{"id":337,"date":"2014-01-11T08:10:27","date_gmt":"2014-01-11T08:10:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/ein-ast-oder-etwas-anzuegliches\/"},"modified":"2014-01-11T08:10:27","modified_gmt":"2014-01-11T08:10:27","slug":"ein-ast-oder-etwas-anzuegliches","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/ein-ast-oder-etwas-anzuegliches\/","title":{"rendered":"Ein Ast oder etwas Anz\u00fcgliches?"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">28.04.2006 &#8212; Einmal mehr werfen die Aktivit\u00e4ten des Centre Culturel Suisse in Paris Wellen. Konservative Kreise monieren das Plakat zur Ausstellung \u00abAller\/Retour 2\u00bb, auf dem David Rengglis Skulptur \u00abDer Apfel f\u00e4llt nicht\u00bb abgebildet ist. Dabei handelt es sich um ein von einem Baumstamm abstehendes rotes Astst\u00fcck, unter dem ein schwarzer Apfel h\u00e4ngt. Die Skulptur wird auf dem Plakat von einem um 45 Grad gedrehten Schweizer Kreuz \u00fcberdeckt. Der Sinn des Ganzen ist offensichtlich ein Spiel mit Assoziationen rund um einen erigierten Penis und einen Zensurbalken. Wen wundert\u2019s? Renggli wird im Katalog zur Ausstellung als K\u00fcnstler portr\u00e4tiert, der unter anderem gerne mit provokativen Symbolen arbeitet.<\/p>\n<p> Man kann das Plakat subtil-witzig finden, man kann es auch billig finden, oder \u2013 und zu dieser Ansicht neigen wir am ehesten \u2013 kokett um der Koketterie willen. \u00abDer Apfel f\u00e4llt nicht\u00bb selber ist ein Objekt ohne appellativen Charakter. Bei seiner Nutzung f\u00fcr das Plakat wird die implizite Symbolik mit dem Zensurkreuz zur semantisch schmalbandigen Causerie. Das m\u00fcsste Renggli eher \u00e4rgern. Pointen verlieren ihren Charme, wenn man den Betrachter dazu n\u00f6tigt, sie lustig zu finden.<\/p>\n<p> Etwa so vorhersehbar wie die Symbolik des Plakates (nicht des Objektes selber!) ist der Protest gegen diese Art von \u00c4sthetik aus der rechtsb\u00fcrgerlichen Ecke. Man kann\u2019s auswendig herunterbeten: obsz\u00f6n, Schmuddelkunst, eine Beleidigung der Schweiz, unpatriotisch und so weiter und so fort.<\/p>\n<p> Glaubt man einer Meldung der Berner Tageszeitung \u00abDer Bund\u00bb, hat Mario Annoni, der neue Pr\u00e4sident der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia (oder \u00abprohelvetia\u00bb, wie sie sich neuerdings stylish schreibt) zu dem Plakat und dem Aufruhr den d\u00fcmmlichsten aller m\u00f6glichen Kommentare gegeben: \u00abIch habe da nur \u00c4ste gesehen.\u00bb<\/p>\n<p> Das l\u00e4sst eigentlich nur zwei Interpretationen zu: Entweder ist Annoni in Sachen Lesen von Kunst vollkommen \u00fcberfordert, was allsogleich dazu f\u00fchren m\u00fcsste, ihn seines Postens als Kulturf\u00f6rderer wegen Inkompetenz wieder zu entheben; oder sein Ausspruch muss als augenzwinkernde Ironie gesehen werden, die zu verstehen gibt, dass man auf die Debatte gar nicht eintreten sollte. Letzteres ist aber genauso frivol wie das Plakat selber \u2013 und es ist eines Kulturfunktion\u00e4rs nicht w\u00fcrdig, weil es signalisiert, dass man im Grunde genommen weder den B\u00fcrger noch die Kunst ernst nimmt.<\/p>\n<p> Der rechtsb\u00fcrgerlichen Kritik m\u00fcsste entgegnet werden. <em>Selbstverst\u00e4ndlich<\/em> sieht die Skulptur wie ein erigierter Penis aus, und selbstverst\u00e4ndlich <em>darf sie das.<\/em> Und ja, man darf sich dar\u00fcber \u00e4rgern. Man darf es d\u00fcmmlich und primitiv finden. Aber verbieten darf man es nicht. Und man darf eine Kulturf\u00f6rderung, die auch diese Aspekte des zeitgen\u00f6ssischen Kunstschaffens zur Kenntnis nimmt, keinen politischen Schikanen ausliefern. Und Politiker, die der Kunstf\u00f6rderung ins Tagesgesch\u00e4ft zu reden glauben m\u00fcssen, sollen sich doch bitte die Zeit nehmen, sich damit auch wirklich auseinanderzusetzen. Solche Aussagen erwarteten wird von den Exponenten der Kulturf\u00f6rderung.<\/p>\n<p> \u00abIch habe da nur \u00c4ste gesehen\u00bb hingegen ist eine def\u00e4tistische Form der Verweigerung einer Kunstdebatte. \u00abIch habe da nur \u00c4ste gesehen\u00bb meint, es lohne sich nicht, mit konservativen \u00abKulturbanausen\u00bb zu diskutieren. Dass Annoni nur \u00c4ste gesehen hat, bleibt hoffentlich ein einmaliger Ausrutscher. Wir erwarten vom neuen Pr\u00e4sidenten der Pro Helvetia (oder meinetwegen prohelvetia), dass er sich darauf freut, engagierte Debatten zu f\u00fchren \u2013 auch und gerade mit Kreisen, die der Kunstschickeria und ihren \u00e4sthetischen Codes fern stehen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 28.04.2006 &#8212; Einmal mehr werfen die Aktivit\u00e4ten des Centre Culturel Suisse in Paris Wellen. 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