{"id":3407,"date":"2018-03-14T07:18:02","date_gmt":"2018-03-14T07:18:02","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2018\/03\/14\/broca-und-die-musik-fremder-sphaeren\/"},"modified":"2018-03-14T07:18:02","modified_gmt":"2018-03-14T07:18:02","slug":"broca-und-die-musik-fremder-sphaeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2018\/03\/14\/broca-und-die-musik-fremder-sphaeren\/","title":{"rendered":"Broca und die Musik fremder Sph\u00e4ren"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">14.03.2018 &#8212; Wie w\u00fcrde sich die Musik von Ausserirdischen anh\u00f6ren? W\u00fcrde sie uns gefallen? Der Leipziger Doktorand Vincent Cheung glaubt, dass dies so sein d\u00fcrfte, wenn die Musik auf sogenannten lokalen und nicht-lokalen Abh\u00e4ngigkeiten basieren w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\"><strong>14.03.2018 &#8212; Wie w\u00fcrde sich die Musik von Ausserirdischen anh\u00f6ren? W\u00fcrde sie uns gefallen? Der Leipziger Doktorand Vincent Cheung glaubt, dass dies so sein d\u00fcrfte, wenn die Musik auf sogenannten lokalen und nicht-lokalen Abh\u00e4ngigkeiten basieren w\u00fcrde.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">Vincent Cheung hat gemeinsam mit Angela D. Friederici und anderen Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts f\u00fcr Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig untersucht, wie unser Gehirn sogenannte nicht-lokale Abh\u00e4ngigkeiten in der Musik verarbeitet. Musik basiert generell, \u00e4hnlich wie Sprache, auf einem System, in dem sich Einzelelemente wie T\u00f6ne zu immer komplexeren, hierarchisch strukturierten Sequenzen zusammensetzen. In diesen beiden Systemen, Musik und Sprache, bezeichnen Abh\u00e4ngigkeiten wiederum bestimmte Verkn\u00fcpfungen, die zwei solcher Einzelelemente miteinander verbinden.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">Nicht-lokale Abh\u00e4ngigkeiten stellen dabei eine logische Verbindung zwischen zwei Elementen her, die nicht direkt nebeneinander liegen, etwa zwischen zwei nicht direkt aufeinander folgenden T\u00f6nen. In der Popmusik steht beispielsweise der zweite Vers, der dem Refrain folgt, in nicht-lokaler Abh\u00e4ngigkeit zur ersten Strophe. Denn aus unserer Erfahrung heraus wissen wir, dass wir einer Sequenz lauschen, die wir bereits geh\u00f6rt haben. Laut Cheung nutzen Komponisten diese Mittel, um unsere Erwartungen zu wecken und dadurch eine starke emotionale Reaktion auf die Musik hervorzurufen. Jedoch stellte sich hier bisher die Frage: Wie verarbeitet das Gehirn solche Muster \u2013 und was hat das Ganze etwas mit dem Sprachpionier Paul Broca zu tun?<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">Paul Broca war ein ber\u00fchmter franz\u00f6sischer Arzt und Anatom, dessen Arbeit an Patienten mit Sprachst\u00f6rungen im 19. Jahrhundert zur Entdeckung des Broca-Areals f\u00fchrte. Dieser kleine Bereich in der Gro\u00dfhirnrinde, direkt \u00fcber der linken Schl\u00e4fe gelegen, spielt eine grundlegende Rolle bei der Produktion und Verarbeitung von Sprache \u2013 und damit auch f\u00fcr die Abh\u00e4ngigkeiten innerhalb von Sprache. Er wird beispielsweise dann aktiv, wenn wir Verst\u00f6sse gegen unser gelerntes Grammatiksystem bemerken. Das Interessante dabei: Obwohl das Broca-Areal zu einem der bestuntersuchtesten Regionen unseres Gehirns z\u00e4hlt, ist bisher nur sehr wenig \u00fcber sein Pendant auf der rechten Hirnseite und dessen Funktion bekannt.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">Einige Theorien gingen davon aus, dass sein \u00c4quivalent \u00e4hnliche Aufgaben \u00fcbernimmt; allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Statt Sprache verarbeitet es Musik. Bisher war es jedoch nicht gelungen, diese Hypothese zu beweisen, insbesondere weil es schwierig ist, die Verarbeitung lokaler und nicht-lokaler Abh\u00e4ngigkeiten innerhalb der hierarchischen Struktur von Musik voneinander zu trennen. Das sollte sich jedoch mit der aktuellen Studie von Vincent Cheung \u00e4ndern: Er entwickelte eine eigene Form von Musik, die genau dies m\u00f6glich machen sollte. Selbst bezeichnet er sie als \u00abAlien-Musik\u00bb.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">Diese Musik hat wenig mit der uns bisher vertrauten Musik zu tun. Vielmehr ist sie ein St\u00fcck, das rein f\u00fcr wissenschaftliche Zwecke komponiert wurde, und in der Wissenschaft als \u00abzuf\u00e4llig generierte Kombination an Dreiton-Abfolgen, die in Palindrom-\u00e4hnlicher Weise kombiniert werden\u00bb beschrieben wird. So sperrig diese Beschreibung f\u00fcr uns klingen mag, so angenehm empfinden wir gleichzeitig ihre Tonabfolge. Zudem erm\u00f6glicht sie es, die st\u00f6renden Einfl\u00fcsse von lokalen Abh\u00e4ngigkeiten innerhalb der Musik auszuschalten. Entscheidend war dabei, dass sie sowohl Sequenzen nutzen, die einer vorgefertigten musikalischen Grammatik folgten, als auch solche ohne diese Vorgaben. Dadurch konnten die Wissenschaftler erkennen, wo das Gehirn diese musikalischen nicht-lokalen Abh\u00e4ngigkeiten verarbeitet.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">F\u00fcr ihre Untersuchungen luden die Wissenschaftler Musiker unterschiedlicher Erfahrungslevel ein, um den jeweiligen Kompositionen zu lauschen. Dabei sollten diese nicht nur herausfinden, ob es sich um grammatikalisch richtige oder falsche Abfolgen handelt. Sie sollten auch im entscheidenden Falle die zugrundeliegende grammatikalische Regel erkennen. Sobald sie die Regel einmal gelernt hatten, sollten sie diese wiederum im Magnetresonanztomographen widergeben. Die Wissenschaftler konnten so beobachten, welche Hirnareale dabei aktiv waren. Durch einen besonderen Kniff gelang es ihnen hier sogar, zwischen dem Verarbeiten der nicht-lokalen Abh\u00e4ngigkeiten und der generellen Aktivit\u00e4t des Arbeitsged\u00e4chtnisses zu unterscheiden: Sie variierten die Sequenzen systematisch in ihrer Komplexit\u00e4t, sodass sie in manchen Situationen mehr Informationen im Ged\u00e4chtnis behalten mussten als in anderen.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">Und tats\u00e4chlich, die Ergebnisse der Leipziger Neurowissenschaftler entsprachen den Erwartungen und hielten gleichzeitig eine \u00dcberraschung bereit: Der sogenannte Gyrus frontalis inferior, kurz IFG, in dem das Broca-Areal eingebettet ist, zeigte sich bei grammatikalisch falschen Sequenzen aktiver als bei richtigen, obwohl das Gehirn ansonsten haupts\u00e4chlich auf der rechten Seite aktiviert war. Als Grund daf\u00fcr vermuten die Wissenschaftler, dass der IFG beim Verstoss gegen eine einmal gelernte grammatikalische Regel zwar st\u00e4rker aktiviert wird \u2013 jedoch mehr auf seiner rechten als auf seiner linken Seite und dem dort befindlichen Broca-Areal.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">Interessanterweise entdeckten die Wissenschaftler auch, dass die Probanden umso besser einordnen konnten, ob eine Sequenz grammatikalisch korrekt war oder nicht, je st\u00e4rker bei ihnen die funktionellen Verkn\u00fcpfungen zwischen den Regionen zur Grammatik-Detektion und dem Arbeitsged\u00e4chtnis ausgepr\u00e4gt waren. Das k\u00f6nnte darauf hindeuten, dass sie diese Aufgabe bewerkstelligen, indem sie Informationen aus ihrem Arbeitsged\u00e4chtnis mit denen aus dem rechten Pendant des Broca-Areals verkn\u00fcpfen.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">\u00abDiese Erkenntnisse zeigen uns, dass Neuronen, die in der Lage sind, nicht-lokale Abh\u00e4ngigkeiten zu entschl\u00fcsseln, nicht \u2018supra-modal\u2019 sind. Vielmehr scheinen Subpopulationen f\u00fcr verschiedene Arten von Reizen miteinander verschaltet zu werden. Jetzt wissen wir, dass das offenbar auch f\u00fcr Musik der Fall ist\u00bb, erkl\u00e4rt Vincent Cheung, Erstautor der zugrundeliegenden Studie, die nun im Fachmagazin Scientific Reports erschienen ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\"> <strong>Originalartikel:<\/strong> <\/span><br \/><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\"><a href=\"http:\/\/www.cbs.mpg.de\/Wo-sich-der-Sprachpionier-Paul-Broca-und-die-Musik-fremder-Sphaeren-treffen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.cbs.mpg.de\/Wo-sich-der-Sprachpionier-Paul-Broca-und-die-Musik-fremder-Sphaeren-treffen<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: small;\">14.03.2018 &#8212; Wie w\u00fcrde sich die Musik von Ausserirdischen anh\u00f6ren? W\u00fcrde sie uns gefallen? 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