{"id":336,"date":"2014-01-11T08:09:47","date_gmt":"2014-01-11T08:09:47","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wie-kreativ-ist-kunst-wirklich\/"},"modified":"2014-01-11T08:09:47","modified_gmt":"2014-01-11T08:09:47","slug":"wie-kreativ-ist-kunst-wirklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wie-kreativ-ist-kunst-wirklich\/","title":{"rendered":"Wie kreativ ist Kunst wirklich?"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">15.04.2006 &#8212; Kunst wird h\u00e4ufig als Ausdruck einer bestimmten Lebenshaltung gesehen, die im Gegensatz zu andern, mehr buchhalterischen Einstellungen zur eigenen Existenz, die Kreativit\u00e4t herausfordern. Kreativit\u00e4t wiederum wird charakterisiert mit Adjektiven wie \u00absch\u00f6pferisch\u00bb (das ja bloss eine \u00dcbersetzung des etwas prezi\u00f6sen Ausdrucks \u00abkreativ\u00bb darstellt), \u00aboriginell\u00bb, \u00abspielerisch\u00bb, \u00abganzheitlich\u00bb, \u00abgrenz\u00fcberschreitend\u00bb, \u00abregel\u00fcberschreitend\u00bb und was der h\u00fcbschen Umschreibungen mehr sind. Diese Vereinnahmung ist nicht folgenlos geblieben: Die Kreativit\u00e4t hat den Geruch des Begnadeten, Seherischen und emotional \u00dcberlegenen angenommen und die k\u00fcnstlerisch T\u00e4tigen zu einer Art Kaste gef\u00fcgt, welcher die Aufgabe des Seismografen gesellschaftlicher Entwicklungen zukommen soll.<\/p>\n<p> Dieses landl\u00e4ufige Bild von Kunst und K\u00fcnstlertum h\u00e4ngt jedoch gleich in doppelter Hinsicht schief: Zum einen hat Kreativit\u00e4t nichts Mysteri\u00f6ses oder Magisches an sich. Es handelt sich dabei einfach um eine mehr oder weniger lockere Kollektion von Strategien zur L\u00f6sung von Problemen oder zur Schaffung von Sachverhalten. Zum andern gehorcht nicht nur die Produktion von Kunst solchen Gesetzen. Die gleichen Methoden verwenden auch St\u00e4dteplaner, Buchhalter (die Metapher der \u00abkreativen Buchhaltung\u00bb ist hier nicht gemeint!), Informatiker, Coiffeusen, Bibliothekarinnen, K\u00f6che und so weiter.<\/p>\n<p> Der Versuch, Kunst \u00fcber die Kreativit\u00e4t als charakterisierendes Kennzeichen zu definieren, ist untauglich. Kunst l\u00e4sst sich gegen\u00fcber anderen menschlichen Bet\u00e4tigungen nicht mit den Methoden abgrenzen, die sie zur Aus\u00fcbung ihrer T\u00e4tigkeit erfordert. Vielmehr ist die Charakterisierung des Kunsttypischen eine Frage des <em>Gegenstandes des Interesses.<\/em> Metallbauschlosser besch\u00e4ftigen sich \u2013 auch mit kreativen Methoden \u2013 mit der Bearbeitung von Metall, Hebammen k\u00fcmmern sich, nicht minder fantasiebegabt, um die Kunst (!) der Geburtshilfe, Hausfrauen nutzen ein volle Dosis Kreativit\u00e4t, um einen Haushalt und eine Familie in Schuss zu halten. Der Gegenstand der Kunst wiederum ist die elementare Beschaffenheit der menschlichen Sinne, ihre Funktionsweise und die vielf\u00e4ltigen Querverbindungen, die sie zum emotionalen System des Menschen unterhalten \u2013 und diese untersucht sie ebenso, aber eben nicht ausschliesslich, mit kreativen Strategien.<\/p>\n<p> Dies zu erkennen w\u00e4re gerade auch f\u00fcr die Kunstschaffenden befreiend. Es w\u00fcrde sie n\u00e4mlich von einer schweren Last befreien, welche die Mystifizierung der Kreativit\u00e4t als Kennzeichen des K\u00fcnstlerischen unweigerlich mit sich gebracht hat: Von der Pflicht zur Inspiration. Kunstwerke fallen nicht vom Himmel, genausowenig wie verbl\u00fcffende L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme der Baustatik oder solche der Logistik im Detailhandel, die genauso \u00abkreativ\u00bb sein k\u00f6nnen. Kunstwerke sind vielmehr das Resultat einer systematischen Besch\u00e4ftigung mit aktuellen Fragen der (in einem ganz weiten Sinne ausgelegten) Wahrnehmungspsychologie und der Beherrschung der handwerklichen Mittel, die wie jedes andere professionelle Instrumentarium erlernt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> Die als Inspiration titulierten pl\u00f6tzlichen Einf\u00e4lle lassen sich auf das kognitionstypische Ph\u00e4nomen des Etwas-pl\u00f6tzlich-Sehens reduzieren, ein Ph\u00e4nomen, das die Hirnforschung erkl\u00e4ren muss und auch immer besser versteht. Solche pl\u00f6tzlichen Eingebungen spielen in der Erschaffung von Kunstwerken faktisch eine relativ kleine Rolle und kommen genauso in anderen T\u00e4tigkeiten zur Tragen. Ungleich bedeutender sind Motivation und \u00fcber lange Zeit gewachsene praktische Erfahrung im Umgang mit dem Material. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 15.04.2006 &#8212; Kunst wird h\u00e4ufig als Ausdruck einer bestimmten Lebenshaltung gesehen, die im Gegensatz zu andern,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-336","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/336","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=336"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/336\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=336"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=336"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=336"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}