{"id":368,"date":"2014-01-11T08:36:28","date_gmt":"2014-01-11T08:36:28","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-ii-wunderheiler-john-cage\/"},"modified":"2014-01-11T08:36:28","modified_gmt":"2014-01-11T08:36:28","slug":"sommerspiel-ii-wunderheiler-john-cage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-ii-wunderheiler-john-cage\/","title":{"rendered":"Sommerspiel II: Wunderheiler John Cage"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">20.07.2007 &#8212; Man kann sich fast nicht mehr vorstellen, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der die Welt von Stille gepr\u00e4gt war und das H\u00f6ren von Musik einem \u00fcberaus seltenen, magisch anmutendem Ereignis gleichkam. (\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem Licht und der Ger\u00e4uschkulisse der Zivilisation, die fr\u00fcher selbst in den St\u00e4dten n\u00e4chtens einer pechschwarzen Leere und beinahe absoluter Ruhe Platz zu machen hatten.) In diesen mythischen Zeiten musste Musik immer und jederzeit von Menschen aus Fleisch und Blut und aus dem Moment heraus gemacht werden. Musikh\u00f6ren war untrennbar mit einem sozialen Akt verkn\u00fcpft. Sie f\u00f6rderte nicht wie die heutigen MP3-Player asoziale Selbstbezogenheit, sondern den Dialog zwischen Menschen.<\/p>\n<p> Da muss das H\u00f6ren eines nicht sichtbaren, weil auf einer Empore verborgenen mehrstimmigen Chores in einer Kathedrale ein ersch\u00fctterndes Erlebnis gewesen sein: Musik, die von nirgendwo und \u00fcberall zu kommen und nicht von menschlichen Musikern erzeugt zu werden schien.<\/p>\n<p> Sehr, sehr fr\u00fch in dieser Zeit muss die Einsicht, dass Musik das einzige nat\u00fcrliche Ph\u00e4nomen auf Erden darstellt, das auf absoluter Genauigkeit und Regelm\u00e4ssigkeit beruht, einer unglaublichen Entdeckung nahegekommen sein. Alles andere \u2013 Pflanzen, die Topographie der Landschaft und so weiter \u2013 schien chaotische Formen zu besitzen, bloss in der Musik herrschte auf Erden Regelm\u00e4ssigkeit. Da daneben derartige Ebenm\u00e4ssigkeiten bloss noch im Lauf der Gestirne beobachtet werden konnten, scheint es begreiflich, dass Musik als Spiegel der kosmischen Gesetze verstanden werden musste.<\/p>\n<p> Dieses Aussergew\u00f6hnliche hat die Musik verloren. Ihre Omnipr\u00e4senz macht heute viel mehr die Stille zum aussergew\u00f6hnlichen Ereignis, das f\u00fcr manchen einem metaphysischen Schrecken \u2013 vergleichbar abgr\u00fcndiger Generalpausen in Beethoven-Sinfonien \u2013 gleichkommt. Um diesem zu entgehen, gilt der erste Griff beim Aufstehen dem Radio und seinen \u00abMuntermacher\u00bb-Sendungen. Ein erz\u00e4hlerischer Film ohne Musik ist praktisch nicht denkbar, selbst die billigste Seifenoper wird mit einem Klangteppich zum emotionalen Ereignis hochstilisiert. Und mehr und mehr reisst die Unsitte ein, sogar Dokumentationen und Nachrichten-Sendungen mit Musik zu unterlegen. <\/p>\n<p> Wer heute noch immer will, kann sie zur Not kaufen, die Stille. Sie wird allerdings immer teurer. Zu Zeiten der opulenten Rock-Ola-Jukeboxes, die in der Gaststube um die Ecke mit warmem Ton die Hits von Elvis Presley und Karel Gott abspielten, gab es Vinylscherben mit nichts drauf, f\u00fcr einen Zwanziger konnte man sich so drei Minuten Ruhe erkaufen. Heute, da es keine solchen furnierten Chromstahlwunder mehr gibt, muss man schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Daf\u00fcr kann man sie mitnehmen, wohin man will: F\u00fcr rund 9 Euro sind bei der Edition Peters 4\u201933\u2019\u2019 Stille zu haben, in Form einer Partitur zu John Cages gleichnamiger Komposition. <\/p>\n<p> In einer Strassenbahn (die bei uns in der Schweiz \u00abTram\u00bb heisst) vertiefte ich mich einmal, um das beinahe schon metaphysische Erlebnis eines sich \u00fcber Umweltger\u00e4usche legenden Schweigens zu geniessen, in die Cage-Partitur. Dabei starrte mich ein <em>Headbanger<\/em> fassungslos an &#8211; mit Kn\u00f6pfen im Ohr, an denen ein Ding hing das \u00abPffff Tsch Tsch Pffff Tsch\u00bb machte. Als ich zur\u00fcckblickte, klopfte er irritiert an die St\u00f6psel links und rechts seines Hirns. Vermutlich hatte der Akku gerade den Geist aufgegeben. <\/p>\n<p> Ich war\u2019s nicht, und John Cage auch nicht, ich schw\u00f6r\u2019s. Vermutlich einer dieser erkl\u00e4rbaren Zuf\u00e4lle, der dem Ph\u00e4nomen des heute alles beherrschenden kosmischen Gesetz der Statistik zugeschrieben werden muss. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 20.07.2007 &#8212; Man kann sich fast nicht mehr vorstellen, dass es einmal eine Zeit gegeben hat,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-368","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/368","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=368"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/368\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=368"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=368"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=368"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}