{"id":345,"date":"2014-01-11T08:15:24","date_gmt":"2014-01-11T08:15:24","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-schweiz-braucht-technische-bildung\/"},"modified":"2014-01-11T08:15:24","modified_gmt":"2014-01-11T08:15:24","slug":"die-schweiz-braucht-technische-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-schweiz-braucht-technische-bildung\/","title":{"rendered":"Die Schweiz braucht technische Bildung"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">02.09.2006 &#8212; Unter dem Patronat von Bundesrat Pascal Couchepin und Bundesr\u00e4tin Doris Leuthard sowie mehr als einem halben Hundert weiteren Pers\u00f6nlichkeiten aus Wissenschaft, Bildung, Politik und Wirtschaft ist diese Woche in Bern die Initiative \u00abNaTech Education\u00bb lanciert worden. Das Ziel: Naturwissenschaften und Technikverst\u00e4ndnis sollen besser in die Bildungskonzepte der Schweiz integriert werden (\u00fcber die Initiative gibt die Webseite <a href=\"http:\/\/www.natech-education.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.natech-education.ch<\/a> detailliert Auskunft). Hinter der Initiative stehen die wichtigen nationalen Ingenieursvereinigungen, der ETH-Rat und Interessensverb\u00e4nde von Bund und Industrie.<\/p>\n<p> Solches Lobbying riecht im ersten Moment nach Konfrontation. Im Nachklang der 68er-Bewegung wurden Anfang der neunziger Jahre mit der Reform der Schweizer Maturit\u00e4tsverordnung n\u00e4mlich erkl\u00e4rtermassen die Kunst-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu den Leitdisziplinen der Schulbildung gemacht. Die damals treibenden Kr\u00e4fte d\u00fcrften die Initiative deshalb \u2013 wenn sie sich aus einer ewiggestrigen Polit- und Sozialromantik nicht zu befreien verm\u00f6gen \u2013 als Angriff \u00abtechnokratischer und kapitalistischer\u00bb Wirtschaftsinteressen interpretieren.<\/p>\n<p> Der Gegensatz ist allerdings falsch: Es geht \u2013 und ging schon Ende des 20. Jahrhunderts \u2013 nicht darum, Disziplinen gegeneinander auszuspielen: Ingenieurswissenschaften und National\u00f6konomie sind genauso kreativ und k\u00f6nnen ebenso subversiv sein wie Literatur oder Neue Musik, und Malerei kann genauso aus knallharten finanziellen Interessen betrieben werden wie Investment Banking. <\/p>\n<p> Hinter dem Konflikt verbirgt sich vielmehr ein Methodenstreit. Die Frage ist n\u00e4mlich, ob man ein sch\u00f6pferisches Denken betont, welches die individuelle Pers\u00f6nlichkeit zum Massstab macht, oder ob man eine Form des kreativen Denkens favorisiert, welches akzeptiert, dass nicht der Mensch, sondern die Natur die Regeln aufstellt.<\/p>\n<p> Mit der Maturit\u00e4tsreform ist das Pendel auf die \u00abtolerante\u00bb Seite ausgeschlagen: Wenn etwa ein Satz in einem Deutschaufsatz nicht funktionieren will, streicht man ihn einfach oder modifiziert die Aussage, die man machen will. Derartige \u00abkreative\u00bb L\u00f6sungsans\u00e4tze mit einem fliegenden Umdefinieren der Ziele f\u00fchren in den \u00abharten\u00bb Disziplinen zu nichts: Wenn sich ein Gleichungssystem nicht l\u00f6sen l\u00e4sst, k\u00f6nnen nicht einfach die Anzahl Variablen oder der Grad der Schwierigkeit ge\u00e4ndert werden (sie k\u00f6nnen\u2019s auch, aber bloss, um m\u00f6gliche Hinweise auf die Erreichung des urspr\u00fcnglichen Ziels zu erhalten.)<\/p>\n<p> Das empiristisch-mathematische Denken schult Geduld und Durchhaltewillen, weil es dazu zwingt, immer neue Wege und Strategien zu suchen, um schliesslich an einem unverr\u00fcckbaren Ziel anzukommen: Schon der \u00e4gyptische K\u00f6nig Ptolom\u00e4us musste sich von Euklid sagen lassen, dass es keinen K\u00f6nigsweg zur Mathematik gibt. Abstraktes Denken und die Durchf\u00fchrung wissenschaftlicher Experimente verk\u00f6rpern deshalb einen zentralen Aspekt der Pers\u00f6nlichkeitsbildung: Sie schulen die Bereitschaft, sich an den Anforderungen der Aussenwelt und weniger an den eigenen psychischen Bed\u00fcrfnissen zu orientieren und f\u00f6rdern die Klarheit des Ausdrucks. Diese F\u00e4higkeiten sind auch unabdingbar, wenn gute und g\u00fcltige Kunst geschaffen werden soll, egal ob es sich dabei um akademische, subversive oder volkst\u00fcmliche Ausdrucksformen handelt.<\/p>\n<p> Der R\u00fcckgang der technischen F\u00e4higkeiten ist verbunden mit der Verringerung der Frustrationstoleranz und der guten Beobachtungsgabe. Die Interessensvertreter von Kunst und Kultur haben deshalb selber alles Interesse daran, dass da Gegensteuer gegeben wird.<\/p>\n<p> Sie sollten sich der Initiative deshalb unbedingt anschliessen, allerdings mit einer zentralen Forderung: Den entscheidenden Schritt m\u00fcssen nicht in erster Linie die P\u00e4dagogen der Kunst-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften tun. Vielmehr gilt es, die \u00e4sthetische Intuition und das Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen von Mathematik-, Physik-, und Naturkundelehrern zu schulen. Diese sind n\u00e4mlich mit einem besonders schwierigen St\u00fcck der Charakterbildung ihrer Z\u00f6glinge betraut: Sie m\u00fcssen sie in einer vertrauensvollen Atmosph\u00e4re in der Erfahrung begleiten, dass nicht sie selber, sondern die Welt das Mass aller Dinge ist. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 02.09.2006 &#8212; Unter dem Patronat von Bundesrat Pascal Couchepin und Bundesr\u00e4tin Doris Leuthard sowie mehr als&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-345","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/345","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=345"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/345\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=345"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=345"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=345"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}