{"id":394,"date":"2014-01-11T09:27:49","date_gmt":"2014-01-11T09:27:49","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-v-musikalisches-erlebnis\/"},"modified":"2014-01-11T09:27:49","modified_gmt":"2014-01-11T09:27:49","slug":"sommerspiel-v-musikalisches-erlebnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-v-musikalisches-erlebnis\/","title":{"rendered":"Sommerspiel V: musikalisches Erlebnis"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">18.07.2008 &#8212; Weshalb gilt moderne Kunst als trendy, Neue Musik hingegen nicht? Weshalb ist in der bildenden Kunst das zeitgen\u00f6ssische Schaffen angesagt, in der Kunstmusik aber nicht? Es gibt daf\u00fcr offensichtliche Gr\u00fcnde: Moderne Kunst kann man st\u00fcckweise kaufen, als Objekte zur M\u00f6blierung eines Hauses und damit als Statussymbol nutzen. Da dies zur Zeit offenbar viele Aufsteiger aus Osteuropa und Asien tun, explodieren die Preise auf dem Kunstmarkt, und da dies alles auf Musik nicht zutrifft, kann mit Urauff\u00fchrungen nicht in vergleichbarer Art Umsatz gebolzt werden.<\/p>\n<p> Zudem kommt bildende Kunst den Bed\u00fcrfnissen der Eventgesellschaft besser entgegen als Musik: Ein Bild, eine Plastik oder eine Installation k\u00f6nnen in Sekundenbruchteilen erfasst werden, und an einer Vernissage k\u00f6nnen die Besucher w\u00e4hrend der Kunstbetrachtung miteinander in Kontakt treten \u2212 smalltalken, sich austauschen, diskutieren, sich zuprosten, die Farbe des Kleides der Gastgeberin kommentieren, Orangensaft schl\u00fcrfen&#8230;<\/p>\n<p> F\u00fcr Singles, eine der wichtigsten Gruppen der Ausgehgesellschaft, sind Vernissagen und Ausstellungen \u00fcberdies eine willkommene Plattform der Begegnung, bietet doch die gemeinsame Betrachtung von Kunstobjekten eine erstklassige Gelegenheit, mit Fremden ungezwungen und unverf\u00e4nglich ein Gespr\u00e4ch aufzunehmen.<\/p>\n<p> Urauff\u00fchrungen stellen diese Machtverh\u00e4ltnisse zwischen Kunst und Betrachter dummerweise auf den Kopf: Die Musik bestimmt, wann sie wahrgenommen werden will (n\u00e4mlich w\u00e4hrend ihrer Auff\u00fchrung) und sie verbittet sich dabei den Austausch zwischen den Zuh\u00f6rern \u2212 eine Zumutung f\u00fcr alle, die nichts so sehr hassen wie Fremdbestimmung, und dazu geh\u00f6rt eben auch die Ausgehgesellschaft. Mit andern Worten: Im Buhlen um Aufmerksamkeit hat die Neue Musik kein gutes Blatt in der Hand.<\/p>\n<p> Deshalb sind popul\u00e4re Formen der Musik \u2212 Pop, Rock, Techno und Kastelruther Spatzen \u2212 so beliebt: W\u00e4hrend ihrer Konzerte k\u00f6nnen die Zuh\u00f6rer sich austauschen (verbal und k\u00f6rperlich) und wenn es ihnen zu bunt wird, problemlos mitten in einer Darbietung aufstehen, die Toilette aufsuchen, ein Bier trinken oder den Bratwurststand ausfindig machen. Das sind zwar relativ simple Vergn\u00fcgungen, aber \u2212 seien wir mal ehrlich \u2212 so richtig behaglich wird das Leben halt eben erst, wenn man in entspanntem und friedvollem Ambiente die einfachen Bed\u00fcrfnisse befriedigen kann, ob man nun Fussballfan ist oder sich im Museum lieber \u00fcber die Befindlichkeit der Postmoderne als Metapher der br\u00fcchigen Wissensgesellschaft verbreitet. Wenn an Vernissagen statt Bier Prosecco und statt Bratwurst baskische Tapas gereicht werden, im Endeffekt geht\u2019s ums Gleiche wie beim Gig der Rolling Stones.<\/p>\n<p> Was der intellektuell anspruchsvollen Neuen Musik fehlt, ist diese Basis der bodenst\u00e4ndigen Popularit\u00e4tsgewinnung, das Happening, ein Ort, an dem man sich trifft, sich austauscht und ab- und zuh\u00f6ren kann \u2212 umgeben von Weltklasse-Erzeugnissen des zeitgen\u00f6ssischen Kunstschaffens, zu Zeitpunkten, die man selber ausw\u00e4hlen kann und mit der M\u00f6glichkeit der Kommunikation mit Freunden und denen, die man gerne als solche sehen w\u00fcrde. Es fehlt das bodenst\u00e4ndige Erlebnis, das neben der unabdingbaren musikalischen Bildung in der Schule breiteren Kreisen den Zugang zu den anspruchsvollen Werken der Kunstmusik schafft. Es fehlt ein Ersatz f\u00fcr die Gelegenheiten, die fr\u00fcher daf\u00fcr gesorgt haben: Kirchgang und Kirmes.<\/p>\n<p> Es fehlen aber auch die Werke, die f\u00fcr solche Anl\u00e4sse komponiert w\u00fcrden, intelligente, freche, verspielte Musik, die neugierig machen w\u00fcrde auf Anspruchsvolleres. Nicht zuletzt deshalb haben die Ausl\u00e4ufer der gehobenen Salonmusik \u2212 Tango, Flamenco, Son, Klezmer, Neue Volksmusik und so weiter \u2212 Konjunktur: Weil sie geerdete, emotionale und doch musikalisch raffinierte Erlebnisse erm\u00f6glichen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 18.07.2008 &#8212; Weshalb gilt moderne Kunst als trendy, Neue Musik hingegen nicht? 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