{"id":340,"date":"2014-01-11T08:12:21","date_gmt":"2014-01-11T08:12:21","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/vor-siebzig-jahren-ermordet-moritz-schlick\/"},"modified":"2014-01-11T08:12:21","modified_gmt":"2014-01-11T08:12:21","slug":"vor-siebzig-jahren-ermordet-moritz-schlick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/vor-siebzig-jahren-ermordet-moritz-schlick\/","title":{"rendered":"Vor siebzig Jahren ermordet: Moritz Schlick"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">23.06.2006 &#8212; Die Geschichte der Philosophie ist nicht gerade reich an gesellschaftlichen Skandalen und findet auch nur selten den Weg in die Rubrik der \u00abUngl\u00fccksf\u00e4lle und Verbrechen\u00bb. Die ungew\u00f6hnlichsten Gewaltakte von und an Philosophen des 20. Jahrhunderts m\u00fcssen als direkte und indirekte Folgen faschistischer Gewaltherrschaft betrachtet werden. So ist etwa die spektakul\u00e4re Tat des franz\u00f6sischen Philosophen Louis Althusser, des Lehrers Foucaults, Derridas und L\u00e9vys, der seine eigene Frau erdrosselte, als Sp\u00e4tfolge traumatischer Erlebnisse in nationalsozialistischer Kriegsgefangenschaft zu sehen.<\/p>\n<p> Opfer nationalsozialistischer Brunnenvergiftung ist vor genau siebzig Jahren, am 22. Juni 1936, mit Moritz Schlick einer der wichtigsten Vertreter des Wiener Kreises geworden. Spektakul\u00e4rer h\u00e4tte der Mord an dem originellen Denker nicht ausfallen k\u00f6nnen, und aufgekl\u00e4rt wurde er nie richtig. Schlick erlag Sch\u00fcssen, die sein ehemaliger Student Hans Nelb\u00f6ck auf ihn abfeuerte \u2013 auf der sogenannten \u00abPhilosophenstiege\u00bb der Wiener Universit\u00e4t und in aller \u00d6ffentlichkeit. <\/p>\n<p> M\u00f6glicherweise war simple Eifersucht \u2013 Nelb\u00f6cks Angebetete schw\u00e4rmte f\u00fcr den Philsosophen \u2013 ein Grund f\u00fcr die Tat. Sicher aber wurde der Meuchelmord sp\u00e4ter von den Nazis zu einem Akt des Heldentums gegen die \u00abj\u00fcdische Philosophie\u00bb umgedeutet. Nelb\u00f6ck sah sich 1937 zwar zu zehn Jahren Kerker verurteilt; bereits ein Jahr sp\u00e4ter konnte er seinen Fuss allerdings wieder auf freien Boden setzen. Selbst nach 1945 f\u00fchrte er ein unbehelligtes Privatleben. <\/p>\n<p> Schlick war einer der V\u00e4ter der wissenschaftlichen Philosophie, die sich durch eine radikale Metaphysikkritik auszeichnete, und durch die \u00dcberzeugung, dass das Fach im Rahmen des gesamtwissenschaftlichen Geb\u00e4udes vor allem die Funktion der \u00abRevisorin\u00bb der sprachlichen und methodischen Grundlagen habe. Das hat ihm \u2013 vor allem unter den kontinentaleurop\u00e4ischen Denkern mit einem gesellschaftskritischen Selbstverst\u00e4ndnis \u2013 wenig Freunde eingebracht: Die Vertreter der Frankfurter Schule um Adorno und Horkheimer beschimpften die Schule der analytischen Philosophen in der Nachfolge von Schlicks Wiener Kreis als Zudiener kapitalistischer Ideologien. <\/p>\n<p> Die Kalamit\u00e4ten fanden im \u00abPositivismusstreit\u00bb zu einem H\u00f6hepunkt, den Theodor W. Adorno und Karl Popper in den Sechzigerjahren zu einem philosophischen Medienereignis machten. Vor allem Adornos wortreiche, aber auch tendenzi\u00f6se Polemik gegen die \u00abNeopositivisten\u00bb hat \u00fcber die folgenden Jahrzehnte daf\u00fcr gesorgt, dass sich die eher n\u00fcchterne, aber daf\u00fcr grundsolide und ideell unbestechliche analytische Schule in Deutschland nur wenig zu entfalten vermochte. <\/p>\n<p> Dabei stammen von Schlick nicht nur originelle Ans\u00e4tze zur Erkenntnistheorie und namentlich zur Relativit\u00e4tstheorie. Der Freund Albert Einsteins hat sich auch zu ethischen Fragen und zur \u00c4sthetik ge\u00e4ussert. In seinem Fr\u00fchwerk, unter anderem in einem Aufsatz aus dem Jahr 1908, hat er eine modern anmutende \u00c4sthetik entworfen, die sich von der Metaphysik verabschiedet, sich an der Biologie als Leitwissenschaft orientiert und die Frage nach der Sch\u00f6nheit \u2013 wenn auch noch auf naiv anmutende Art \u2013 zu einer Frage der Wissenschaft machen soll. N\u00fctzliche Objekte verwandeln sich in seiner Konzeption in sch\u00f6ne, wenn sich die N\u00fctzlichkeit als Lust \u00e4ussert, aber immer mehr in den Hintergrund tritt und einer interessenlosen Betrachtung Platz macht.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 23.06.2006 &#8212; Die Geschichte der Philosophie ist nicht gerade reich an gesellschaftlichen Skandalen und findet auch&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-340","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/340","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=340"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/340\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=340"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=340"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=340"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}