{"id":399,"date":"2014-01-11T09:30:41","date_gmt":"2014-01-11T09:30:41","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-soziale-sicherheit-der-kuenstler\/"},"modified":"2014-01-11T09:30:41","modified_gmt":"2014-01-11T09:30:41","slug":"die-soziale-sicherheit-der-kuenstler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/die-soziale-sicherheit-der-kuenstler\/","title":{"rendered":"Die soziale Sicherheit der K\u00fcnstler"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">26.09.2008 &#8212; Dieser Tage wird im Schweizer Nationalrat neben dem Kulturf\u00f6rderungsgesetz auch die Frage der sozialen Sicherheit der Kulturschaffenden diskutiert. Das Zeitbudget f\u00fcr alles zusammen betr\u00e4gt laut Sitzungsplan rund vier Stunden. Der gr\u00f6ssere Teil d\u00fcrfte f\u00fcr Polemik aus der rechtsb\u00fcrgerlichen Ecke (\u00abKultur ist Sache der Kultur!\u00bb) und Bedenken der Finanzpolitiker (\u00abKostenneutralit\u00e4t! Eigenverantwortung!\u00bb) draufgehen. Man kann sich an den Fingern abz\u00e4hlen, welches Gewicht die Altersvorsorge und der Schutz vor Arbeitslosigkeit der Schweizer K\u00fcnstler und Kreativen in dem Rat haben d\u00fcrfte. Ausser dem Trauerspiel der Demontage eines Bundesrates interessiert die Volksvertreter zur Zeit n\u00e4mlich vor allem <em>ein<\/em> Thema: Die Bew\u00e4ltigung der Krise auf dem Finanzmarkt. Interessant ist allerdings, dass die Forderungen, die da nun gestellt werden, im Grunde genommen dieselben sind, wie diejenigen der Kulturschaffenden, und dass da alles irgendwie zusammenh\u00e4ngt. <\/p>\n<p> So hat etwa Nationalrat Ruedi Noser in einer \u00abArena\u00bb des Schweizer Fernsehens dringlich (und nat\u00fcrlich richtigerweise) darauf hingeweisen, dass die Wirtschaft Sicherheit \u00fcber die k\u00fcnftigen Entwicklungen brauche. Stabilit\u00e4t sei kritisch, um Unternehmen dazu zu motivieren, in ihre Entwicklung zu investieren. Genau dies ist im Grunde genommen aber auch das Kernproblem eines K\u00fcnstlers.<\/p>\n<p> \u00abKonventionelle\u00bb Unternehmen bringen Gesch\u00e4ftspl\u00e4ne zu Papier, deren Grundlinien entlang sie ihr Gesch\u00e4ft weitertreiben. Dabei k\u00e4mpfen sie mit viel Unw\u00e4gbarkeiten, und selten erreichen sie am Schluss die Ziele, die sie sich gesetzt haben. Dennoch ist das Instrument des Gesch\u00e4ftsplanes mehr oder weniger brauchbar, sonst w\u00e4ren die Dinger nicht so popul\u00e4r.<\/p>\n<p> Die kreative Entwicklung eines K\u00fcnstlers folgt jedoch beinahe vollkommen chaotischen Gesetzen (sie erreicht ihre Ziele, das muss auch einmal gesagt werden, bei gen\u00fcgend Talent am Schluss aber genauso). Um investieren zu k\u00f6nnen \u2212 und Investieren heisst bei K\u00fcnstlern in der Regel \u00fcber Zeit und seelisches Gleichgewicht zu verf\u00fcgen, um der Kreativit\u00e4t freien Lauf lassen zu k\u00f6nnen \u2212 m\u00fcssten sie auch Sicherheit \u00fcber ihre zu erwartenden Eink\u00fcnfte haben. Sonst tun sie dies genauso wenig wie das KMU f\u00fcr Autozubeh\u00f6r oder das B\u00fcro f\u00fcr Wirtschaftspr\u00fcfungen.<\/p>\n<p> Nun gehen Sie als K\u00fcnstler mal zu einer Bank, die nach den Kreditlinien von Basel II arbeiten muss, und erkl\u00e4ren Sie ihrem Kreditberater, dass Sie in den kommenden sechs Monaten mit einem Einkommen von soundsoviel Franken rechnen, weil sie wahrscheinlich eine Skulptur \u00fcberarbeiten werden, die ihr Galerist vielleicht wiederum an einer Gruppenausstellung an einen Sammler verkaufen kann, dass sie aber m\u00f6glicherweise auch eine Schaffenskrise haben werden, aus der daf\u00fcr im n\u00e4chsten Jahr eine spektakul\u00e4re Installation resultieren wird, die ihnen den kantonalen Kulturpreis oder ein Werkjahr der Pharmaindustrie eintragen wird.<\/p>\n<p> Wenn der Kreditberater Humor hat, wird er mit ihnen gemeinsam herzlich \u00fcber ihren Gesch\u00e4ftsplan lachen und dann versuchen, sie als Kleinsparer zu gewinnen. Wenn nicht, k\u00f6nnen sie auch die Hoffnung aufgeben, jemals Stipendiat der Stiftung der Bank zu werden, zu deren Werkbeitrags-Verleihung der Bankdirektor sch\u00f6ne Worte dar\u00fcber finden wird, wie ihre Skulpturen das Raum-Erleben g\u00e4nzlich neu definieren, die Wahrnehmung in bislang ungekannte Dimensionen f\u00fchren und das Menschliche in der Dreidimensionalit\u00e4t auf zwingende Art neu entdecken etc. etc. <\/p>\n<p> In der Start-up-Szene spricht man von der Phase zwischen Produktentwicklung und Unternehmenswachstum vom sogenannten \u00abDeath Valley\u00bb, weil f\u00fcr den da f\u00e4lligen Schritt der Markteinf\u00fchrung von Produkten keiner Knete rausr\u00fcckt. Es gibt dieses Todestal auch f\u00fcr K\u00fcnstler, und nicht wenige durchqueren es mit Hilfe von Auftr\u00e4gen, die sie von etablierten Kreativunternehmen (Werbern, Medien, Webagenturen, Computerspiel-Produzenten und so weiter) erhalten. Diese wiederum vergeben solche Auftr\u00e4ge, wenn sie selber \u00fcber Geld verf\u00fcgen, mit dem sie ihre eigene Entwicklung weitertreiben k\u00f6nnen. Ihre Gesch\u00e4ftspl\u00e4ne sind aber leider auch nicht gerade der Stoff, aus dem die Herzensw\u00fcnsche von Risikokapital-Gebern geformt werden. Letztere wollen auch Planungssicherheit und zudem hohe Renditeaussichten. Na ja, Fehlanzeige.<\/p>\n<p> Dass die Kreativwirtschaft \u00fcber eigene Formen der F\u00f6rderung verf\u00fcgen muss, hat sich in unserem n\u00f6rdlichen Nachbarland herumgesprochen: Die Investitionsbank Berlin (IBB) ist von der Berliner Senatsverwaltung mit der humorverd\u00e4chtigen Zusatzbezeichnung \u00abf\u00fcr Wirtschaft, Technologie und Frauen\u00bb (die heisst aber wirklich so, Ehrenwort!) vor kurzem damit beauftragt worden, spezielle F\u00f6rderangebote f\u00fcr die Kreativwirtschaft anzubieten.<\/p>\n<p> Umfassen sollen diese die Auflage eines Fonds f\u00fcr Beteiligungskapital, Zwischenfinanzierungen f\u00fcr Spiele-Entwickler und Coaching-Angebote f\u00fcr die Kreativbranche. So etwas w\u00fcrde auch der Schweizer Kreativszene guttun. Wenn man dabei gleich noch Auflagen zur Ber\u00fccksichtigung der Sozialversicherungs- und Vorsorgebed\u00fcrfnisse der indirekt an diesem Tropf h\u00e4ngenden Nachwuchsk\u00fcnstler machen w\u00fcrde, w\u00e4re auch ein wichtiger Schritt getan. So k\u00f6nnte man K\u00fcnstler in jungen Jahren im Todestal, in dem sie an alles ausser an ihre soziale Sicherheit denken, ans Thema heranf\u00fchren und sie finanziell in dieser Hinsicht bereits etwas polstern. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 26.09.2008 &#8212; Dieser Tage wird im Schweizer Nationalrat neben dem Kulturf\u00f6rderungsgesetz auch die Frage der sozialen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-399","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/399","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=399"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/399\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}