{"id":39,"date":"2014-01-06T10:16:56","date_gmt":"2014-01-06T10:16:56","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/zwischen-neuer-oper-und-neurologie\/"},"modified":"2014-01-06T10:16:56","modified_gmt":"2014-01-06T10:16:56","slug":"zwischen-neuer-oper-und-neurologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/zwischen-neuer-oper-und-neurologie\/","title":{"rendered":"Zwischen Neuer Oper und Neurologie"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>14.03.2006<br \/><\/strong><\/span><\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Das Grazer IEM nimmt laut seinem Leitbild \u00abeine Vorreiterrolle als Schnittstelle zwischen Naturwissenschaft und Kunst, zwischen neuen Technologien und musikalischer Praxis ein\u00bb. Was dies in der Praxis bedeutet, wollte Codex flores vom Institutsleiter Robert H\u00f6ldrich wissen. Ein Interview.<\/strong><\/p>\n<p> <em><strong>Codex flores:<\/strong> Wozu braucht es in einer Zeit, in der jedermann professionelle Studiohardware zu erschwinglichen Preisen von der Stange kaufen kann, \u00fcberhaupt noch Institute wie das IEM?<\/em><br \/> <strong>Robert H\u00f6ldrich:<\/strong> Die Frage nach unserer Existenzberechtigung soll durchaus gestellt werden. Die Zeiten der Studios sind vorbei, in denen Ingenieure mit weissen M\u00e4nteln vor kubikmeterweise Hardware mit hunderten von Kn\u00f6pfen gestanden sind, an welche die K\u00fcnstler nicht herangelassen wurden. Es gibt aber immer noch technologische Aspekte, die nur ein Studio wie das unsrige anbieten kann, zum Beispiel in Sachen Raumklang. Wir m\u00fcssen also ein Kompetenzzentrum f\u00fcr L\u00f6sungen sein, die der Musikfachhandel nicht bieten kann. <\/p>\n<p> <em>Wie gross ist das IEM? <\/em> <br \/> Wir geh\u00f6ren zu den gr\u00f6sseren Studios im deutschsprachigen Raum. Wir haben zur Zeit 18 oder 19 Mitarbeiter und rund 180 Studenten sowie zwei volle Professuren \u2013 in der deutschen Terminologie w\u00fcrde man sie als zweimal C4 und einmal C3 charakterisieren. Was die r\u00e4umliche Ausstattung angeht, sind wir deutlich kleiner als etwa das Studio des ZKM in Karlsruhe. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; <br \/><strong> Weblink<\/strong><br \/> Institut f\u00fcr Elektronische Musik und Akustik der Kunstuniversit\u00e4t Graz:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.iem.at\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.iem.at<\/a> <br \/> &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <em>Sie haben wie das Karlsruher Institut f\u00fcr Musik und Akustik einen \u00abCube\u00bb, ein Studio, in dem sich r\u00e4umliche Kompositionen realisieren lassen. Sind die Arbeitsgebiete in Graz und in Karlsruhe vergleichbar? <\/em> <br \/> In Karlsruhe stellt das Veranstaltungswesen eine Kernkompetenz dar. F\u00fcr uns ist dies eher etwas, was wir machen, weil es Spass macht. Wir haben 2002 die Konzertreihe \u00abOpen Cube\u00bb ins Leben gerufen, mit acht bis f\u00fcnfzehn Konzerten pro Jahr. Als Koproduktionspartner steht uns der \u00absteirische herbst\u00bb zur Seite. Der Fokus ist bei uns aber auf der wissenschaftlichen Forschung. <\/p>\n<p> <em>Abseits von k\u00fcnstlerischen Anliegen? <\/em> <br \/> Keineswegs. Die wissenschaftlichen Ans\u00e4tze lassen sich auch f\u00fcr k\u00fcnstlerische Projekte nutzen. Eines der eindr\u00fccklichsten Beispiele sind die Arbeiten f\u00fcr \u00abB\u00e4hlamms Fest\u00bb, eine Oper von Olga Neuwirth, die hier realisiert worden sind. Es geht dabei um einen Werwolf, der auf der B\u00fchne als solcher h\u00f6rbar sein muss. Da singt ein Kontratenor, und sein Gesang wird in Echtzeit in eine Art Wolfsgeheul und wieder zur\u00fcckverwandelt. Dieses sogenannte \u00abMorphing\u00bb kennt man aus dem optischen Bereich, zum Beispiel aus dem Film \u00abTerminator II\u00bb und aus Peter Gabriels Clip \u00abSledgehammer\u00bb.<\/p>\n<p> <em>Und umgekehrt? <\/em> <br \/> Funktioniert es genauso. Der Komponist Peter Ablinger zum Beispiel hat im \u00absteirischen herbst\u00bb eine Stadtoper gemacht und dabei Verfahren unseres Institutes genutzt, um nat\u00fcrliches Klangmaterial zu analysieren und neu zu instrumentieren. <\/p>\n<p> <strong>Das Studio im Zimmer der Stubenm\u00e4dchen<\/strong><\/p>\n<p> <em>Wo sind denn die historischen Wurzeln des IEM? <\/em> <br \/> Das Institut existiert schon seit vierzig Jahren, es ist also eine relativ alte Einrichtung. Es ist der Kunstuniversit\u00e4t \u2013 der fr\u00fcheren Musikhochschule \u2013 als eines der 17 Institute angegliedert. Da gibt es auch ein Institut f\u00fcr Komposition und Musiktheorie und ein Institut f\u00fcr Wertungsforschung \u2013 das heisst f\u00fcr \u00c4sthetik \u2013, das von Andreas Dorschel gef\u00fchrt wird, ein Institut f\u00fcr Saiteninstrumente und so weiter. <\/p>\n<p> Als mein Kollege Winfried Ritsch und ich ans IEM kamen, war das Ganze noch deutlich kleiner als heute. Wir hatten unseren Vorlesungsraum in der K\u00fcche eines alten Gasthofes, und das Studio war in den Aufenthaltsr\u00e4umen der Stubenm\u00e4dchen. Hier wo wir jetzt sind, sind wir im Jahr 2000 eingezogen. <\/p>\n<p> Wir stehen aber auch in einer Tradition, die zum Teil gepr\u00e4gt ist durch Leute, die fr\u00fcher hier gearbeitet haben. So hat etwa Andrej Dobrowolsky, der vom Warschauer Studio gekommen ist und hier \u00fcber f\u00fcnfzehn Jahre gewirkt hat, dem Institut seinen Stempel aufgedr\u00fcckt. <\/p>\n<p> <em>Wer pr\u00e4gt heute ausser Ihnen das k\u00fcnstlerische Gesicht des Institutes? <\/em> <br \/> Es gibt in \u00d6sterreich zentral von der Bundesregierung ein Instrument um spezielle hochkar\u00e4tige Schwerpunkte an den Universit\u00e4ten zu f\u00f6rdern, die sogenannten Vorziehprofessuren, von denen auch die Kunstuniversit\u00e4t profitiert. In den letzten vier Jahren gab es zwei solche Professuren, eine davon h\u00e4lt Gerhard Eckel hier im IEM f\u00fcr den Bereich Computermusik und Multimedia. Wir sch\u00e4tzen uns gl\u00fccklich, dass er trotz Gehaltseinbussen und befristeter Anstellung bereit ist, bei uns zu arbeiten. <\/p>\n<p> <em>Das IEM befindet sich geografisch aber eher abseits der Kunstuniversit\u00e4t. <\/em><br \/> R\u00e4umlich sind wir ausserhalb der Hochschule zu finden, das ist richtig. Das h\u00e4ngt unter anderem damit zusammen, dass wir auch Elektrotechniker und Toningenieure ausbilden \u2013 also nicht k\u00fcnstlerisch orientierte Tonmeister, sondern technisch-naturwissenschaftliche Fachkr\u00e4fte, die sich solide elektrotechnische Grundlagen aneignen m\u00fcssen. Das geschieht in Kooperation mit der Technischen Universit\u00e4t, was wiederum der Grund ist, weshalb wir in deren R\u00e4umlichkeiten zu finden sind. Ich bin konsequenterweise nicht nur Professor an der Kunstuniversit\u00e4t, sondern auch Mitglied der Fakult\u00e4t f\u00fcr Elektrotechnik. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/060313hoeldrich2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> \u00abMan kann aber gar nicht oft genug betonen, dass die Kombination aus Wissenschaft und Kunst \u00e4usserst fruchtbar ist.\u00bb<strong><br \/><\/strong><\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>F\u00fchrt man als K\u00fcnstler an einer Technischen Uni nicht eher ein Mauerbl\u00fcmchendasein? <\/em> <br \/> Absolut nicht, wir sind hier durchaus gewichtig vertreten und versuchen, den Studierenden sowohl die technisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen als auch die klassischen Grundlagen von Musiktheorie, Formenlehre, Geh\u00f6rschulung und Instrumentation beizubringen \u2013 bis hin zu Computermusik, Sounddesign, Beschallungstechnik, Echtzeitsystemen und allem was damit zusammenh\u00e4ngt. <\/p>\n<p> <em>Da d\u00fcrfte in der k\u00fcnstlerischen Schulung aber recht vieles an der Oberfl\u00e4che bleiben. <\/em> <br \/> Der Mangel, der sich mit dieser Ausrichtung eingestandenermassen ergibt, versuchen wir durch Kooperationen mit den Komponisten zu kompensieren, die bei uns Projekte realisieren. Das gelingt einmal besser, einmal schlechter. <\/p>\n<p> <strong>Br\u00fcckenbauer zwischen Kunst und Wissenschaft<\/strong><\/p>\n<p> <em>Hat die Kooperation mit einer Technischen Universit\u00e4t nicht auch mit Mentalit\u00e4tsunterschieden zu k\u00e4mpfen? Ingenieure neigen eher dazu, der Industrie zuzudienen, w\u00e4hrend dies K\u00fcnstlern doch eher suspekt ist. <\/em> <br \/> Manchmal f\u00fchrt der weite Horizont hier am Institut tats\u00e4chlich zu ideologischen Konflikten, etwa zwischen Verfechtern einer freien Softwarewelt und solchen, die das geistige Eigentum und das Recht auf Geheimhaltung der Industrie verteidigen, oder Mitarbeitenden, f\u00fcr die manchmal vielleicht auch gef\u00e4llige Kunst ins Produktionsspektrum des IEM geh\u00f6rt, und solchen, die ihre Werte mehr in konzeptionellen Ans\u00e4tzen sehen und einer glitzernden Oberfl\u00e4che eher misstrauen. Man kann aber gar nicht oft genug betonen, dass die Kombination aus Wissenschaft und Kunst \u00e4usserst fruchtbar ist. <\/p>\n<p> <em>Schl\u00e4gt sich dies im Umgang mit den Produkten nieder? <\/em><br \/> Bei uns ist zum Beispiel ein Grossteil der Softwareentwicklung, die nicht industriell ist, als sogenannte Open Source offen und frei zug\u00e4nglich. Das ist eine manchmal gar nicht so leichte Entscheidung, weil wir Entwicklungen in Zusammenarbeit mit Industriepartnern nat\u00fcrlich nicht so behandeln k\u00f6nnen. Unsere eigenen Entwicklungen wollen wir aber grossteils frei verf\u00fcgbar machen. Wir werden vom Staat auch gef\u00f6rdert und wollen unsere Erkenntnisse deshalb auch weitergeben. Das heisst, Open Source ist eine klare Schiene, die wir fahren. <\/p>\n<p> <em>Was f\u00fcr Projekte werden am IEM realisiert? <\/em><br \/> Da sind auf der einen Seite Fragestellungen der naturwissenschaftlich-technisch gepr\u00e4gten Psychoakustik und der Wahrnehmungspsychologie. Die K\u00fcnstler, die hier arbeiten, versuchen diese Befunde f\u00fcr ihre eigene kreative Arbeit zu nutzen. Komponisten wie Peter Ablinger, Bernhard Lang, Gerd K\u00fchr oder Klaus Lang sind solche Vertreter einer \u00abRecherche musicale\u00bb. Auch Olga Neuwirth nutzt f\u00fcr ihre Musiktheater unsere speziellen Kompetenzen. <\/p>\n<p> <em>Und wie k\u00f6nnen Interessenten ausserhalb des Kunstschaffens davon profitieren? <\/em><br \/> Auf vielf\u00e4ltige Weise. Wir realisieren zur Zeit zum Beispiel ein Projekt zum Thema Sonifikation, das heisst zur klanglichen Darstellung von wissenschaftlichen Daten. Es ist das erste seiner Art, an dem alle vier Grazer Universit\u00e4ten beteiligt sind \u2013 unter der F\u00fchrung der kleinsten, n\u00e4mlich uns. Dabei geht es in den beteiligten Wissenschaftsdisziplinen um ganz scharf umrissene Fragen. Als Beispiel: In der Neurologie m\u00f6chte man gerne epileptische Anf\u00e4lle voraussagbar machen, so dass Betroffene vorgewarnt w\u00e4ren und entsprechende Vorkehrungen treffen k\u00f6nnten. Mit dem EEG geht das nicht wirklich. <\/p>\n<p> <em>Nun bin ich gespannt, wie man da Sonifikation zum Thema machen kann. <\/em><br \/> Wir fragen uns, ob man in klanglichen Umsetzungen von EEG, die kurz vor epileptischen Anf\u00e4llen gemacht worden sind, charakteristische Muster finden kann, die zu fr\u00fch diagnostizierbaren Merkmalen f\u00fchren k\u00f6nnten. Daran und an anderen wissenschaftlichen Fragestellungen arbeiten Klangspezialisten, die von der \u00e4sthetischen Gestaltung von Klang etwas verstehen. Sie haben dar\u00fcber hinaus aber genug naturwissenschaftliche Ausbildung, dass sie mit den in das Projekt eingebundenen Soziologen, Neurologen, theoretischen Physikern und Nachrichtentechnikern kommunizieren k\u00f6nnen. Denen versuchen sie dann zu erkl\u00e4ren, dass es eben nicht ausreicht, die Daten einfach irgendwie in T\u00f6ne zu \u00fcbersetzen. Wenn man Sonifikation als Werkzeug f\u00fcr die Wissenschaft verwenden will, muss eine \u00e4sthetische Qualit\u00e4t da sein, sonst arbeitet niemand damit. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\" width=\"230\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> \u00abEin Grossteil unserer k\u00fcnstlerischen Projekte dreht sich darum, dass der Klang im Raum verteilt wird.\u00bb<\/strong><\/span><\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/060313hoeldrich3.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Zur Not und wenn es der Sache dient, kann man unbedarfte Klangwelten ja mal in Kauf nehmen. <\/em><br \/> Ein Neurologe verbringt pro Tag bis zu mehrere Stunden mit der Befundung von EEG. Wenn er sich von diesen mehreren Stunden eine Dreiviertelstunde etwas anh\u00f6ren muss und das klingt schlecht oder unangenehm, dann wird er das nie verwenden. <\/p>\n<p> <em>Verstehen Naturwissenschaftler und Mediziner diese \u00e4sthetischen Anliegen von Beginn weg? <\/em><br \/> Da existiert ein ganz allgemeines Problem der f\u00e4cher\u00fcbergreifenden Kommunikation \u2013 in beiden Richtungen. Ich bin ausgebildet als Elektrotechniker, habe als Mathematiker promoviert und bin auch Komponist \u2013 eigentlich sollte ich die Chance haben, mit einem Naturwissenschaftler zu kommunizieren. Bei den ersten Besprechungen mit den theoretischen Physikern bin ich mir allerdings wie ein Idiot vorgekommen. Der Physiker hat geredet und ich habe geredet, und es war so, als ob er chinesisch und ich spanisch sprechen w\u00fcrden. Da habe ich mal zwei B\u00fccher \u00fcber Teilchenphysik durchgelesen, damit ich eine ungef\u00e4hre Ahnung bekomme, was Quarks, Gluonen, hyperfeine Wechselwirkung und so weiter sein k\u00f6nnte. <\/p>\n<p> <strong>Zusammenarbeit mit Industriepartnern<\/strong><\/p>\n<p> <em>Gibt es noch andere technische Anwendungen, in denen die Akustik eine Rolle spielt? <\/em><br \/> Wir haben im letzten Herbst in Zusammenarbeit mit einem Industriepartner und der technischen Universit\u00e4t ein Projekt zur akustischen Ausstattung eines Flugsimulators abgeschlossen. Da ist es darum gegangen, auf h\u00f6chster Realit\u00e4tsstufe ein Soundmodul zu realisieren. Der Pilot h\u00f6rt im Cockpit die Triebwerke samt Fehlz\u00fcndungen, Str\u00f6mungsger\u00e4uschen, Regen, dem Aus- und Einfahren des Fahrwerks. Ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen da aber auch spezielle Ereignisse wie Landungen, Starts, ein Triebwerksausfall und so weiter. Das alles haben wir in einem sehr komplexen Softwaresystem synthetisiert. Nun besch\u00e4ftigen wir uns mit einem Problem, das von Eurocontrol, der europ\u00e4ischen Flugsicherung, an uns herangetragen worden ist. <\/p>\n<p> <em>Wo sind hier die akustischen Herausforderungen? <\/em><br \/> Fluglotsen arbeiten in der Regel in grossen R\u00e4umen, in denen viele Leute gleichzeitig sprechen. Sie k\u00e4mpfen \u00fcberdies mit Funksignalen, die extrem schlechte Charakteristiken in der \u00dcbertragung aufweisen. Wir \u00fcberlegen uns nun, wie man die akustischen Rahmenbedingungen verbessern kann. Es geht dabei vor allem darum, Schallenergie an einem ganz bestimmten Platz im Raum zu konzentrieren. <\/p>\n<p> <em>Gibt es bei solchen Raumklangfragen auch Querverbindungen zu k\u00fcnstlerischem Schaffen? <\/em><br \/> Ein Grossteil unserer k\u00fcnstlerischen Projekte dreht sich darum, dass der Klang im Raum verteilt wird. Das beherrschen wir mittlerweile sehr gut und noch dazu mit einem System, das es erm\u00f6glicht, die gleiche virtuelle Akustik an verschiedenen Orten mit verschiedenen Lautsprecher-Setups relativ einfach zu erzeugen. Das wiederum hat im Kulturbetrieb einen ganz praktischen Nutzen. So haben wir zum Beispiel Olga Neuwirths Oper \u00abLost Highway\u00bb, die in Graz uraufgef\u00fchrt worden war, in Basel auf die B\u00fchne gebracht, wobei ganz wenig Zeit blieb, das akustische Setup mit den Lautsprechern einzurichten. \u00c4hnliche Anforderungen stellte Neuwirths \u00ab&#8230;ce qui arrive&#8230;\u00bb mit dem Ensemble Modern, das in ganz Europa gezeigt worden ist. Da hatten wir an jedem Spielort nur ganz wenig Zeit, um das technisch einzurichten. <\/p>\n<p> <em>Und wie steuert man denn solche komplexe Settings? <\/em><br \/> Im Rahmen eines \u00f6sterreichischen Forschungsprogramm zur Entwicklung kreativ interessanter Werkzeuge f\u00fcr K\u00fcnstler haben wir ein Projekt zum Entwurf eines virtuellen Mischpults verfolgt, mit dem Kl\u00e4nge nicht nur zweidimensional auf einer Linie zwischen links und rechts, sondern auch dreidimensional verteilt werden k\u00f6nnen. Das Ergebnis kann entweder mit vielen Lautsprechern wiedergegeben oder mit Kopfh\u00f6rern abgeh\u00f6rt werden. <\/p>\n<p> <strong>Ein umfassendes virtuelles Gamelanorchester<\/strong><\/p>\n<p> <em>In der zeitgen\u00f6ssischen Kunstmusik ist die Arbeit mit virtuellen Umgebungen und Raum im Trend. Traditionellere Disziplinen verschliessen sich den M\u00f6glichkeiten eher. <\/em><br \/> Nicht immer. Als der Musikethnologe Gerd Grupe hier in Graz die Leitung des musikethnologischen Instituts \u00fcbernommen hat, wurde im Zuge seiner Berufung ein umfangreiches Gamelan-Instrumentarium angeschafft, ich glaube das gr\u00f6sste in Kontinentaleuropa. Wir haben uns zusammengesetzt und uns \u00fcberlegt, wie man diese wunderbaren Instrumente klanglich resynthetisieren k\u00f6nnte. Das ist ein durchaus anspruchsvolles Unternehmen, denn man muss nicht nur den Klang modellieren, sondern auch die Abstrahlcharakteristik. <\/p>\n<p> <em>Weshalb die Abstrahlcharakteristik? <\/em><br \/> Gongs haben ein deutlich komplexeres Klangverhalten als ein Lautsprecher. Wir wollen nun ganze Lautsprecherkonfigurationen definieren, mit deren Hilfe in einem beliebigen Raum eben dieses Abstrahlverhalten nachgebildet werden kann. Das ist ein relativ neues Feld in der Klangsynthese. Eine weitere interessante Frage des Gesamtprojekts ist, ob sich die typischen Kompositionstechniken der Gamelanmusiker in Algorithmen bringen lassen. <\/p>\n<p> <em>K\u00f6nnen Sie das n\u00e4her erl\u00e4utern? <\/em><br \/> Ein Gamelanst\u00fcck wird durch eine sogenannte Kernmelodie definiert, die mit Ziffern und Punkten notiert wird. Aus dieser Kernmelodie wird die Instrumentierung abgeleitet. Wir m\u00f6chten nun schauen, wie sich die Regeln, nach denen aus einer Kernmelodie die andern Stimmen abgeleitet werden, formulieren lassen \u2013 inklusive der \u00fcblichen interpretatorischen Varianz. <\/p>\n<p> <em>Von Interpretation sprechen wir normalerweise, wenn ein Werk klar definiert ist. <\/em><br \/> Das ist die Konzeption der westlichen Kunstmusik. Gamelanmusiker denken nicht so. Aber in ihrem Spiel gibt es trotzdem Varianten. Das musikethnologische Spezialwissen dazu liefert Gerd Grupe und sein Team. Wir wiederum versuchen daraus ein Regelwerk abzuleiten, das sich in Software giessen l\u00e4sst. Der n\u00e4chste Schritt ist dann, die Art, wie Kernmelodien aufgebaut sind, zu imitieren. Gelingt dies, dann k\u00f6nnten aus dem Stand Kernmelodien und die daraus abgeleiteten Stimmen erzeugt und mit Hilfe unserer Synthesizer mit ihren realistischen Abstrahlcharakteristiken abgespielt werden. <\/p>\n<p> <em>Also ein in allen Aspekten virtualisiertes Gamelanorchester? <\/em><br \/> Genau das w\u00e4re die Idee. In den zwei Jahren, in denen das Projekt l\u00e4uft, werden wir nicht so weit kommen, aber wir werden einige substantielle Probleme und Aufgaben l\u00f6sen. Wir werden Musiker aus Java einladen, die sollen dann auch beurteilen, wie weit Klang, Instrumentierung, Agogik und sonstige Spieltechnik stimmen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.03.2006 \u00a0 Das Grazer IEM nimmt laut seinem Leitbild \u00abeine Vorreiterrolle als Schnittstelle zwischen Naturwissenschaft und Kunst, zwischen neuen Technologien&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-39","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-systematische-musikwissenschaften","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}