebracht werden.<\/p>\n<p> Einige Pointen in dem Roman sind umwerfend, etwa die irrwitzige \u00dcbersetzung von Goethes \u00abWanderers Nachtlied\u00bb ins Spanische, die ja wiederum in Deutsch paraphrasiert werden muss. Die indirekte Rede stellt zweifelssohne die einzige L\u00f6sung zur Deklination dieses semantischen Wahnwitzes einer inversen \u00dcbersetzung des Ungreifbaren ins Absurde dar.<\/p>\n<p> Auf der andern Seite ist die Versuchung des besserwisserischen Lachers h\u00e4ufig zu gross. Wenn Humboldt etwa w\u00e4hrend des einmaligen Schauspiels einer Sonnenfinsternis bloss auf den Sextanten achtet und nicht nur die Erde im Dunkeln, sondern auch der Leser in eben diesem dar\u00fcber gelassen wird, weshalb aus der Sicht des Wissenschaftlers eine Messreihe in gerade einem solchen unwiederbringlich verlorenen Moment das weit erregendere Erlebnis darstellen <em>muss<\/em>, als das theatralische Spektakel des Naturschauspiels: Da erh\u00e4lt die Ironie den schalen Beigeschmack der Ignoranz und bef\u00f6rdert den narzisstischen Irrtum des Zeitgeistes, es gen\u00fcge, ein schr\u00e4ger Vogel zu sein, um Weltgeschichte zu schreiben. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 24.02.2006 &#8212; Daniel Kehlmanns vieldiskutiertes (und vielgekauftes) Buch \u00abDie Vermessung der Welt\u00bb ist f\u00fcr die von&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-333","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/333","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=333"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/333\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=333"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=333"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=333"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}