{"id":389,"date":"2014-01-11T09:25:05","date_gmt":"2014-01-11T09:25:05","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/kunst-im-oeffentlichen-raum-vors-volk\/"},"modified":"2014-01-11T09:25:05","modified_gmt":"2014-01-11T09:25:05","slug":"kunst-im-oeffentlichen-raum-vors-volk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/kunst-im-oeffentlichen-raum-vors-volk\/","title":{"rendered":"Kunst im \u00f6ffentlichen Raum vors Volk!"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">09.05.2008 &#8212; Wie funktionieren Kunstkommissionen und F\u00f6rdergremien in der Schweiz? Ein aktuelles Beispiel aus der kantonalen Politik bietet Anschauungsunterricht: Der Berner Gemeinderat (die Exekutive der Stadt) hat vor wenigen Tagen verschiedene Vorst\u00f6sse aus dem Stadtrat (der Legislative) beantwortet, in der er erkl\u00e4rt, wie in der Stadt \u00fcber Kunst im \u00f6ffentlichen Raum entschieden wird. Der aktuelle Streitpunkt ist ein offenbar ungl\u00fccklich aufgegleistes Kunstprojekt f\u00fcr den neu gestalteten Bahnhofplatz und weitere ins Kreuzfeuer der Kritik geratene Vorhaben zur Stadtversch\u00f6nerung. Wir zitieren:<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"20\">\u00a0<\/td>\n<td><span class=\"txt-s-black\">\u00abDie federf\u00fchrende Direktion oder Institution, in den meisten F\u00e4llen Stadtbauten Bern oder die Direktion f\u00fcr Tiefbau, Verkehr und Stadtgr\u00fcn, pr\u00e4sentiert der Pr\u00e4sidialdirektion zuhanden der Abteilung Kulturelles und der St\u00e4dtischen Kunstkommission eine Liste der anstehenden Bauvorhaben, die aus ihrer Sicht f\u00fcr die Realisation eines Kunstprojekts in Frage kommen.<br \/> Die Rahmenbedingungen f\u00fcr die Projekte werden zwischen der baulich zust\u00e4ndigen Stelle und der Abteilung Kulturelles festgelegt. (&#8230;) Die Kunstkommission bestimmt eine Delegation von ein bis zwei Personen, die sie in der Arbeitsgruppe vertritt.<br \/> In den Arbeitsgruppen f\u00fcr Ki\u00f6R sind in der Regel neben der Bauherrschaft die Nutzerinnen und Nutzer, das Architekturb\u00fcro, die Bauherrschaft, die Kunstkommission, die Abteilung Kulturelles und in vielen F\u00e4llen die Denkmalpflege vertreten. Die am Wettbewerb beteiligten Kunstschaffenden werden f\u00fcr ein Ideenhonorar eingeladen, Projekte zu entwickeln und zu pr\u00e4sentieren. Welches Projekt zur Realisation empfohlen werden soll, entscheidet die Arbeitsgruppe an der Jurierungssitzung.\u00bb<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Die \u00abDirektion f\u00fcr Stadtgr\u00fcn\u00bb k\u00f6nnte ja schon fast eine Erfindung von Pipilotti Rist sein, und \u00abKi\u00f6R\u00bb heisst nat\u00fcrlich \u00abKunst im \u00f6ffentlichen Raum\u00bb. Der Gemeinderat stellt in der Folge fest, dass mittlerweile \u00abmit den geltenden Grunds\u00e4tzen zunehmend willk\u00fcrlich umgegangen wird\u00bb und eine Neuregelung der Abl\u00e4ufe dringend notwendig sei.<\/p>\n<p> Ins Prozedere sind also einer, h\u00f6chstens zwei Kunstfachleute (wenn es denn tats\u00e4chlich solche in die Kunstkommission geschafft haben) eingebunden. Der Rest riecht nach Verwaltungsakt. Er hat sich in den letzten Jahren offensichtlich zu einem solchen entwickelt, wie der Gemeinderat selber einr\u00e4umt. <\/p>\n<p> Man muss der Stadt Bern allerdings zugutehalten, dass sie eine originelle Form von Kulturprozent kennt. 1993 wurde formell festgelegt, dass ein Prozent der Bausumme von Investitionsprojekten bei \u00f6ffentlichen Bauten und Anlagen f\u00fcr Kunst am Bau zur Verf\u00fcgung stehen muss. 2003 ist der Grundsatz bekr\u00e4ftigt worden. Hut ab.<\/p>\n<p> Dennoch: das, was den \u00f6ffentlichen Kunstdiskurs ausmachen m\u00fcsste, wird auch hier in Verwaltungsgremien verlagert, in andern St\u00e4dten d\u00fcrften etwa die gleichen Zust\u00e4nde herrschen. Wenn man Kunst wirklich zur Sache des B\u00fcrger machen wollte (was sie ja auch sein m\u00fcsste), bliebe nur eine konsequente Verlagerung der Kompetenzen in der gutschweizerischen Tradition der direkten Demokratie.<\/p>\n<p> Wir fordern deshalb einen Verfassungsartikel (auf Bundesebene muss ja juristisch immer gleich der Zweih\u00e4nder hervorgeholt werden), der verlangt, dass \u00fcber jedes Kunstwerk, das im \u00f6ffentlichen Raum aufgestellt werden soll, obligatorisch eine Volksabstimmung durchgef\u00fchrt werden muss. Der \u00c4nderungsantrag f\u00fcr die Bundesverfassung, der selbstverst\u00e4ndlich alle Kann-Formulierungen vermeidet, k\u00f6nnte etwa so aussehen:<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"20\">\u00a0<\/td>\n<td><span class=\"txt-s-black\"><strong> Art. 69a<\/strong> (neu) <strong>Kunst im \u00f6ffentlichen Raum<\/strong><\/p>\n<p> <sup>1<\/sup> Zu jedem Kunstwerk, das im \u00f6ffentlichen Raum aufgestellt werden soll, <em>muss<\/em> auf Gemeindeebene obligatorisch eine Volksabstimmung durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p> <sup>2<\/sup> Im Abstimmungstext <em>muss<\/em> jeweils explizit darauf aufmerksam gemacht werden, dass gegen das Resultat Beschwerde eingereicht werden kann.<\/p>\n<p> <sup>3<\/sup> Kosten, welche eine Beschwerde gegen des Abstimmmungsresultat zur Folge haben, <em>m\u00fcssen<\/em> den Beschwerdef\u00fchrern vom Bund zur\u00fcckerstattet werden, und zwar auch dann, wenn nach einem Bundesgerichtsentscheid der Europ\u00e4ische Menschenrechtshof angerufen wird.<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Die Hervorhebungen kann man in der Schlussredaktion nat\u00fcrlich weglassen.<\/p>\n<p> Aus rechtsb\u00fcrgerlichen Kreisen w\u00fcrde sich sogleich Protest erheben \u2212 Leerlauf, grober Unfug, \u00dcberfrachtung der Abstimmungs-Agendas und so weiter \u2212, den man aber schnell entkr\u00e4ftet h\u00e4tte. Ein Blick in Abstimmungsunterlagen von Gemeinden zeigt n\u00e4mlich, dass neben den Millionenkrediten und Traktanden zur Wirkungsorientierten Verwaltung, dem Beitritt zu M\u00fcll-Zweckverb\u00e4nden und Trottoirverbreiterungen hier und dort auch seitenweise Einb\u00fcrgerungsgesuche abgehandelt werden.<\/p>\n<p> Wer den Aufwand nicht scheut, seine k\u00fcnftigen B\u00fcrger derart ins Rampenlicht zu zerren, der k\u00f6nnte problemlos ab und an eine Skulptur in einem Verkehrskreisel, ein Metall-Makramee an der Rathausfassade oder ein Kunstglasfenster im Werkhof zur Disposition stellen.<\/p>\n<p> M\u00f6glicherweise h\u00e4tten wir dann mehr \u00abLaubs\u00e4geli-Arbeiten\u00bb in Housi-Knecht-Machart (die Berner werden sich erinnern) und weniger \u00abSchrotthaufen\u00bb in Luginb\u00fchl-Manier (die Berner werden sich auch daran erinnern), daf\u00fcr w\u00fcrde regelm\u00e4ssig eine hitzige Debatte \u00fcber Sinn, Unsinn, dekorative Kraft und die Zumutungen zeitgen\u00f6ssischer Kunst gef\u00fchrt \u2212 und die Leserbriefspalten w\u00fcrden zum Forum des zeitgen\u00f6ssischen \u00c4sthetikdiskurses. Was m\u00f6chte man mehr?<\/p>\n<p> Weil \u00abdas Volk\u00bb dann Kunst als etwas verstehen w\u00fcrde, was es etwas angeht und sich damit auseinandersetzen w\u00fcrde, h\u00e4tten wir mit der Zeit vermutlich auch mehr Luginb\u00fchls und weniger \u00abLaubs\u00e4geli-Arbeiten\u00bb im \u00f6ffentlichen Raum. Denn selbst dem hartgekochtesten Kleinb\u00fcrger ginge mit der Zeit ein Licht auf, wenn er aufgrund einer solchen Regelung st\u00e4ndig seine eigenen \u00e4sthetischen Pr\u00e4ferenzen hinterfragen m\u00fcsste. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 09.05.2008 &#8212; Wie funktionieren Kunstkommissionen und F\u00f6rdergremien in der Schweiz? 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