{"id":373,"date":"2014-01-11T08:39:17","date_gmt":"2014-01-11T08:39:17","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/pro-helvetia-oder-was-ist-staatskultur\/"},"modified":"2014-01-11T08:39:17","modified_gmt":"2014-01-11T08:39:17","slug":"pro-helvetia-oder-was-ist-staatskultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/pro-helvetia-oder-was-ist-staatskultur\/","title":{"rendered":"Pro Helvetia oder: Was ist Staatskultur?"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">18.09.2007 &#8212; Es hat mit Eigent\u00fcmlichkeiten des Schweizer Politsystems zu tun, dass staatsb\u00fcrgerliche Grundfragen immer mal wieder anhand der falschen Tagesgesch\u00e4fte abgehandelt werden (m\u00fcssen). Damit steigt der allgemeine Grad an Konfusion dar\u00fcber, wer jetzt eigentlich weshalb was denkt und aus welchen Gr\u00fcnden welche Vorlagen abgelehnt oder verteidigt werden. Dies ist im Gesundheitswesen oft so, vor allem aber in der Kulturpolitik, wie das Exempel des Pro-Helvetia-Budgets zeigte, das in der laufenden Herbstsession im Nationalrat diskutiert wurde \u2013 oder h\u00e4tte diskutiert werden sollen.<\/p>\n<p> Die Frage, wieviel Geld die Kulturstiftung wof\u00fcr erhalten soll, mutierte zur Stellvetreterdiskussion f\u00fcr die noch anstehende Revision des Pro-Helvetia-Gesetzes. Statt \u2013 wie es sich f\u00fcr eine Budgetdebatte geh\u00f6ren w\u00fcrde \u2013 n\u00fcchtern und buchhalterisch zu entscheiden, wieviel Geld die Stiftung f\u00fcr ihre Aufgaben wirklich ben\u00f6tigt, standen die Aufgaben der Stiftung und die allgemeinen Mechanismen der eidgen\u00f6ssischen Kulturf\u00f6rderung im Zentrum der Wortgefechte. Der St\u00e4nderat wird sich zum Thema sp\u00e4ter \u00e4ussern.<\/p>\n<p> In Zahlen stellt sich die Sache recht einfach dar: Es ging um die Frage, wieviel Geld Pro Helvetia f\u00fcr die kommenden vier Jahre 2008 bis 2011 erhalten soll. 143,8 Millionen Franken (eine Erh\u00f6hung, beantragt von der Mehrheit der entsprechenden Kommission)? 135 Millionen Franken (eine moderate K\u00fcrzung um 2 Millionen \u2013 der Wunsch des Bundesrates)? Oder bloss 120 Millonen Franken (Reduktion auf die Basiskosten als Minderheitsantrag aus den Reihen der SVP)? <\/p>\n<p> Die radikalste Position nahm also die SVP-Fraktion ein. Vertreten wurde sie im Rat vom St. Galler Theophil Pfister. Sie wollte der Stiftung die Mittel entziehen, um \u2013 laut Ratsprotokoll \u2013 \u00abdie Kosten f\u00fcr experimentelle Zusatzleistungen (&#8230;) wie etwa die F\u00f6rderung des professionellen Tanzes\u00bb zu streichen. Die SVP, f\u00fcr die sich zeitgen\u00f6ssischer Tanz offenbar im Halbschatten dunkel-agitatorischer Subversion abspielt, wollte damit verhindern, dass \u00abStaatskultur\u00bb gef\u00f6rdert wird. Die Kommissions-Sprecherin Christa Markwalder-B\u00e4r hielt Pfister entgegen, dass gerade eben eine Staatskultur eingef\u00fchrt werde, wenn \u00abwir seitens der Politik bestimmen, wie eine unabh\u00e4ngige Stiftung ihre Ziele zu formulieren hat bzw., noch schlimmer, welche Projekte unterst\u00fctzt werden sollen.\u00bb Recht hat sie.<\/p>\n<p> Als \u00e4hnlich konfus erwiesen sich die Voten des Z\u00fcrcher FDP-Mannes Ruedi Noser. Er erinnerte \u2013 siehe oben \u2013 daran, dass der Rat einen einfachen Finanzierungsbeschluss verhandelte, und erkl\u00e4rte, dass die Pro Helvetia eine unabh\u00e4ngige Stiftung sei, die autonom festlege, wof\u00fcr sie das gesprochene Geld ausgebe und dass ergo nicht von einer Staatskultur gesprochen werden k\u00f6nne. Dummerweise f\u00fcgte der Wetzikoner Software-Unternehmer laut Ratsprotokoll noch an, dass er der Pro Helvetia mehr Geld geben m\u00f6chte, weil diese eine Ausweitung ihrer Aktivit\u00e4ten auf die Schwellenl\u00e4nder Indien, China und Brasilien plane und die Schweizer Wirtschaft in \u00abGottes Namen\u00bb (der allerdings die Mittel dazu nicht sprechen muss) darauf angewiesen sei, dass unsere kulturellen Gegebenheiten in diesen L\u00e4ndern bekannt w\u00fcrden. <\/p>\n<p> Kein Wunder, dass der Berner Adrian Amstutz, die Z\u00fcrcherin Kathy Riklin und Pfister verbal gleich zu dritt auf den etwas zerstreuten Noser einpr\u00fcgelten.<\/p>\n<p> Statt zu Promotion der Staatskultur inspirierte Nosers Gehirnakrobatik Pfister aber zumindest zur unfreiwilligen Bef\u00f6rderung unfreiwilliger Komik. Wirklich witzig, wenn auch politisch unkorrekt, war zwar seine Bemerkung, offenbar sei es bloss folgerichtig, wenn die Pro Helvetia als heilige Kuh der Schweiz in Indien ein B\u00fcro er\u00f6ffne. Vor lauter Schreck \u00fcber das gelungene Bonmot sank er aber alsogleich auf den Niveau-Nullpunkt der Debatte ab.<\/p>\n<p> Er zitierte aus einem Pressetext der Pro Helvetia: \u00abNeue Musik ert\u00f6nt am Z\u00fcrichsee; schr\u00e4ge T\u00f6ne aus den Alpen erklingen in Uri; Appenzeller Silvesterchl\u00e4use und Musiker stolzieren durch ein \u00f6sterreichisches Dorf; und im Basler Jura wird eine ganze Nacht lang intoniert und improvisiert: Musik \u00fcberwindet spielerisch geografische und mentale Grenzen. Pro Helvetia unterst\u00fctzt solche Initiativen und f\u00f6rdert das Tonk\u00fcnstlerfest Z\u00fcrich, das Festival Alpent\u00f6ne in Altdorf, das Volksmusiktreffen \u2018Glatt und Verkehrt\u2019 in Krems oder das Musikfestival in R\u00fcmlingen.\u00bb <\/p>\n<p> Was hat, fragte Pfister aufgrund des Corpus delicti, \u00absolches Tun in der heutigen Zeit von Multimedia, von totaler Verw\u00e4sserung noch verloren?\u00bb Vermutlich r\u00e4tseln die Verantwortlichen von Pro Helvetia noch, was Pfister mit dem kryptischen Satz wirklich meinte: Verurteilt er Aufz\u00e4hlungen in Pressetexten? Ist ihm das Festival in R\u00fcmlingen zu wenig multimedial? Betrachtet er das Festival Alpent\u00f6ne als Gefahr f\u00fcr die totale Verw\u00e4sserung? Am besten entscheiden sie sich f\u00fcr eine offizielle Einladung Pfisters an einen der Anl\u00e4sse. Wie seine spontan gezeugte Entr\u00fcstung zeigt, hat er offenbar noch keinen davon jemals selber besucht.<\/p>\n<p> Aus der ganzen \u2013 hier im Rahmen einer subjektiven Kolumne erkl\u00e4rtermassen einseitig dargestellten \u2013 Debatte l\u00e4sst sich bloss ein Schluss ziehen: Staatskultur definiert sich als die Tatsache, dass der politische Gegner \u00fcber ihre Inhalte bestimmt, unabh\u00e4ngige Kultur wiederum als die F\u00f6rderung eigener inhaltlicher Vorstellungen mit Steuergeldern. Solange zumindest, bis das Referendum dagegen ergriffen wird.<\/p>\n<p> Ach ja: Der Nationalrat hat sich f\u00fcr 135 Milllionen entschieden \u2013 aber das kann der St\u00e4nderat ja noch korrigieren. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 18.09.2007 &#8212; Es hat mit Eigent\u00fcmlichkeiten des Schweizer Politsystems zu tun, dass staatsb\u00fcrgerliche Grundfragen immer mal&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-373","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/373","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=373"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/373\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=373"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=373"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=373"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}