{"id":385,"date":"2014-01-11T09:22:27","date_gmt":"2014-01-11T09:22:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/der-lange-abschied-vom-kulturauftrag\/"},"modified":"2014-01-11T09:22:27","modified_gmt":"2014-01-11T09:22:27","slug":"der-lange-abschied-vom-kulturauftrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/der-lange-abschied-vom-kulturauftrag\/","title":{"rendered":"Der (lange?) Abschied vom Kulturauftrag"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">14.03.2008 &#8212; Es gibt im Diskurs zur Kultur W\u00f6rter, die viel Schaden anrichten. Eines davon ist \u00abKulturauftrag\u00bb. Es suggeriert, dass Kultur im Grunde genommen so etwas wie der Blinddarm im \u00f6konomischen System eines Staates ist, eine Pflicht\u00fcbung zur Beruhigung der B\u00fcrger, die sich nach H\u00f6herem sehnen als das, was vermeintlicherweise wirklich z\u00e4hlt, n\u00e4mlich Geld verdienen, genug Kohle haben, um Krankheiten zu bek\u00e4mpfen und die Sicherheit des Staates garantieren. Im besten Falle wird Kultur als \u00abweicher Standortfaktor\u00bb f\u00fcr die Wirtschaft verstanden. Der \u00abKulturauftrag\u00bb wird von Wirtschafts- und Finanzpolitikern dann als Kr\u00f6te geschluckt, weil Unternehmen Spitzenkr\u00e4fte anziehen wollen und dies eher tun k\u00f6nnen, wenn sie ihnen ein angenehmes Umfeld bieten.<\/p>\n<p> Von der Idee des Kulturauftrags sollte man sich endlich verabschieden, genauso wie von ihren Vettern Kultur als Ausgleichst\u00e4tigkeit, als musische Gegenwelt, Lifestyle, Savoir-vivre und so weiter. Mit solchen Kategorien \u2212 einer seltsamen Mischung aus Romantik als Gegenentwurf zur Industrialisierung und Kultiviertheit als vorzeigbarem Luxusgut \u2212 muss aufger\u00e4umt werden. Kultur ist kein Feierabend-Ausgleichsprogramm, kein \u00abweicher Standortfaktor\u00bb und genausowenig Teil der Unterhaltungs- und Luxusg\u00fcterindustrie wie die Zuliefererindustrie f\u00fcr Maschinenteile, aus denen Roboter gebaut werden, die Schoggist\u00e4ngeli ausspucken.<\/p>\n<p> Die Sprachregelung wird hier entlarvt: Schoggist\u00e4ngeli sind zwar ein der Volksgesundheit abtr\u00e4gliches und auch sonst eher entbehrliches Genussmittel und schaffen keine Folgewerte. Die Industrie rundherum, von der industriellen Fertigung \u00fcber die Verpackung bis zur Zuliefererkette, wird aber automatisch als \u00abharte\u00bb wirtschaftliche Branche betrachtet, deren F\u00f6rderung und Unterst\u00fctzung politisch und volkswirtschaftlich unabdingbar ist.<\/p>\n<p> Wie unterschiedlich auf der einen Seite etwa Industrie und Finanzbranche, auf der andern die Kreativwirtschaft wahrgenommen werden, zeigt sich auch im Klang von Berufsbezeichnungen: \u00abIngenieur\u00bb, \u00abAnlageberater\u00bb, \u00abLogistiker\u00bb, das t\u00f6nt alles nach soliden Beitr\u00e4gen zur Erh\u00f6hung des Bruttoinlandproduktes und damit wirtschaftlicher Unentbehrlichkeit, auch wenn nur Schoggist\u00e4ngeli produziert oder Investements in den Sand gesetzt werden. \u00abSchauspieler\u00bb, \u00abMusiklehrperson\u00bb oder \u00abPerformancek\u00fcnstler\u00bb t\u00f6nt hingegen wie die Fortsetzung des M\u00fcssigganges in d\u00f6rflichen Vereinstheater mit anderen Mitteln.<\/p>\n<p> Die unterschiedlichen Sprachregelungen ziehen sich durch fast alle Bereiche: Schoggist\u00e4ngeli-Produzenten, Finanzberater und Turnschuh-Hersteller schaffen <em>Arbeitspl\u00e4tze<\/em> und leisten damit einen bedeutenden Beitrag zur Volkswirtschaft, auch wenn das resultierende Produkt volkswirtschaftlich bedenklich ist. Noch nie hat hingegen ein Theaterintendant an einer Bilanzpressekonferenz verk\u00fcndet, er habe im Bereich Schauspiel oder im Orchester so und so viele Arbeitspl\u00e4tze geschaffen. Arbeitspl\u00e4tze heissen in der Kreativindustrie n\u00e4mlich nicht so. Dort heissen sie \u00abKostenfaktor\u00bb.<\/p>\n<p> Diese eingefahrene Art des Sprechens \u00fcber Kulturarbeit muss als erstes durchbrochen werden, wenn es darum geht, das Bewusstsein daf\u00fcr zu sch\u00e4rfen, dass \u00e4sthetische Arbeit im internationalen Wettbewerb <em>echte harte<\/em> Wettbewerbsvorteile schafft. Solidere und nachhaltigere als Schoggist\u00e4ngeli oder strukturierte Produkte. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 14.03.2008 &#8212; Es gibt im Diskurs zur Kultur W\u00f6rter, die viel Schaden anrichten. 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