{"id":351,"date":"2014-01-11T08:19:03","date_gmt":"2014-01-11T08:19:03","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/jauslins-ideen-zu-kultur-und-wirtschaft\/"},"modified":"2014-01-11T08:19:03","modified_gmt":"2014-01-11T08:19:03","slug":"jauslins-ideen-zu-kultur-und-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/jauslins-ideen-zu-kultur-und-wirtschaft\/","title":{"rendered":"Jauslins Ideen zu Kultur und Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">25.11.2006 &#8212; In einem Grundsatzartikel hat sich Jean-Fr\u00e9d\u00e9ric Jauslin, der Direktor des Bundesamtes f\u00fcr Kultur (BAK), \u00fcber die Zusammenarbeit von Kultur und \u00d6konomie Gedanken gemacht (der Text l\u00e4sst sich <a href=\"http:\/\/www.bak.admin.ch\/bak\/aktuelles\/medieninformation\/01189\/index.html?lang=de&amp;download=M3wBUQCu\/8ulmKDu36WenojQ1NTTjaXZnqWfVpzLhmfhnapmmc7Zi6rZnqCkkIN2fHd+bKbXrZ2lhtTN34al3p6YrY7P1oah162apo3X1cjYh2+hoJVn6w==\">hier<\/a> von der Webseite des Bundesamtes herunterladen). Das Kulturschaffen in unserem Land habe sich vermehrt um sein Publikum zu k\u00fcmmern, meint der Bundesamts-Vorsteher. Es m\u00fcsse sich deshalb \u00abder Tatsache bewusst sein, dass jedes Werk fr\u00fcher oder sp\u00e4ter einem hart umk\u00e4mpften Markt ausgesetzt ist.\u00bb<\/p>\n<p> Das ist zum Teil richtig, zum Teil falsch, oder \u2013 wir wollen unseren Kulturfunktion\u00e4ren ja nicht auf die F\u00fcsse treten \u2013 es zeigt bloss eine Seite der Medaille. Nach den Vorstellungen des BAK-Chefs wird Kunst offenbar ausschliesslich zur Erbauung, Bildung und Unterhaltung eines Publikums geschaffen (das steht auch in dem Artikel: Irgendwann werde jedes Werk unweigerlich zur Ware, auch wenn etwas weiter unten in vollem Widerspruch dazu behauptet wird, dass Kultur keine Ware sei). Die in Jauslins Text implizit ebenfalls ge\u00e4usserte Behauptung, Kunst interessiere, wenn sie \u00abneue, \u00fcberraschende Blicke auf die Gesellschaft\u00bb wirft, zeigt \u00fcberdies die Befangenheit des Autors in einer (modischen) postmarxistischen Kunstphilosophie. Eine solche ist erst bereit, \u00fcber Kunst zu sprechen, wenn ihre gesellschaftlichen Dimensionen zur Sprache gebracht werden. Sie verarmt damit den Diskurs.<\/p>\n<p> Beide Behauptungen Jauslins stimmen weder systematisch noch historisch. Kunst, die zur Erbauung, Bildung und Unterhaltung eines Publikums geschaffen wird, ist bloss ein Teil des k\u00fcnstlerischen Schaffens \u2013 zugegebenermassen nicht der schlechteste, aber dennoch nicht das Ganze. Und die widerst\u00e4ndige Besch\u00e4ftigung mit der Gesellschaft und ihren Mechanismen ist bloss eine Dimension des kreativen Gestaltens. Daneben wird eine F\u00fclle an Kunst geschaffen, mit der keineswegs ein Publikum oder gesellschaftliche Relevanz erreicht, sondern mit experimentellen Mitteln ein zun\u00e4chst einmal \u00f6konomisch interesseloser Erkenntnisprozess in Gang gesetzt werden soll \u2013 genau gleich wie bei der Jagd nach dem Higgs-Boson im milliardenschweren Teilchenbeschleuniger des Genfer Cern.<\/p>\n<p> Das ist nun nicht metaphorisch gemeint, sondern durchaus w\u00f6rtlich zu nehmen. Ein Kunstwerk kann auf der gleichen Ebene und mit dem gleichen Erkenntnispotential als Experiment bezeichnet werden wie eine naturwissenschaftliche Anordnung in einem Labor der Grundlagenforschung. Dabei ist v\u00f6llig unerheblich, ob ein Publikum mit einem solchen Werk etwas anfangen kann. Es gibt in der Kunstgeschichte denn auch eine F\u00fclle an Schl\u00fcsselwerken, die f\u00fcr den Fortschritt von Kunst und als Ausl\u00f6ser von Erkenntnissen \u00fcber Kognition und Weltanschauung eine entscheidende Rolle gespielt haben, ohne dass sie von Betrachtern, Lesern oder H\u00f6rern ausserhalb einer Spezialistengemeinde je zur Kenntnis genommen worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p> Kunst, welche die Funktion einer handelbaren Ware hat, zwingt Kulturschaffende nicht zu \u00f6konomischem Denken, weil ein solches wesenhaft zur Auseinandersetzung mit Kunst geh\u00f6ren w\u00fcrde. Sie tut es schlicht und einfach, weil f\u00fcr die Luxusg\u00fcter-, Unterhaltungs- und Erbauungsindustrie viel zu viel Kunstware produziert wird. Wer den Drang zur kreativen Selbstverwirklichung versp\u00fcrt, muss sich heute auf einem harten K\u00e4ufermarkt bewegen. Ob man diese Markt\u00fcberhitzung staalicherseits auch noch f\u00f6rdern soll, darf man sich ruhig fragen.<\/p>\n<p> Interessant ist, dass die autonome, nicht merkantile Kunst letztlich von weit tiefergreifendem \u00f6konomischem Interesse und f\u00fcr die Wirtschaft eigentlich viel attraktiver ist als die kulturelle Frischluftzufuhr f\u00fcr die Warenwirtschaft. Kunst, die Grunds\u00e4tzliches zu sagen hat und unsere Wahrnehmung und Handlungen ver\u00e4ndert, k\u00fcmmert sich nicht darum, ob sie beim Publikum landet oder nicht. Sie ist dennoch von h\u00f6chstem \u00f6konomischem Interesse, weil sie direkt und indirekt Anregungen zur Entwicklung einer F\u00fclle innovativer Produkte und Dienstleistungen gibt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 25.11.2006 &#8212; In einem Grundsatzartikel hat sich Jean-Fr\u00e9d\u00e9ric Jauslin, der Direktor des Bundesamtes f\u00fcr Kultur (BAK),&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-351","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=351"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}