{"id":365,"date":"2014-01-11T08:34:54","date_gmt":"2014-01-11T08:34:54","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/kalte-dusche-in-st-gallen-fuer-pipilotti-rist\/"},"modified":"2014-01-11T08:34:54","modified_gmt":"2014-01-11T08:34:54","slug":"kalte-dusche-in-st-gallen-fuer-pipilotti-rist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/kalte-dusche-in-st-gallen-fuer-pipilotti-rist\/","title":{"rendered":"Kalte Dusche in St. Gallen f\u00fcr Pipilotti Rist"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">08.06.2007 &#8212; Der St. Galler Kantonsrat hat entschieden, einen geplanten Beitrag von 300&#8217;000 Franken aus dem Lotteriefonds an einen Film von Pipilotti Rist zu streichen. Es handelt sich um den ersten abendf\u00fcllenden Streifen der Videok\u00fcnstlerin, der im Namen \u00abPepperminta\u00bb an ihr Projekt an der Biennale di Venezia 2005 in der barocken Kirche San Stae am Canale Grande ankn\u00fcpft. Als Begr\u00fcndung f\u00fcr den Streichungsantrag hat die SVP-Fraktion angegeben, Pipilotti Rist sei bereits weltber\u00fchmt und habe das Geld deshalb nicht n\u00f6tig. Es gelte vielmehr, junge Kunstschaffende zu f\u00f6rdern, die es noch n\u00f6tig h\u00e4tten. Pipilotti Rist hat postwendend erkl\u00e4rt, sie \u00fcberlege sich angesichts der kalten Dusche, den Kulturpreis abzulehnen, den ihr die St. Gallische Kulturstiftung verleihen will. <\/p>\n<p> Der St. Galler Kantonsrat hat den Antrag mit einem Stimmenverh\u00e4ltnis von 80 zu 68 Stimmen angenommen. Selbstverst\u00e4ndlich darf er das \u2013 auch wenn er dabei riskiert, eher kleinlich zu wirken. Und Frau Rist darf selbstverst\u00e4ndlich schmollen \u2013 auch wenn sie dabei den Eindruck erweckt, \u00fcber wenig politisches Differenzierungsverm\u00f6gen zu verf\u00fcgen. Man kann die ganze Geschichte sogar als typisch f\u00fcr die Schweizer Mentalit\u00e4t sehen, mit der beileibe nicht nur die Kultur k\u00e4mpft: Wer den Kopf allzu hoch hinausstreckt, wird eher argw\u00f6hnisch betrachtet, daf\u00fcr ist der Wille da, sich mit den Kleinen (in diesem Falle den jungen, noch unbekannten Pipilottis in St. Gallen) zu solidarisieren.<\/p>\n<p> Interessant w\u00e4re nun nat\u00fcrlich, zu kontrollieren, ob der Kanton St. Gallen \u2013 tatkr\u00e4ftig angef\u00fchrt von der SVP \u2013 wirklich 300&#8217;000 Franken mehr in die F\u00f6rderung junger, frecher und aufstrebender Kunstschaffender aus dem Kanton buttert. Wir berufen uns da aber auf eine weitere echt schweizerische Tugend: Mir wei nid gr\u00fcble&#8230; <\/p>\n<p> Allerdings: Der eigentliche Denkfehler in dem Entscheid ist bisher noch keinem Kommentator aufgefallen, was zeigt, wie verinnerlicht gewisse romantische Bilder \u00fcber die Schaffung von Kunst nach wie vor sind. <\/p>\n<p> Man stelle sich einmal vor, ein weltweit renommierter Wissenschaftler der Hochschule St. Gallen w\u00fcrde Gelder beantragen, um ein Projekt zur Erforschung der Entwicklung der Kaufkraft in der Schweiz zu realisieren. W\u00fcrde da jemand einwenden: Der hat doch genug Geld, der kann das doch selber bezahlen! Oder ein hochdekorierter Futtermittelfabrikant gehe eine kantonale Innovationsstiftung um Beitr\u00e4ge zur Entwicklung eines neuartigen Kraftfutters f\u00fcr Freilandh\u00fchner an. W\u00fcrde da jemand allen Ernstes erkl\u00e4ren, der solle doch in die eigene Tasche greifen und der Staat habe sich da herauszuhalten?<\/p>\n<p> Von Kunstschaffenden kann so etwas aber offenbar ungestraft erwartet werden, denn Kunst \u2013 so glaubt man \u2013 dient der privaten Erbauung und dem Bed\u00fcrfnis nach etwas Sch\u00f6nem und etwas Luxus im ansonsten ach so harten Leben.<\/p>\n<p> Dass Frau Rist weltber\u00fchmt ist, muss aber auch irgendetwas mit Qualit\u00e4t und der Bedeutung ihrer Arbeit zu tun haben (ob man pers\u00f6nlich nun etwas damit anfangen kann oder nicht). Und es ist einfach ein Gebot der Vernunft, in bedeutungsvolle Arbeiten wesentlich mehr zu investieren \u2013 um eine Investition handelt es sich n\u00e4mlich \u2013 als in die breite Masse der Vielversprechenden.<\/p>\n<p> In der Wirtschaft ist dies selbstverst\u00e4ndlich und in der Wissenschaft ebenso. In der Kunst sollte es genauso sein, denn Kunst ist genauso ein Mittel, unsere Erkenntnis \u00fcber die Welt zu bef\u00f6rdern und unsere Lebensbedingungen zu verbessern, wie erstere.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern (weshalb auch das Dialektzitat in diesem Text nicht in St.Galler- sondern Berndeutsch erscheint) Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 08.06.2007 &#8212; Der St. Galler Kantonsrat hat entschieden, einen geplanten Beitrag von 300&#8217;000 Franken aus dem&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-365","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/365","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=365"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/365\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=365"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=365"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=365"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}