{"id":350,"date":"2014-01-11T08:18:27","date_gmt":"2014-01-11T08:18:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/borat-und-der-globalisierte-humor\/"},"modified":"2014-01-11T08:18:27","modified_gmt":"2014-01-11T08:18:27","slug":"borat-und-der-globalisierte-humor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/borat-und-der-globalisierte-humor\/","title":{"rendered":"\u00abBorat\u00bb und der globalisierte Humor"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">02.11.2006 &#8212; Der Film \u00abBorat\u00bb des britischen Komikers Sacha Baron Cohen, der zur Zeit in unseren Kinos anl\u00e4uft, muss uns automatisch zu Globalisierungsgegnern machen \u2013 zumindest was den Humor angeht. Der wird n\u00e4mlich, einmal portiert, automatisch zur Quelle von Missverst\u00e4ndnissen. Das f\u00fchrt dazu, dass fern der Heimat einer lustigen Geschichte an der falschen Stelle gelacht wird \u2013 oder an der richtigen, weil es alle andern auch tun, und obwohl eigentlich niemand weiss weshalb. Vermutlich hat einer einmal einen, der die Pointe hat verstehen m\u00fcssen, dort lachen h\u00f6ren und lacht nun einfach an derselben Stelle, um nicht in den Ruf zu kommen, schwer von Begriff zu sein. Und alle tun es ihm nach, um ebenfalls nicht in den fatalen Verdacht zu geraten, keinen Spass zu verstehen. Denn als humorlos k\u00f6nnte man ja gelten, aber nie und nimmer als schwer von Begriff. <\/p>\n<p> Solche Nachahmerlacher wissen, dass sie nie als solche entlarvt werden k\u00f6nnen, weil man dazu von ihnen verlangen m\u00fcsste, die Pointe zu erkl\u00e4ren, was sie nicht k\u00f6nnten, da sie diese ja eben eigentlich gar nicht begriffen haben, aber auch nicht m\u00fcssten, weil sie bloss darauf hinweisen k\u00f6nnten, dass das Erkl\u00e4ren einer Pointe etwa so peinlich ist, wie an der falschen Stelle lachen \u2013 zumindest als einziger. <\/p>\n<p> Was Menschen lustig finden, h\u00e4ngt ganz entscheidend von den Tabus, Problemzonen und t\u00e4glichen Verrichtungen ab, die lokale Kultur- oder Berufsgemeinschaften kennzeichnen. Wo\u2019s \u00f6konomisch oder politisch kriselt, herrscht in der Regel Galgenhumor vor. Etwa im ehemaligen Jugoslawien (\u00abUnsere Vergangenheit war eine Katastrophe, die Gegenwart ist nicht auszuhalten \u2013 zum Gl\u00fcck haben wir keine Zukunft.\u00bb) In Berufsgemeinschaften wiederum kursieren in der Regel Witze, die andere entweder nicht verstehen oder nicht lustig finden k\u00f6nnen (\u00abWas ist ein H\u00e4ufungspunkt von Polen? \u2013 Warschau.\u00bb Wenn Sie nun gelacht haben, sind Sie beruflich h\u00f6chstwahrscheinlich mit h\u00f6herer Mathematik in Ber\u00fchrung). <\/p>\n<p> Cohen gibt sich in dem Film als kasachischer Journalist, der in die USA reist, um \u00abKulturelle Lernung von Amerika um Benefiz f\u00fcr glorreiche Nation Kasachstan zum machen\u00bb. Von seinem angeblichen Heimatland behauptet er, in ihm sei Prostitution Volkssport, alle tr\u00e4nken Pferdepisse und das Land habe drei Probleme: wirtschaftliche, soziale und die Juden. Solche zotige, unappetitliche und politisch h\u00f6chst unkorrekte Verulkungen sind nur f\u00fcr diejenigen lustig, die so verkorkst sind wie die Engl\u00e4nder und sich mit Schenkelklopfen und Gebr\u00fcll in Gruppen Luft machen k\u00f6nnen, wenn ein (echter) Waffenh\u00e4ndler bei der Frage Borats, mit welchem Gewehr man am besten Juden erschiesst, nicht mit der Wimper zucken.<\/p>\n<p> Wir Deutschsprachige sind zwar auch verkorkst, aber auf eine andere Weise, was wir eben verraten, wenn wir mitlachen, denn unsere Art von Verkorkstsein umfasst vor allem, uns andienen zu wollen, n\u00f6tigenfalls auch im vorauseilenden Humorgehorsam. Dass wir die typisch britischen Tabuverletzungen nicht lustig finden, es aber nicht zugeben d\u00fcrfen, weil wir ja alle in ihrer Eigenart respektieren wollen, ist allerdings ein eigenartiger Widerspruch, da wir ja dann dar\u00fcber lachen, dass die verulkt werden, deren Menschenw\u00fcrde wir ja eigentlich hochhalten m\u00f6chten. <\/p>\n<p> Im Grunde genommen beweist \u00abBorat\u00bb also, dass die Globalisierung des Humors mit den Mitteln des satirischen Zweih\u00e4nders britischen Zuschnitts gescheitert ist. Wer dennoch an sie glaubt und wider besseres Wissen die eigenen Schenkel traktiert, handelt sich bloss blaue Flecken ein, derer er m\u00f6glicherweise erst gewahr wird, wenn er zu Hause im stillen K\u00e4mmerlein vor sich selber die Hose runterl\u00e4sst. Dann wird er merken, dass der Humor des echten Briten und falschen Kasachen irgendwie einen seltsamen Geruch hinterlassen hat. Halt nach, ja nach was? Irgendwie halt nach Pferdepisse, und da wird dem einen oder andern halt irgendwie \u00fcbel. Und das ist an und f\u00fcr sich nicht lustig. F\u00fcr Nicht-Briten. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 02.11.2006 &#8212; Der Film \u00abBorat\u00bb des britischen Komikers Sacha Baron Cohen, der zur Zeit in unseren&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-350","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/350","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=350"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/350\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=350"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=350"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}