{"id":367,"date":"2014-01-11T08:35:57","date_gmt":"2014-01-11T08:35:57","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-i-akustische-metaphern\/"},"modified":"2014-01-11T08:35:57","modified_gmt":"2014-01-11T08:35:57","slug":"sommerspiel-i-akustische-metaphern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-i-akustische-metaphern\/","title":{"rendered":"Sommerspiel I: akustische Metaphern"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">06.07.2007 &#8212; In Typenb\u00fcchern findet sich die Theorie, dass Ohrenmenschen eher akustische Metaphern aushorchen, wenn sich Gedanken in ihnen innerlich Geh\u00f6r verschaffen wollen. Augenmenschen sollen demgegen\u00fcber ihre S\u00e4tze bevorzugt mit farbenfrohen Sprachbildern schm\u00fccken. Da hat uns doch der Hafer gestochen (geh\u00f6rt der Ausdruck zur aussterbenden Gattung?), und wir wollten wissen, wie es die Musik in dieser Hinsicht tats\u00e4chlich h\u00e4lt. Die plattesten Bonmots sind da ja bloss ein sanftes Murmeln eines auf Leinwand gebannten B\u00e4chleins. Etwa diejenigen des \u00f6sterreichischen Musikhistorikers August Wilhelm Ambros (\u00abMusik ist die gr\u00f6sste Malerin von Seelenzust\u00e4nden\u00bb) oder des franz\u00f6sischen Enzyklop\u00e4disten Jean Le Rond d&#8216; Alembert (\u00abMusik, die nichts malt, ist nichts als Ger\u00e4usch\u00bb).<\/p>\n<p> So sah ausgerechnet Pablo Casals eher Bilder als Kl\u00e4nge, wenn er gegen die Neue Musik vom Leder zog. Ihm wird das Zitat zugeschrieben, dass ihn Avantgardistisches an eine W\u00fcste mit ein paar ausgespuckten Dattelkernen erinnere (vielleicht liegt der Reiz des Vergleichs hier ja im evozierten Ger\u00e4usch des Spuckens).<\/p>\n<p> Auch der Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg hatte es eher mit Bildern als Kl\u00e4ngen: Der Ausspruch \u00abAus einer Menge von unordentlichen Strichen bildet man sich leicht eine Gegend, aber aus unordentlichen T\u00f6nen keine Musik\u00bb wird ihm zugeschrieben. Salomonisch wiederum liest sich das Urteil von Hugo von Hoffmansthal: \u00abMalerei verwandelt den Raum in Zeit, Musik die Zeit in Raum.\u00bb <\/p>\n<p> Ein Ohrenmensch war daf\u00fcr offensichtlich der Schriftsteller Theodor Fontane: Der Spruch \u00abMan muss die Musik des Lebens h\u00f6ren. Die meisten h\u00f6ren nur die Dissonanzen\u00bb stammt von ihm. Und auch Paul C\u00e9zanne hatte es eher mit Klingendem als mit Augenf\u00e4lligem. Er verstieg sich zur Behauptung, dass Kunst eine Harmonie sei, die parallel zur Natur verlaufe. Das d\u00fcrfte der Natur mit der Zeit tierisch auf den Keks gehen. <\/p>\n<p> In der bildenden Kunst werden daf\u00fcr gerne auch akustisch scherzhaft anmutende, ja drastische Vergleiche gezogen: Der Satiriker Hans-Horst Skupy soll gesagt haben, dass uns bei Auktionen die Beziehung zur Kunst eingeh\u00e4mmert wird, und Karl Marx gab sogar noch einen drauf: \u00abKunst\u00bb, so der Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker, \u00abist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorh\u00e4lt, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet.\u00bb Pling, Pling, Pling\u2026<\/p>\n<p> \u00dcberhaupt scheint es bildenden K\u00fcnstlern leichter zu fallen, \u00fcber ihre Kunst in akustischen Metaphern zu sprechen, als Musikern \u00fcber ihre in <em>anschaulichen<\/em>. Zum Trost ein Goethe-Zitat: \u00abDer Musiker ist gl\u00fccklicher als der Maler: er spendet willkommene Gaben aus, pers\u00f6nlich, unmittelbar, anstatt dass der letzte nur gibt, wenn die Gabe sich von ihm absonderte.\u00bb (Wilhelm Meisters Wanderjahre I,6). Was auch immer uns der Dichterf\u00fcrst damit sagen wollte: recht hat er! <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 06.07.2007 &#8212; In Typenb\u00fcchern findet sich die Theorie, dass Ohrenmenschen eher akustische Metaphern aushorchen, wenn sich&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-367","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=367"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/367\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}