{"id":370,"date":"2014-01-11T08:37:35","date_gmt":"2014-01-11T08:37:35","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/villazon-huestelt-und-die-welt-geht-unter\/"},"modified":"2014-01-11T08:37:35","modified_gmt":"2014-01-11T08:37:35","slug":"villazon-huestelt-und-die-welt-geht-unter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/villazon-huestelt-und-die-welt-geht-unter\/","title":{"rendered":"Villaz\u00f3n h\u00fcstelt und die Welt geht unter"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">07.08.2007 &#8212; In den letzten Wochen haben sich kurzfristige Absagen von popul\u00e4ren Opernstars geh\u00e4uft \u2013 R\u00fcckzieher machten die Publikumslieblinge Netrebko, Villaz\u00f3n und Garanca, aber auch Gr\u00f6ssen wie Vesselina Kasarova und Endrik Wottrich. Und wieder einmal wird die Dekadenz des Gesch\u00e4ftes rund um die klassische Musik beschworen. Wer da ins Wolfsgeheul einstimmt, tappt aber nat\u00fcrlich in die gleiche Falle wie diejenigen, die ein H\u00fcsteln Villaz\u00f3ns mit einem kulturellen Sandsturm verwechseln: Das Musikleben reduziert sich auf einige wenige, von den Massenmedien opulent orchestrierte Grossanl\u00e4sse, an denen in der Regel viel Geld und Champagner sprudelt, viele Klunker und Fliegen an H\u00e4lsen h\u00e4ngen und viel Schwachsinn der Spassgesellschaft als Bildung verkauft wird.<\/p>\n<p> Die Welt der europ\u00e4ischen Kunstmusik ist keineswegs in einer Krise, ganz im Gegenteil, sie ist so reichhaltig, vital und offen wie noch nie zuvor. Sie bietet einer Unmenge an Berufenen und weniger berufenen die M\u00f6glichkeit, sich kreativ zu bet\u00e4tigen und selbst fernab der grossen Metropolen eine Vielzahl an Gelegenheiten, k\u00fcnstlerisch originelle Veranstaltungen zu besuchen. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit f\u00fcllt sich damit allerdings kaum die Schatulle, aber das war schon immer so. Wer sich als authentischer K\u00fcnstler heute mehr recht als schlecht durchschl\u00e4gt, kann dies jedoch auf einem materiellen Niveau tun, das vor f\u00fcnfzig Jahren noch als purer Luxus empfunden worden w\u00e4re.<\/p>\n<p> Markige Worte zum Zustand der Opernwelt findet der Wagner-S\u00e4nger Endrik Wottrich in einem Interview mit der FAZ. Heute, so Wottrich, sei die Oper ein Stundenhotel, in dem in m\u00f6glichst wenigen Jahren m\u00f6glichst viel Kohle verdient werden m\u00fcsse. Das sei nichts anderes als Prostitution. Man m\u00fcsse sich heute zwischen Glamour oder Stadttheater entscheiden, so Wottrich weiter, und k\u00f6nne als S\u00e4nger nicht mehr aus der Provinz an die Weltspitze kommen. Damit werde der Basis des Gesangs der Boden genommen.<\/p>\n<p> Da liegt der Hund tats\u00e4chlich begraben. Allerdings nicht, wie Wottrich nahelegt, in der Tatsache, dass in der Glamourwelt die Stars verheizt werden \u2013 das wurden sie n\u00e4mlich auch schon immer, und auch schon immer spielten sie das Spiel aus Eitelkeit oder gar Geltungssucht mit. Problematisch ist vielmehr, dass in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung die grosse lokal ausstrahlende Breite der k\u00fcnstlerischen Arbeit nicht mehr wahrgenommen wird und in der Entscheidung zwischen Glamour oder Stadttheater letzteres vermeintlich immer weniger attraktiv scheint, auch wenn es k\u00fcnstlerisch und menschlich im Grunde genommen mehr zu bieten hat. Die Stadttheater und alle die andern lokalen Kulturorte sind n\u00e4mlich keine Bruchbuden, und ihre Verantwortlichen in der Regel keine bornierten Provinzler. Provinz hat im Zeitalter der Globalisierung als Kategorie ohnehin ausgedient.<\/p>\n<p> Stars wie Villaz\u00f3n und Netrebko h\u00e4tten ohne weiteres die M\u00f6glichkeit, in einem regional verankerten Opernhaus \u00fcber Jahre k\u00fcnstlerisch zu wachsen und zu reifen, sich auch mal Ruhe zu g\u00f6nnen, und mit einem lokalen Publikum zusammen menschliche und allzumenschliche Entwicklungsprozesse durchzumachen \u2013 und damit als Interpreten h\u00f6chstwahrscheinlich zu gr\u00f6sserer Tiefe zu finden als im Airbus zwischen Sydney, Stuttgart und S\u00e3o Paulo. Sie k\u00f6nnten dabei \u2013 nebenbei erw\u00e4hnt \u2013 auch ganz anst\u00e4ndig verdienen. Und die Luft w\u00e4re auch nicht so trocken wie in den klirrend-kalten H\u00f6hen von Jetset und Jetstream.<\/p>\n<p> Nur auf die Dauerpr\u00e4senz in der Weltpresse und damit auf den \u00abWeltruhm\u00bb m\u00fcssten sie verzichten. Aber offenbar f\u00e4llt dies in einer Welt, in der die Massenmedien zu gigantischen Schwatzbuden und Flattiermaschinen geworden sind, immer schwerer. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 07.08.2007 &#8212; In den letzten Wochen haben sich kurzfristige Absagen von popul\u00e4ren Opernstars geh\u00e4uft \u2013 R\u00fcckzieher&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-370","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=370"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/370\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}