{"id":393,"date":"2014-01-11T09:27:14","date_gmt":"2014-01-11T09:27:14","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-iv-vom-erlesenen-geschmack\/"},"modified":"2014-01-11T09:27:14","modified_gmt":"2014-01-11T09:27:14","slug":"sommerspiel-iv-vom-erlesenen-geschmack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-iv-vom-erlesenen-geschmack\/","title":{"rendered":"Sommerspiel IV: Vom erlesenen Geschmack"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">04.07.2008 &#8212; Regelm\u00e4ssige Leser werden es schon festgestellt haben: Wir haben&#8217;s nicht so mit dem Erhabenen. Erlesener Musikgeschmack als Zeichen kultivierter Attit\u00fcde ist uns ved\u00e4chtig. Er f\u00f6rdert die Lebendigkeit der Musikszene nicht. Im Gegenteil, mit der Zeit w\u00fcrgt er sie ab. Die europ\u00e4ische Kunstmusik ist im Grunde genommen genauso wenig wie der amerikanische Jazz geeignet, als Symbol gehobener Lebensart zu dienen, droht aber leider darin zu erstarren. Die Kunstmusikformen dies- und jenseits des grossen Teichs sind geschaffen worden, um Grenzen zu sprengen; Ausdrucksgrenzen, soziale Grenzen, intellektuelle Grenzen, physikalische Grenzen&#8230; Dabei hat es immer wieder verst\u00f6rende Einbr\u00fcche gegeben, Zw\u00f6lftonmusik, Bebop, elektroakustische Musik, Freejazz&#8230; Und es hat heftige Debatten um Sinn und Unsinn neuer T\u00f6ne gegeben, radikale Ablehnung, enthusiastische Gefolgschaft&#8230; So etwas h\u00e4lt eine Kunstform lebendig.<\/p>\n<p> F\u00fcr was aber stehen klassische Musik und Jazz heute? Im besten Fall f\u00fcr erlesenen Geschmack und Kultiviertheit. Im weniger guten als Symbol f\u00fcr alles, womit der Nachwuchs garantiert nie etwas zu tun haben will. Deshalb haben wir&#8217;s nicht so mit dem Erhabenen. Und wegen des unvermeidlich an seiner Seite wandelnden Geistesbruder, der Humorlosigkeit. Wer sich gedanklich herausgefordert f\u00fchlt, eine Debatte f\u00fchren will, der sucht automatisch nach Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit wird in aller Regel mit Witz, Schlagfertigkeit, Ironie und all den andern Formen aus der rhetorischen Kampfschatulle errungen. Wenn diese durch Worth\u00fclsen, Chronistenjargon und Gesellschaftsklatsch ersetzt werden, dann wird Kunst zur bombastischen Leerformel.<\/p>\n<p> Leben in die musikalische Bude kommt, wenn Auseinandersetzungen gef\u00fchrt und Meinungen vertreten werden. Es m\u00fcssen ja nicht gleich Aufforderungen zum Duell sein, wie sie Strawinskys \u00abSacre du printemps\u00bb angeblich noch provozierte. Und auch nicht die autorit\u00e4ren Elitediskurse des Avantgarde-Zirkus der sechziger Jahre. Auch das zeitgen\u00f6ssische Musikschaffen kann die aktuellen sozialen, politischen und wissenschaftlichen Fragen aufgreifen \u2212 und dies beileibe nicht nur als Wir-tun-so-als-ob des zeitgen\u00f6ssischen Musiktheaters f\u00fcr die Kulturschickeria.<\/p>\n<p> Einen wesentlichen Beitrag dazu, Kunstmusik mehr als lebendige Auseinandersetzung und weniger als steriles Luxusgut zu sehen, d\u00fcrften k\u00fcnftige Sponsoring-Strategien leisten. Kunstmusik sollte f\u00fcr Werte wie intellektuelle Offenheit, Risikobereitschaft und Innovationskraft stehen und diejenigen Sponsorengruppen anziehen, die solche verk\u00f6rpert haben m\u00f6chten. Die Finanzinstitute \u2212 die heutige Hauptgruppe der Geldgeber \u2212 betonen in vielem ja eher das Gegenteil: Sicherheit, Planbarkeit und Risikophobie. Als Festival-, Konzert- und Ensemble-Sponsoren sollten also vermehrt die Vertreter der Industrie angesprochen werden. Die Banken scheinen sich ohnehin mehr und mehr aus allem, was nicht gerade die ganz grossen Kisten sind, zur\u00fcckzuziehen, wie die Beispiele des Verbier Festivals und j\u00fcngst der Kyburgiade (siehe <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/nachrichten_ind2.php?art=5177\">Nachricht<\/a>) zeigen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 04.07.2008 &#8212; Regelm\u00e4ssige Leser werden es schon festgestellt haben: Wir haben&#8217;s nicht so mit dem Erhabenen.&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-393","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/393","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=393"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/393\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=393"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=393"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=393"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}