{"id":366,"date":"2014-01-11T08:35:25","date_gmt":"2014-01-11T08:35:25","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-kultur-uebt-zu-wenig-selbstkritik\/"},"modified":"2014-01-11T08:35:25","modified_gmt":"2014-01-11T08:35:25","slug":"die-kultur-uebt-zu-wenig-selbstkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-kultur-uebt-zu-wenig-selbstkritik\/","title":{"rendered":"Die Kultur \u00fcbt zu wenig Selbstkritik"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">22.06.2007 &#8212; Kulturschaffende k\u00f6nnen \u00fcberaus r\u00fchrig werden, wenn ihnen der Entzug ihrer F\u00f6rdert\u00f6pfe droht \u2013 wie dies mit Blick auf die beabsichtigte Streichung der Werkbeitr\u00e4ge des Bundes der Fall ist. So wirft etwa der Schriftsteller Guy Krneta Jean-Fr\u00e9d\u00e9ric Jauslin, dem Direktor des Bundesamtes f\u00fcr Kultur, auf der Webseite der Autorinnen und Autoren der Schweiz in einem offenen Brief \u00abignorantes Tun\u00bb vor \u2013 und eine \u00abKulturpolitik g\u00e4nzlich ohne Kulturschaffende\u00bb betreiben zu wollen, beziehungsweise letztere aus dem Stiftungsrat der Pro Helvetia gedr\u00e4ngt zu haben.<\/p>\n<p> In Grunde genommen haben es sich die \u00abKulturschaffenden\u00bb allerdings selber zuzuschreiben, wenn sie von den Entscheidungsprozessen rund um die Verteilung von F\u00f6rdergeldern mehr und mehr ausgeschlossen werden. Weitaus weniger r\u00fchrig waren sie n\u00e4mlich, als es unter dem bisherigen partizipativen Regime der Kulturpolitik darum gegangen w\u00e4re, die Chance zu ergreifen, in Eigenreige eine glaubw\u00fcrdige und transparente F\u00f6rderpolitik aufzubauen.<\/p>\n<p> Vielmehr haben sie jahrzehntelang eine Opferrolle kultiviert, in der jede Form der staatlichen F\u00f6rderung als eine Art Kompensation f\u00fcr gesellschaftliches Unverstandensein betrachtet worden ist \u2013 notabene ohne dass es den Betroffenen wirtschaftlich wesentlich schlechter gegangen w\u00e4re als Wissenschaftlern, Sozialp\u00e4dagogen oder Bergbauern, die mit \u00e4hnlichen existentiellen Problemen zu k\u00e4mpfen haben und es ebenso schwer haben, zu Unterst\u00fctzungsgeldern zu kommen.<\/p>\n<p> Die Kunst- und Kulturschaffenden haben keinen nachhaltigen Diskurs dar\u00fcber in Gang gebracht oder in Gang gehalten, was denn griffige und zeitgem\u00e4sse Kriterien daf\u00fcr w\u00e4ren, welche Kunst- und Kulturprojekte gef\u00f6rdert werden sollten. Es war ihnen lieber, dass die Beurteilung von Qualit\u00e4t und Relevanz ihrer Arbeit nicht zuviel \u00f6ffentliches Interesse weckte. So haben sie auch Zust\u00e4nde, wie sie etwa im Gravitationszentrum der Neuen Musik Z\u00fcrich herrschen, klaglos hingenommen. Da ist Alfred Zimmerlin, selber ein zeitgen\u00f6ssischer Komponist, zugleich musikalischer Leiter der st\u00e4dtisch gef\u00f6rderten Neue-Musik-Reihe und Hofberichterstatter der \u00abNeuen Z\u00fcrcher Zeitung\u00bb (wir sind weit entfernt davon, ihm daran eine pers\u00f6nliche Schuld zu unterstellen).<\/p>\n<p> Sie haben auch nicht dagegen protestiert, dass die Kriterien zur Vergabe von Geldern in den Bestimmungen der Pro Helvetia so vage formuliert sind, dass es im Grunde genommen der Gnade der entsprechenden Gremien \u00fcberlassen ist, wohin die Gelder fliessen sollen und damit die Arbeit der Kulturstiftung politisch angreifbar bleibt. Kritik an derartigen Zust\u00e4nden wird mit der Behauptung unterdr\u00fcckt, die Kultur habe es schon schwer genug und m\u00fcsse nicht noch zus\u00e4tzlich \u00f6ffentlichen Angriffen ausgesetzt werden.<\/p>\n<p> Dabei wird mit ungleichen Ellen gemessen: Wenn etwa Forschungsbeitr\u00e4ge f\u00fcr Gentechnik oder Atomkraft geprochen werden, steigen auch Kunst- und Kulturschaffende schnell einmal auf die Barrieren und verlangen als B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mitreden und -entscheiden zu k\u00f6nnen. Wenn der Durchschnittsb\u00fcrger dasselbe bei der F\u00f6rderung von Kunst tun will, werfen ihm dieselben Kreise Borniertheit, Kleinb\u00fcrgertum und Inkompetenz vor. <\/p>\n<p> Das falsche Selbstbild des gesellschaftlich an den Rand gedr\u00e4ngten und unverstandenen Kulturschaffenden hat dazu gef\u00fchrt, dass sich der \u00f6ffentliche Diskurs \u00fcber brisante Themen in Wissenschafts- und Wirtschaftskreisen heute lebhafter, differenzierter und produktiver pr\u00e4sentiert als die \u00f6ffentliche Kunstdebatte. Kunst und Kultur versagen gerade auf dem Gebiet, das sie selber immer als ureigene Aufgabe beschw\u00f6ren: Kontroversen setzen sie bloss in Gang, wenn sie belehrende, aber unbeteiligte Beobachter sein k\u00f6nnen, und politische und soziale Realit\u00e4ten reflektieren sie bloss, solange es nicht die Folgen ihes eigenen Tuns betrifft. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 22.06.2007 &#8212; Kulturschaffende k\u00f6nnen \u00fcberaus r\u00fchrig werden, wenn ihnen der Entzug ihrer F\u00f6rdert\u00f6pfe droht \u2013 wie&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-366","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/366","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=366"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/366\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=366"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=366"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=366"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}