{"id":395,"date":"2014-01-11T09:28:19","date_gmt":"2014-01-11T09:28:19","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-vi-paradox-der-qualitaet\/"},"modified":"2014-01-11T09:28:19","modified_gmt":"2014-01-11T09:28:19","slug":"sommerspiel-vi-paradox-der-qualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/sommerspiel-vi-paradox-der-qualitaet\/","title":{"rendered":"Sommerspiel VI: Paradox der Qualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">01.08.2008 &#8212; Journalisten kennen so etwas wie das Paradox der Qualit\u00e4t. Man kann es in eine recht einfache Formel packen: Die Relevanz eines Textes verh\u00e4lt sich reziprok zu seiner Beachtung. Ein \u00fcber Wochen von einem ganzen Team aufwendig recherchierter Hintergrundbericht, der erstmals tieferliegende Gr\u00fcnde aktueller Wirtschaftsprobleme aufsp\u00fcrt, wird von einigen wenigen Spezialisten zur Kenntnis genommen; ein Papparazzi-Bild einer Schauspielerin, die beim Verlassen eines angesagten In-Lokals erwischt wird, l\u00e4sst die Zugriffszahlen in die H\u00f6he schnellen. Ein sorgsam durchdachter Leitartikel wird ignoriert, der schnell hingeworfene Klatsch zur angeblichen Liaison eines Politikers l\u00e4sst die Mailbox \u00fcberquellen.<\/p>\n<p> Das Paradox der Qualit\u00e4t gilt auch f\u00fcr Kunstmusik. Zeitgen\u00f6ssische, experimentelle Komponisten (und Jazzmusiker), die sich \u00fcber mangelnde Resonanz beklagen, werden \u2212 ohne es sich bewusst zu sein \u2212 zu ihrem Opfer, Programmdirektoren wissen darum, wenn sie statt Sch\u00f6nbergs Variationen f\u00fcr Orchester Holsts Planeten ins Programm des Abokonzertes aufnehmen. Das Paradox der Qualit\u00e4t ist auch daf\u00fcr verantwortlich, dass in Sachen Qualit\u00e4tsmusik immer wieder eine Krise gef\u00fchlt wird, die in Tat und Wahrheit keine ist \u2212 im Gegenteil: Diagnostizieren muss man eher schon ein Paradox der Vielfalt: Weil immer mehr kompromisslose und innovative Musik geschrieben wird, findet das einzelne Werk trotz einem wachsenden Publikum eine immer kleinere Fangemeinde. In der F\u00fclle erodiert der Ereignischarakter, die einzelne Urauff\u00fchrung wird nicht mehr zum gesellschaftlichen Thema.<\/p>\n<p> Das Ph\u00e4nomen des zersplitterten Liebhabermarktes ist auch in der Internetgemeinde ein Thema: Da macht sich zur Zeit die Legende des sogenannten \u00abLong Tail\u00bb breit. Sie geht auf ein Buch des amerikanischen Journalisten Chris Anderson aus dem Jahr 2004 zur\u00fcck (\u00abThe Long Tail \u2013 der lange Schwanz. Nischenprodukte statt Massenmarkt \u2013 Das Gesch\u00e4ft der Zukunft\u00bb, auf Deutsch beim Hanser-Verlag 2007 erschienen). Die These: Wegen der niedrigen Distributions- und Marketingkosten im Web sollen Nischenprodukte \u2212 insbesondere Musik \u2212 kommerziell interessant werden, deren Verkauf im konventionellen Verkaufsgesch\u00e4ft ein ung\u00fcnstiges Kosten\/Nutzen-Verh\u00e4ltnis ergeben und deshalb dort kaum abgesetzt werden. <\/p>\n<p> Eine Studie der Marketingspezialistin Anita Elberse von der renommierten Harvard Business School hat den Long Tail nun aber als Mythos entlarvt. Tats\u00e4chlich f\u00fchrt das im Vergleich zum Laden um die Ecke viel breitere Angebot von Onlineshops dazu, dass von einem einzelnen Nischenprodukt noch weniger Exemplare abgesetzt werden. Die Zahlen, welche die Marktforscherin Nielsen SoundScan vorlegt, sind beinahe schon schockierend zu nennen: Von den 2007 online (haupts\u00e4chlich durch den iTunes-Shop) verkauften digitalen Titel fanden 24 Prozent bloss einmal (!) einen K\u00e4ufer; 91 Prozent \u2212 immerhin 3,6 Millionen verschiedene Titel \u2212 wurden weniger als 100 Mal verkauft.<\/p>\n<p> Damit reproduziert das Internet die Vorg\u00e4nge im Konzertsaal: Ein immer reichhaltigeres Angebot und bessere Rahmenbedingungen f\u00fchren zu einem \u00dcberangebot, welches das Niveau der Produktion tendenziell zwar steigert, aber daf\u00fcr verantwortlich ist, dass dem einzelnen Werk weniger Beachtung zukommt. Je anspruchsvoller dieses ist, umso mehr verst\u00e4rkt sich der Effekt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 01.08.2008 &#8212; Journalisten kennen so etwas wie das Paradox der Qualit\u00e4t. 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