{"id":390,"date":"2014-01-11T09:25:37","date_gmt":"2014-01-11T09:25:37","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/was-tun-mit-politisch-brisanter-weltmusik\/"},"modified":"2014-01-11T09:25:37","modified_gmt":"2014-01-11T09:25:37","slug":"was-tun-mit-politisch-brisanter-weltmusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/was-tun-mit-politisch-brisanter-weltmusik\/","title":{"rendered":"Was tun mit politisch brisanter Weltmusik?"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">23.05.2008 &#8212; F\u00fcr Wirbel hat in verschiedenen Kantonen der Schweiz in den letzten Tagen ein S\u00e4nger mit Namen Marko Perkovic gesorgt, von dem wir \u2212 wir geben&#8217;s unumwunden zu \u2212 zuvor noch nie ein Wort geh\u00f6rt haben. Der Kroate, sagt man uns, soll kriegsverherrlichende und antisemitische Lieder singen, und an seinen Konzerten sollen seine Fans einen Gruss nutzen, der dem Hitlergruss \u00e4hnlich ist, und Insignien einer ehemaligen radikalen Organisation kroatischer Nationalisten mit Namen \u00abUstascha\u00bb tragen. Da wir kein Wort Kroatisch verstehen, nehmen wir&#8217;s mal zu Kenntnis. Im Web verf\u00fcgbare Bilder von Perkovic-Konzerten scheinen die Vorw\u00fcrfe zu belegen.<\/p>\n<p> In Dietikon, Wallisellen und Lengnau ist daf\u00fcr gesorgt worden, dass Perkovic keine B\u00fchne zur Verf\u00fcgung steht. In der deutschen Stadt Stuttgart durfte er \u2212 unter Auflagen \u2212 allerdings auftreten. Laut \u00abStuttgarter Zeitung\u00bb versteht Peter Hinic, der Vorsitzende der lokalen kroatischen Kulturgemeinschaft, die ganze Aufregung nicht. Man habe f\u00fcr das Ordnungsamt alle Lieder \u00fcbersetzt, und deren Texte w\u00fcrden sich in der Hauptsache um die Liebe drehen.<\/p>\n<p> Wie gesagt, wir haben Perkovic bis anhin nicht gekannt. Wir sind aber auch nicht in der Lage, selbst harmlos scheinende Texte richtig zu deuten. Vielleicht haben die Liebeslieder ja einen Subtext, den alle Kroaten verstehen und der uns entgeht? Vielleicht ist das Spiel mit nationalistischen Uniform-Bestandteilen umgekehrt ja bloss spielerische Selbstironie und Provokation. Wir lochen ja schliesslich auch keine halbw\u00fcchsigen Schweizer ein, die Che oder Mao oder Symbole totalit\u00e4rer Befreiungsbewegungen auf ihren T-Shirts wohlfeil halten \u2212 und nicht einmal wissen, dass Marx einen Bart hatte.<\/p>\n<p> Dabei sind wir in der Sache mit Anhaltspunkten noch relativ gut versorgt. Der S\u00e4nger ist f\u00fcr uns scheinbar einfach als staatsgef\u00e4hrdendes Subjekt erkennbar. Er singt n\u00e4mlich, und zwar Texte, und die Oberfl\u00e4chenbedeutung von Texten kann man mehr oder weniger verstehen, wenn sie \u00fcbersetzt werden. Sofern sie denn korrekt \u00fcbersetzt werden, wovon wir ja auch nicht a priori ausgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> Woher wissen wir aber, dass der stumm bleibende Instrumentalvirtuose eines exotischen Staates, dessen Entourage f\u00fcr ein Konzert den lokalen Gemeindesaal mietet, nicht ein Vertreter einer radikalen Stammes-Gruppierung ist, die sich die Ausl\u00f6schung eines andern Stammes auf die Fahnen geschrieben hat und die Eintritte zur Bezahlung f\u00fcr Waffen verwendet wird? Wir bewundern ahnungslos die vertrackten Rhythmen des Musikers, w\u00e4hrend der heftige Applaus seiner exilierten Anh\u00e4nger der f\u00fcr sie eindeutigen Botschaft zum \u00abHass gegen die da vom andern Stamm\u00bb gilt.<\/p>\n<p> Das mag ein bisschen paranoid klingen. In Tat und Wahrheit haben die kulturellen Aktivit\u00e4ten von Migranten und Fl\u00fcchtlingen ihre Unschuld aber schon lange verloren \u2212 nicht erst, seit dem einen oder andern d\u00e4mmert, dass in hiesigen Moscheen auch Hassprediger Station machen und scheinbar harmlose Kulturvereine jeglicher Religion bei ihren Landsleuten Geld erpressen, um zu Hause einen bewaffneten Krieg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p> Weshalb k\u00f6nnen wir selbst als Journalisten, die Recherche und kritischen Blick internalisiert haben sollten, so offenherzig zugeben, dass uns die angebliche Gefahr, die von Perkovic ausgeht, v\u00f6llig entgangen ist? Weil es schlicht unm\u00f6glich ist, alle Sprachen aller Migranten fliessend zu sprechen und \u00fcber alle Subtilit\u00e4ten in den Verh\u00e4ltnissen aller ethnischer Minderheiten in den rund 200 Staaten der Welt informiert zu sein. <\/p>\n<p> Wir geben&#8217;s zu: Es w\u00e4re uns lieber gewesen, das Konzert Perkovics h\u00e4tte wie in Stuttgart auch in der Schweiz stattfinden k\u00f6nnen, weil die sichtbare Vielfalt der Ausdruckformen und das Recht auf Selbstdarstellung allen Gruppierungen jeglicher Couleur sehr, sehr hoch zu bewerten ist und es gegebenenfalls immer noch besser ist, rassistische und totalit\u00e4re Tendenzen zeigten sich, als dass sie im Verborgenen von uns unentdeckt ihr Unwesen treiben.<\/p>\n<p> Der Fall Perkovic zeigt uns, dass selbst scheinbar harmlose nostalgische Musikdarbietungen politischen Sprengstoff beinhalten k\u00f6nnen und umgekehrt scheinbare politische Skandale bloss ein Sturm im Wasserglas sein k\u00f6nnen. Es gibt keine feste Grenze zwischen \u00c4sthetik und Politik. Politische Naivit\u00e4t im kulturellen Austausch kann sich r\u00e4chen. Von ihr, so das Fazit der Geschichte, sollten wir uns endg\u00fcltig verabschieden.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 23.05.2008 &#8212; F\u00fcr Wirbel hat in verschiedenen Kantonen der Schweiz in den letzten Tagen ein S\u00e4nger&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-390","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/390","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=390"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/390\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=390"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=390"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=390"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}