{"id":384,"date":"2014-01-11T09:21:45","date_gmt":"2014-01-11T09:21:45","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/weshalb-die-kulturindustrie-keine-lobby-hat\/"},"modified":"2014-01-11T09:21:45","modified_gmt":"2014-01-11T09:21:45","slug":"weshalb-die-kulturindustrie-keine-lobby-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/weshalb-die-kulturindustrie-keine-lobby-hat\/","title":{"rendered":"Weshalb die Kulturindustrie keine Lobby hat"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">29.02.2008 &#8212; Aktuelle \u00f6konomische Studien versch\u00e4rfen den Eindruck, dass sich die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kulturindustrie in keiner Art in ihrem politischen Gewicht spiegelt: Eine \u2212 m\u00f6glicherweise <em>die<\/em> \u2212 strategisch entscheidende Branche f\u00fcr die wirtschaftliche Zukunft Europas wird von Gesetzgeber und Innovationsinitiativen praktisch ignoriert. Ein etwas genauerer Blick auf die Beschaffenheit des Sektors erkl\u00e4rt, weshalb dies so ist.<\/p>\n<p> Warner wie der Wirtschaftsprofessor Max Otte lassen kaum Illusionen dar\u00fcber, welche Industriezweige in Europa in Zukunft eine Rolle spielen werden: \u00abEuropa hat keine Computerindustrie, keine nennenswerte Unterhaltungselektronik, kaum noch Textil- und Spielzeugproduzenten, und in vielen andern Bereichen f\u00e4llt es immer weiter zur\u00fcck. Ihren Bedarf an Autos, Stahl und diversen weiteren Produkten decken L\u00e4nder wie China und Indien zunehmend selber ab.\u00bb (Otte: Der Crash kommt, Berlin 2006). Die Kreativindustrie ist laut Erhebungen von Eurostat vom Oktober vergangenen Jahres mit 6,4 Millionen Besch\u00e4ftigten in Europa mittlerweile weitaus gr\u00f6sser als die Autobranche (2,2 Millionen Besch\u00e4ftigte) oder die Chemie (1,9 Millionen). Das Ansehen des Alten Kontinentes in der Welt hat auf den meisten Gebieten arg gelitten: Seine F\u00fchrungsrolle hat er nicht nur als Werkplatz, sondern auch in Sachen Ingenieurskunst und Forschung bereits verloren. Nicht so den als respektierte und vitale Hochkultur.<\/p>\n<p> Weshalb wird die Kulturindustrie trotz dieser Tatsachen politisch str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt? Zu tun hat dies vor allem mit ihrer inneren Beschaffenheit. Sie wird n\u00e4mlich von Klein- und Kleinstunternehmen beherrscht. W\u00e4hrend in der Chemie oder der Autobranche ein Unternehmen durchschnittlich 128 Angestellte aufweist, sind es im Kulturbereich gerade mal 5. Viele sind Einpersonen-Firmen, deren finanzielle Mittel trotz hohem Potential sehr beschr\u00e4nkt sind. Der Kulturstatistiker Michael S\u00f6ndermann (siehe <a href=\"http:\/\/www.kulturwirtschaft.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.kulturwirtschaft.ch<\/a>) rechnet in einem Grundsatzartikel denn auch vor, dass in Deutschland bereits 20&#8217;000 Stellen neu geschaffen werden k\u00f6nnten, wenn nur 10 Prozent dieser Mikrounternehmen in der Lage w\u00e4ren, einen Mitarbeiter mehr anzustellen.<\/p>\n<p> Nun muss man sich bewusst sein, dass die Agenda der Politik nicht einfach so vom Himmel f\u00e4llt. Sie wird von Interessengruppen gemacht, und zwar von denen, die \u00fcber gen\u00fcgend finanzielle und personelle Ressourcen verf\u00fcgen, um professionelle Lobbyisten zu alimentieren oder Exponenten aus ihren eigenen Reihen in die Politik zu entsenden. Derartige M\u00f6glichkeiten haben fast nur Grossunternehmen, wie sie tradtionelle Industriezweige charakterisieren und in der Kulturindustrie halt eben fehlen. Die m\u00e4chtigsten Interessengruppen ausserhalb dieser Lobbys sind die Gewerkschaften. Die Kulturindustrie ist aber selbst gewerkschaftlich bloss sehr d\u00fcrftig aufgestellt: Die bescheidenen Ans\u00e4tze zu einer linken Kulturgewerkschaftsarbeit haben ein wirtschafts- und politikkritisches oder gar -verweigerndes Credo, b\u00fcrgerliche Kulturarbeiter sind vorwiegend in politisch zahnlosen Berufsverb\u00e4nden organisiert.<\/p>\n<p> Die Politik hat sich deshalb bislang aus der Verantwortung f\u00fcr eine solide \u00f6konomische Entwicklung der Kulturindustrie stehlen k\u00f6nnen. Es ist allerdings m\u00f6glich, dass die dabei verfolgte Strategie zum Eigentor wird: Sie entzieht den Kulturschaffenden zunehmend die \u00f6ffentlichen Subventionen und macht Druck auf Produzenten und Veranstalter, ihr Marketing zu professionalisieren. Die dazu geschaffenen Ausbildungsg\u00e4nge im Kulturmanagement d\u00fcrften in der Branche aber mehr und mehr politische und wirtschaftliche Kompetenz aufbauen. Immer mehr Betroffene werden also entdecken, dass die Geringsch\u00e4tzung ihrer Arbeit in einem eklatanten Widerspruch zu ihrer faktischen national\u00f6konomischen Bedeutung steht. Sie d\u00fcrften sich dann zu wehren beginnen und Politik, Verb\u00e4nde und Lobbyisten in die Pflicht nehmen, die sie allzulange vernachl\u00e4ssigt haben.<\/p>\n<p> Zumindest hoffen kann man das ja. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 29.02.2008 &#8212; Aktuelle \u00f6konomische Studien versch\u00e4rfen den Eindruck, dass sich die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kulturindustrie in&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-384","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/384","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=384"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/384\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=384"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=384"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=384"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}