{"id":380,"date":"2014-01-11T09:19:04","date_gmt":"2014-01-11T09:19:04","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/zum-hinschied-leonard-b-meyers\/"},"modified":"2014-01-11T09:19:04","modified_gmt":"2014-01-11T09:19:04","slug":"zum-hinschied-leonard-b-meyers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/zum-hinschied-leonard-b-meyers\/","title":{"rendered":"Zum Hinschied Leonard B. Meyers"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">04.01.2008 &#8212; Mit Leonard B. Meyer ist einer der ganz grossen Pioniere der modernen Musikpsychologie gestorben (siehe <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/nachrichten_ind2.php?art=4600\">Nachricht<\/a>). Er ist einer der wichtigen Wegbereiter griffiger Konzepte der musikalischen Wahrnehmung, die dem Fach den Zugang zu empirischen \u00dcberpr\u00fcfungen ge\u00f6ffnet haben. Den Boden f\u00fcr zahlreiche Entwicklungen in den Kognitions- und Neurowissenschaften der Musik hat Meyer mit seiner Theorie der musikalischen Innenspannungen gelegt, die er als ein Spiel mit Erwartungen und \u00fcberraschenden Wendungen auslegte. Dargelegt sind diese Ideen in Meyers 1956 erschienenem Klassiker \u00abEmotion and Meaning in Music\u00bb.<\/p>\n<p> Die Theorie der Erwartungen charakterisierte Meyer in dem erw\u00e4hnten Buch folgendermassen: \u00abDer wichtigste Faktor in dem Seelenvorgang, welcher das Auffassen eines Tonwerks begleitet und zum Genuss macht, wird am h\u00e4ufigsten \u00fcbersehen. Es ist die geistige Befriedigung, die der H\u00f6rer darin findet, den Absichten des Komponisten fortw\u00e4hrend zu folgen und voran zu eilen, sich in seinen Vermutungen hier best\u00e4tigt, dort angenehm get\u00e4uscht zu finden. Es versteht sich, dass dieses intellektuelle Hin\u00fcber- und Her\u00fcberstr\u00f6men, dieses fortw\u00e4hrende Geben und Empfangen, unbewusst und blitzschnell vor sich geht. Nur solche Musik wird vollen k\u00fcnstlerischen Genuss bieten, welche dies geistige Nachfolgen, welches ganz eigentlich ein Nachdenken der Phantasie genannt werden k\u00f6nnte, hervorruft und lohnt.\u00bb (siehe zur Prim\u00e4rquelle des Zitates folgenden <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/scienceold.php?art=14\">Leserbrief<\/a>).<\/p>\n<p> Mit dieser Betonung der aktiven Rolle des menschlichen Geistes an der Formbildung der Musik hat Meyer letztlich die Br\u00fccke zu gestaltheoretischen Konzepten der kognitiven Musikpsychologie geschlagen. <\/p>\n<p> Meyer hat das Fach aber auch informationstheoretischen Vorstellungen ge\u00f6ffnet. Ein Jahr nach dem Erscheinen des Buches ver\u00f6ffentlichte er im <em>Journal of Aesthetics and Art Criticism<\/em> einen Artikel mit dem Titel \u00abMeaning in Music and Information Theory\u00bb, in dem er seine Ideen explizit zum informationstheoretischen Ansatz weiter entwickelte. Den Angelpunkt sieht er dabei im Konzept der Markov-Ketten. Es handelt sich um ein statistisches Verfahren, das Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen beschreibt, die von fr\u00fcheren Ereignissen abh\u00e4ngig sind und die Idee der Erwartungen und Entt\u00e4uschungen recht gut in mathematisches Denken abbilden. \u00dcberhaupt, meint Meyer, seien musikalische Stile nichts anderes als verinnerlichte Wahrscheinlichkeitssysteme. Auch wenn er den informationstheoretischen Zugang zur Musik sp\u00e4ter etwas relativiert hat, finden sich in den beiden Publikationen wichtige Grundlagen moderner Lern- und Kognitionstheorien.<\/p>\n<p> Meyers Einfluss auf die sp\u00e4teren Generationen kann gar nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden. Kaum ein Musikpsychologe konnte es sich in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts leisten, sich nicht mit Meyers Ideen auseinanderzusetzen. Er d\u00fcrfte zu einem der meist zitierten und -diskutierten Vertreter seines Faches geh\u00f6ren \u2212 nicht zuletzt auch, weil er das Geschick hatte, seine komplexen Ideen in einfacher und eing\u00e4ngiger Art darzulegen.<\/p>\n<p> Laut Berichten von Freunden sang Meyer gerne Operetten von Gilbert und Sullivan und zitierte mit Vorliebe Shakespeare. Nach seinem Wunsch sollen auf seinem Grabstein denn auch Hamlets Worte \u00abDer Rest ist Schweigen\u00bb zu stehen kommen. Mit welchen Erwartungen Meyer sich ins Jenseits verabschiedet hat und ob sie erf\u00fcllt wurden, werden wir leider nie erfahren. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 04.01.2008 &#8212; Mit Leonard B. 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