{"id":346,"date":"2014-01-11T08:15:56","date_gmt":"2014-01-11T08:15:56","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wo-bleibt-das-junge-publikum\/"},"modified":"2014-01-11T08:15:56","modified_gmt":"2014-01-11T08:15:56","slug":"wo-bleibt-das-junge-publikum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wo-bleibt-das-junge-publikum\/","title":{"rendered":"Wo bleibt das junge Publikum?"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">15.09.2006 &#8212; Weshalb gehen die Jungen kaum mehr ins klassische Konzert? Zur Beantwortung der Frage wird in der Regel auf die bildungsb\u00fcrgerlichen Rituale des Konzertbetriebs verwiesen, die auf viele Heranwachsende abschreckend wirken sollen. Zu Recht, denn die tun das tats\u00e4chlich. An einem <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=269\">Podiumsgespr\u00e4ch<\/a> im Theater Basel machte der Theaterp\u00e4dagoge Martin Frank dieses Jahr aber auch eine interessante Bemerkung: Musik diene f\u00fcr Jugendliche der Attraktivit\u00e4tssteigerung und Kommunikation im erotischen Bereich. Das Bed\u00fcrfnis, Neuland zu erobern, mache es jedoch sehr schwierig, die v\u00f6llig erschlossene klassische Musik daf\u00fcr attraktiv zu gestalten.<\/p>\n<p> Der eher fl\u00fcchtig hingeworfene Hinweis will nicht mehr aus dem Kopf. Er hat etwas f\u00fcr sich. Allerdings gilt es etwas genauer zu betrachten, welche Art der Erotik sich mit Musik verbindet und weshalb Jugendliche klassische Musik als v\u00f6llig erschlossen empfinden, obwohl sie das eigentlich keineswegs ist. Viele Werke des 20. Jahrhunderts sind zum Beispiel noch kaum jemals im Konzertsaal zu h\u00f6ren gewesen. Die wirklich ausgelutschten hingegen \u2013 Bachs Air, Boccherinis Menuett, Pachelbels Kanon und alle weiteren der \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen \u2013 sind ausgerechnet diejenigen, die sich auf Chill-out- und Kuschelklassik-Scherben auch einem j\u00fcngeren Publikum noch aufschwatzen lassen. <\/p>\n<p> \u00dcberlegt man sich das etwas genauer, kommt man zum Schluss, dass es keineswegs die Art Musik selber ist, die in einer Krise steckt. Vielmehr hat das <em>Nachdenken<\/em> \u00fcber die Musik einen Tiefpunkt erreicht. Daf\u00fcr gibt es Gr\u00fcnde: Da wirkt etwa \u2013 zumindest im deutschsprachigen Raum \u2013 der elit\u00e4re, eher misanthropische Einfluss Adornos und der Kritischen Theorie nach. Sie haben das Blickfeld in einem Verweigerungsgestus auf eine linientreue Avantgarde verengt. Der Austausch \u00fcber Szenegrenzen hinweg \u2013 etwa zu Jazz, Pop oder Worldmusic \u2013 wird dadurch nicht unbedingt gef\u00f6rdert. Ebenso wenig die Neugier auf anderes. <\/p>\n<p> Der Befund ist mittlerweile wissenschaftlich untermauert worden \u2013 von der Soziologin Henriette Zehme in einer Untersuchung im Rahmen der Dresdner Tage der zeitgen\u00f6ssischen Musik: Laut Zehme (<em>Zeitgen\u00f6ssische Musik und ihr Publikum<\/em>, ConBrio Verlag, Regensburg 2005 ) ist der typische H\u00f6rer zum Beispiel der Musik von Helmut Lachenmann m\u00e4nnlich und selber Komponist, Musiker oder Musikwissenschaftler. Er hat einen Hochschulabschluss und geht oft \u2013 meist allein \u2013 ins Konzert. Er besch\u00e4ftigt sich seit 17,82 Jahren mit zeitgen\u00f6ssischer Musik, und \u2013 jetzt kommts \u2013 er h\u00e4lt diese f\u00fcr innovativ und f\u00fcr ein Mittel zur Bildung.<\/p>\n<p> Andernorts w\u00fcrde man so etwas Inzucht nennen.<\/p>\n<p> Die theoretischen Grundlagen der nach wie vor bestimmenden akademischen Musikphilosophie sind in Tat und Wahrheit aber weder innovativ noch ein Mittel zur Bildung, sie sind vielmehr stark angestaubt. Die \u00dcberzeugung des Lachenmann-H\u00f6rers, zu den Vordenkern der Moderne zu geh\u00f6ren, ist mittlerweile geradezu ein Kennzeichen des Alterns der Neuen Musik. Aber auch in Feuilletons, Programmheften und Werkeinf\u00fchrungen zum Klassik-Kanon f\u00fcr den musikalischen Plebs herrscht g\u00e4hnende Langeweile. Im besten Fall werden zur Erl\u00e4uterung eines Werkes x-fach wiedergek\u00e4ute biografische und historische Details wieder und wieder bem\u00fcht. Normalerweise wird aber sogar bloss in die Mottenkiste der scheintoten Adjektive gegriffen, um die \u00abgeistige Tiefe\u00bb der Musik verbal zu fassen.<\/p>\n<p> Musik ist eine Erkenntnisform. Auf individueller Ebene k\u00f6nnte sie auch den Jungen helfen, die eigene Gef\u00fchlswelt zu differenzieren. Sie k\u00f6nnte gerade den Pubertierenden in der schwierigen Suche nach erotischen Ausdruckmitteln auch dabei unterst\u00fctzen, die eigene Gef\u00fchlswelt zu sortieren. Dies ist aber bloss ein Nebenkriegsschauplatz. Weitaus wichtiger ist, dass kaum eine intellektuelle Besch\u00e4ftigung so von einer \u00abErotik der Erkenntnis\u00bb gepr\u00e4gt ist, wie die Musik \u2013 wenn man sie denn als Mittel zur Bef\u00f6rderung des Wissens \u00fcber Innenleben und Aussenwelt versteht. Die vorherrrschende Rezeption der Kunstmusik stellt aber kaum mehr Fragen. Sie gibt bloss noch Antworten. Immer wieder dieselben. Und immer mit der gleichen belegten Stimme. Kein Wunder, wenden sich da die Jungen, die die intellektuelle Herausforderung suchen, mit Grausen ab. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 15.09.2006 &#8212; Weshalb gehen die Jungen kaum mehr ins klassische Konzert? Zur Beantwortung der Frage wird&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-346","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/346","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=346"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/346\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=346"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=346"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=346"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}