{"id":342,"date":"2014-01-11T08:13:39","date_gmt":"2014-01-11T08:13:39","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/der-mythos-von-der-verflachung-der-kultur\/"},"modified":"2014-01-11T08:13:39","modified_gmt":"2014-01-11T08:13:39","slug":"der-mythos-von-der-verflachung-der-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/der-mythos-von-der-verflachung-der-kultur\/","title":{"rendered":"Der Mythos von der Verflachung der Kultur"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">21.07.2006 &#8212; Von den Kulturschaffenden wird vermehrt verlangt, dass sie sich selber vermarkten. Und selbst von grossen Kulturinstitutionen und Forschungszentren wird erwartet, dass sie zur Geldsuche selber einen Beitrag leisten. Subventionen und andere staatliche F\u00f6rdergelder werden mehr und mehr zur\u00fcckgefahren. Die Folge sind Klagen der Betroffenen, dass die Kultur \u00f6konomisiert und marktschreierisch wird.<\/p>\n<p> So werden Mythen konstruiert. \u00d6konomie und Kultur waren schon immer zwei Seiten einer Medaille: Man vergegenw\u00e4rtige sich bloss einmal unter welchen Umst\u00e4nden Meisterwerke historisch entstanden sind. Etwa das \u00abWohltemperierte Klavier\u00bb: Es ist das \u00e4sthetische Bekenntnis eines Musikers, der als hart arbeitender Lohnschreiber sich selber st\u00e4ndig zu Markte tragen musste und nebenbei die Geschicke einer grossen Familie \u2013 im Grunde genommen selber schon ein KMU \u2013 zu lenken verstand. Oder Mozarts \u00abZauberfl\u00f6te\u00bb: Ein Auftragswerk f\u00fcr ein popul\u00e4res Theater, vergleichbar den heute prosperierenden Freilichtspektakeln. Der Auftraggeber, Librettist und Papageno-Darsteller Schikaneder sanierte sich damit finanziell und konnte sich mit dem Theater an der Wien eine neue Spielst\u00e4tte bauen.<\/p>\n<p> Der Glaube an eine vermeintlich zunehmende \u00ab\u00d6konomisierung\u00bb der Kultur wird von den Zahlen widerlegt. Noch nie war es \u2013 der Freizeitgesellschaft sei Dank \u2013 so einfach, Kunst zu produzieren und zu Markte zu tragen. Konzertreihen, Festivals, Galerien und Verlage schiessen wie Pilze aus dem Boden und wer ein absolut unverk\u00e4ufliches avantgardistisches, elit\u00e4res oder esoterisches Kunstwerk erschaffen will, hat es noch nie so einfach gehabt, daf\u00fcr einen Sponsor oder einen Brotwerwerb zur Eigenfinanzierung zu finden.<\/p>\n<p> Eine Studie der Europ\u00e4ischen Union (\u00abExploitation and development of the job potential in the cultural sector in the age of digitalization\u00bb) hat den Mythos vor wenigen Jahren vollends entlarvt: Nicht einmal eine B\u00fcrokratisierung findet n\u00e4mlich statt. Im Gegenteil: In den Jahren 1995 bis 1999, welche die Studie aufarbeitete, wuchs die Zahl der Arbeitspl\u00e4tze in der Kulturwirtschaft j\u00e4hrlich um 4,8 Prozent. Das Entscheidende dabei: Geschaffen wurden vor allem Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr Denker und Gestalter. Die Anzahl der Verwaltungsjobs in der Kulturindustrie geht hingegen kontinuierlich zur\u00fcck. Der Verwaltungsapparat der Kulturbranche wird mehr und mehr entschlackt. Mittlerweile ist ja sogar die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia gezwungen, diesem Trend zu folgen. F\u00f6rdergelder werden nicht mehr von der B\u00fcrokratie pulverisiert, sie fliessen mehr und mehr direkt in die kreative Arbeit. <\/p>\n<p> Aber wenigstens das Marketing m\u00fcsste doch in den Zeiten der Selbstanpreisung von Kulturinstitutionen Konjunktur haben! Nicht einmal das ist der Fall. Auch Verkauf und Marketing m\u00fcssen Federn lassen. Die EU-Studie stellt nach einer W\u00fcrdigung des Booms kultureller Erzeugnisse explizit fest: \u00abDie Arbeitspl\u00e4tze in der Distribution wachsen zwar auch, aber nicht mit der gleichen Rate wie die Entwicklung kultureller \u201aProdukte\u2019\u201a \u201aInhaltsproduzenten\u2019 sind gefragter als Marketing- und Verkaufsspezialisten.\u00bb <\/p>\n<p> Das \u00abProblem\u00bb ist, dass die Kinder die Revolution\u00e4re fressen: War Kunst und Kultur lange Zeit das Privileg einer bessergestellten Elite, kann sich heute jeder und jede auf dem Gebiet bet\u00e4tigen. Die sozialpolitische Forderung ebendieser Elite nach einer Demokratisierung von Kunst ist heute (zumindest in den westlichen Industriel\u00e4ndern) weitgehend erf\u00fcllt. Damit steigt der Wettbewerbsdruck und die Notwendigkeit, sich im vielstimmig gewordenen Konzert aktiv Geh\u00f6r zu verschaffen. Und dies f\u00fchrt zu h\u00f6heren Anforderungen zur Selbstvermarktung an den einzelnen Kulturproduzenten. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang B\u00f6hler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 21.07.2006 &#8212; Von den Kulturschaffenden wird vermehrt verlangt, dass sie sich selber vermarkten. 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