{"id":40,"date":"2014-01-06T10:18:22","date_gmt":"2014-01-06T10:18:22","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktheorie-vs-musikpsychologie\/"},"modified":"2014-01-06T10:18:22","modified_gmt":"2014-01-06T10:18:22","slug":"musiktheorie-vs-musikpsychologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktheorie-vs-musikpsychologie\/","title":{"rendered":"Musiktheorie vs. Musikpsychologie"},"content":{"rendered":"<p>13.06.2006<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><strong>Ein akademischer Streit erregt zur Zeit die Gem\u00fcter europ\u00e4ischer Musik\u00e4sthetiker. Zur Diskussion steht der Erkenntniswert musiktheoretischer Konzepte. Die Auseinandersetzung ist Symptom eines schleichenden Paradigmenwechsels in Musikpsychologie und Musiktheorie.<\/strong><\/p>\n<p> Im renommierten \u00abMusic Theory Spectrum\u00bb, dem wissenschaftlichen Organ der amerikanischen Society for Music Theory, liefern sich der finnische Musikpsychologe Erkki Huovinen und der israelische Musiktheoretiker Eytan Agmon \u00fcber zwei Nummern ein ungewohnt hitziges, ja phasenweise geh\u00e4ssiges Gefecht \u00fcber den Wert und die Deutung experimenteller Daten, die Huovinen in seiner Dissertation <em>Pitch Class Constellations: Studies in the Perception of Tonal Centricity<\/em> pr\u00e4sentiert. <\/p>\n<p> Weshalb die hohen Wogen? Huovinen selber charakterisiert seine Dissertation als \u00abexperimentelle Studie zur subjektiven Wahrnehmung lokaler tonaler Zentren in ungewohnten melodischen Umgebungen\u00bb. Sie sei, f\u00fcgt er hinzu, von der \u00dcberzeugung motiviert worden, dass gewisse Klassen von Problemen \u2013 namentlich solche der mentalen Realit\u00e4t musiktheoretischer Konstrukte \u2013 nicht mit den Mitteln der Musiktheorie selber beantwortet werden k\u00f6nnten. <\/p>\n<p> Der experimentelle Ausgangspunkt Huovinens bildet das ber\u00fchmte und vieldiskutierte Probeton-Verfahren der amerikanischen Musikpsychologin Carol Krumhansl, ein Schl\u00fcsselexperiment zur musikalischen Kognition aus den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Ziel des Verfahrens ist, Hierarchien in der Wahrnehmung der unterschiedlichen Tonstufen einer Tonleiter experimentell zu ermitteln: Versuchspersonen werden Skalen vorgespielt, deren abschliessender Grundton fehlt. Im Anschluss an die Reihe wird immer wieder ein anderer Schlusston pr\u00e4sentiert, mit der Aufforderung, auf einer Skala anzugeben, wie gut der Ton als Abschluss zu der Skala passt. Damit soll auf quantitative, experimentelle Art festgestellt werden, wie \u00abnah\u00bb oder \u00abentfernt\u00bb T\u00f6ne einer Tonleiter zueinander empfunden werden (die Quinte wird dabei in der Regel als sehr nahe zum Grundton bewertet, der Tritonus hingegen als sehr fern und so weiter). <\/p>\n<p> Huovinen diagnostiziert dem Verfahren mehrere methodische Schwierigkeiten. So bem\u00e4ngelt er, dass die Stimuli in den Probeton-Reihen weitgehend diatonischen Charakter haben. Es sei \u2013 meint er \u2013 deshalb nicht auszuschliessen, dass die Antwort der Probanden als Effekt des Kurzzeitged\u00e4chtnisses zustandekommt und nicht als Ausdruck einer Repr\u00e4sentation von Tonverh\u00e4ltnissen aufgrund innerer Schablonen im Langzeitged\u00e4chtnis. Zudem, gibt er zu bedenken, reflektierten die Antworten nicht zwingend das H\u00f6ren tonaler Zentren.<\/p>\n<p> Um diese methodischen Stolperfallen zu vermeiden, entwickelt Huovinen im Rahmen seiner Dissertation Stimuli, die m\u00f6glichst keine innere Ordnung aufweisen und\/oder mit Hilfe einschl\u00e4giger statistischer Methoden der Psychologie \u00abnormalisiert\u00bb, das heisst von verf\u00e4lschenden strukturellen Effekten gereinigt werden. So pr\u00e4sentiert er die T\u00f6ne des Stimulus zum Beispiel in relativ rascher Folge in zuf\u00e4lliger Anordnung und bittet die Versuchspersonen anschliessend, denjenigen Ton zu singen, den sie als Grundton der geh\u00f6rten Ansammlung von T\u00f6nen betrachten. Bei der Auswertung des Materials kommt er zum Schluss, dass zur Konstitution einer diatonischen Struktur die herausragende Stellung des Quintintervalls ausreicht.<\/p>\n<p> <strong>Musiktheorie vs. psychologische Experimente<\/strong><\/p>\n<p> So weit so gut. \u00dcber ihre eigentliche Thematik hinaus interessant wird die relativ trocken anmutende Doktorarbeit, weil sie Eytan Agmon zum Anlass nimmt, in einer Rezension eine grunds\u00e4tzliche Attacke gegen die Musikpsychologie zu reiten. Agmon, der sich als Mengentheoretiker mit Untersuchungen zur Theorie der Diatonik einen Namen gemacht hat, wirft Huovinen vor, die Bedeutung der Musiktheorie als Beitrag zu einer Theorie des Geistes herunterzuspielen. Sauer st\u00f6sst ihm etwa die Aussage des finnischen Kollegen auf, ein koh\u00e4rentes Konzept der Tonalit\u00e4t sollte nicht auf Kriterien basieren, die in den Begriffen der Musiktheorie formuliert seien. Damit w\u00fcrden n\u00e4mlich, so Huovinen, die Resultate der Experimente bereits vorweggenommen, die ja eben die Frage, wie Tonalit\u00e4t in der Kognition wahrgenommen wird oder sich dort konstituiert, erst beantworten sollten. Musiktheorie ohne konkrete Verbindung zu empirischen Pr\u00fcfverfahren &#8211; schreibt Huovinen weiter &#8211; neige dazu, sich obessiv in monolithische Abstraktionen zu fl\u00fcchten, die individuelle Wahrnehmungen in ihrer Konsequenz missachteten.<\/p>\n<p> Agmon l\u00e4sst dies nicht gelten. Huovinen verkenne, widerspricht er, dass Musik vollst\u00e4ndig im Kopf stattfinde und Musiktheorie damit automatisch zu einer Theorie des Geistes werde. Er r\u00e4umt zwar ein, dass die kognitiven Randbedingungen in der Musiktheorie \u2013 etwa die Art, wie Tonstufen unterschiedlich gewertet werden \u2013 bloss intuitiv, informell und introspektiv gewonnen werden. Dies sei aber im Grunde genommen die angemessene Wahl der Mittel. Zur Verteidigung dieser Haltung ruft er den Linguisten Noam Chomksy in Erinnerung. In einer seiner Schriften hat dieser davor gewarnt hat, Theorien exakter zu fassen, als es der Gegenstand erfordert. <\/p>\n<p> Das Argument greift allerdings zu kurz. Agmon l\u00e4sst dabei n\u00e4mlich unber\u00fccksichtigt, dass sich die linguistischen Strukturen, die Chomsky bei seinen \u00c4usserungen im Auge hat, von tonalen Strukturen erheblich unterscheiden: Das Verstehen einer verbalen Grammatik ist Sache des logischen Schliessens, das Bewerten der Qualit\u00e4t von Tonstufen ist demgegen\u00fcber (nicht nur, aber weitgehend) Sache der sinnlichen Wahrnehmung, die zur empirischen Forschung deutlich n\u00e4her ger\u00fcckt werden muss. <\/p>\n<p> Agmons Philippika m\u00fcndet in eine allgemeine Abrechnung mit der Musikpsychologie. Sie spreche, moniert er, der Musiktheorie das Recht ab, Modelle zur Struktur von Musik zu entwerfen, die nicht unbedingt empirisch verifizierbar seien. Dabei versteigt er sich zur abenteuerlichen Behauptung, dass so etwas wie die Unschuldsvermutung der Rechtssprechung auch f\u00fcr Theorien gelte und man diese so lange als wahr zu betrachten habe, als ihre Falschheit nicht bewiesen sei.<\/p>\n<p> In letzter Konsequenz w\u00fcrde eine solche Argumentation zum Schluss f\u00fchren, dass alle Theorien, die sich prinzipiell nicht beweisen lassen, als wahr angenommen werden m\u00fcssten. Damit ist das von Agmon beschworene Konzept der Falsifizierbarkeit von Popper aber ins Gegenteil verdreht. Denn gerade diese Unart der Metaphysik, sich dem Tribunal der Erfahrung durch prinzipielle Nichtnachpr\u00fcfbarkeit zu entziehen und a priori Wahrheit f\u00fcr sich zu beanspruchen, wird von dem englischen Philosophen ja gebrandmarkt. <\/p>\n<p> Mit der Frage der Fasifizierbarkeit musiktheoretischer Konzepte st\u00f6sst die Diskussion zu ihrem eigentlichen Kern vor. So bezweifelt Huovinen mit einem gewissen Recht den wissenschaftlichen Wert einer Theorie der Diatonik, wenn sie dem H\u00f6rer zugesteht, je nach dessen tonalem Bezugsrahmen ein Ereignis auf verschiedene Arten zu \u00abh\u00f6ren\u00bb \u2013 etwa einen Mollseptakkord als Umkehrung eines Durakkordes, der mit einer Sexte angereichert ist (Rameaus \u00absixte ajout\u00e9e\u00bb). Agmon zeigt sich gegen\u00fcber derartigen, ad hoc anmutenden Deutungsfreiheiten von H\u00f6rerlebnissen aber sogar noch freiz\u00fcgiger. So l\u00e4sst er selbst Deutungen von Tonerlebnissen zu, die chromatische Alterationen zurechtr\u00fcckt, um einen bestimmten tonalen Bezugsrahmen gelten zu lassen.<\/p>\n<p> Nach diesem Verfahren l\u00e4sst sich \u2013 entgegnet Huovinen denn auch prompt \u2013 praktisch jede Tonreihe in jede tonale Umgebung hineinh\u00f6ren, womit die M\u00f6glichkeiten empirischer \u00dcberpr\u00fcfung von theoretischen Behauptungen zumindest arg untergraben werden (nach dem in Theoriekolloquien oft geh\u00f6rten vers\u00f6hnlichen, aber nicht wirklich kl\u00e4renden Motto: \u00abich h\u00f6r\u2019s so, du h\u00f6rst\u2019s anders, was soll\u2019s&#8230;\u00bb) <\/p>\n<p> <strong>Die notorischen Vorw\u00fcrfe der Inkompetenz<\/strong><\/p>\n<p> Agmons Kritik an Huovinens Dissertation scheint typisch f\u00fcr die Haltung von Musiktheoretikern, die den Musikpsychologen Unkenntnis ihres Faches vorwerfen, aber selber nicht recht zu verstehen scheinen, wie das Zusammenspiel empirischer Theorien und experimenteller Verfahren funktioniert. Dem Misstrauen muss \u2013 aufgrund einer Verunsicherung? \u2013 gar ein Zug der Selbstuntersch\u00e4tzung attestiert werden. Kreative, subtile und fantasiereiche Sch\u00f6pfungen der Musiktheorie haben in einem wissenschaftlich-empiristischen Rahmen n\u00e4mlich durchaus einen bedeutenden Platz. Die Psychologen sind auf die theoretische Arbeit ihrer Kollegen von der Front der deduktiven Analyse sogar dringend angewiesen.<\/p>\n<p> Allerdings werden die Musiktheoretiker, die bereit sind, den echten Dialog mit der Musikpsychologie zu f\u00fchren, bereit sein m\u00fcssen, ihre Arbeitsweise gewissermassen auf den Kopf zu stellen: Die bisherigen Voraussetzungen der Theorien m\u00fcssen zu deren Schlussfolgerung werden. Es gen\u00fcgt eben nicht, nach dem gesunden Menschenverstand \u00abintuitiv und informell-introspektiv\u00bb Vorannahmen dar\u00fcber zu formulieren, wie der Mensch das musikalische Material strukturiert, und damit empirische Befunde in Form von Stammtischpsychologie quasi per Dekret vorwegzunehmen. In Tat und Wahrheit ist gerade das Umgekehrte zu leisten: Theorien \u00fcber die Struktur der Musik m\u00fcssen so formuliert werden, dass sich aus ihnen Beobachtungss\u00e4tze zur Frage ableiten lassen, wie der menschliche Geist aufgrund seiner physiologischen Beschaffenheit das musikalische Material strukturiert.<\/p>\n<p> Ans\u00e4tze dazu sind vorhanden. So zeigen etwa die epochalen Arbeiten von Fred Lerdahl und Ray Jackendoff zu einer generativen Theorie der tonalen Musik auf, wie aus schenkerschen Analysekonzepten falsifizierbare Beobachtungss\u00e4tze \u00fcber die Art formuliert werden k\u00f6nnen, wie der menschliche Geist musikalische Formen strukturiert \u2013 auch wenn die beiden in vielen Detailfragen dabei vorerst noch weitgehend gescheitert sein d\u00fcrften.<\/p>\n<p> <strong>Grundprobleme einer empirisch fundierten Musiktheorie<\/strong><\/p>\n<p> Auf dem Weg zu einer derart koordinierten und damit fruchtbaren Zusammenarbeit von Musiktheoretikern und Musikpsychologen stellen sich allerdings erhebliche, aber nicht prinzipiell un\u00fcberwindliche Schwierigkeiten. <\/p>\n<p> Die bisherigen Erfahrungen mit dem Design von psychologischen Experimenten zum Musikh\u00f6ren und der Diskussion der Resultate hat die Einsicht wachsen lassen, dass es sich dabei um eine wesentlich komplexere Sache handelt, als urspr\u00fcnglich angenommen. Die zentrale Herausforderung stellt der holistische Charakter des Musikerlebnisses dar. Alles ist beim H\u00f6ren von Musik mit allem eng verwoben und beeinflusst sich gegenseitig: der physiologische H\u00f6rvorgang, die kognitiven Konzepte, die der H\u00f6rer hat, die Hierarchisierungen von H\u00f6rerlebnissen, die sich in hohem Masse auf chaotische und fragmentarische Art konstituieren, die internalisierten theoretischen Konzepte musikalischer Vorbildung und so weiter. Kommt dazu, dass es sich dabei keineswegs um ein paar einfache Mechanismen handelt, sondern das holistische Ganze offenbar ein \u00fcberaus subtiler und komplexer Wahrnehmungs- und Kognitionsapparat darstellt.<\/p>\n<p> Die kognitive Musikpsychologie d\u00fcrfte damit erst dann zu einer wirklich zuverl\u00e4ssigen und empirisch fundierbaren Wissenschaft werden, wenn zwei Leistungen vollbracht sind: Zum einen muss es gelingen, musiktheoretische Konzepte zu entwickeln (der Anteil der Musiktheoretiker), aus denen sich empirisch \u00fcberpr\u00fcfbare Aussagen \u00fcber die Funktionsweise der Kognition ableiten lassen. Zum andern m\u00fcssen Experimente ausget\u00fcftelt werden (der Anteil der Musikpsychologen), mit denen sich einzelne Faktoren des holistischen Systems des H\u00f6rens zuverl\u00e4ssig isolieren lassen. <\/p>\n<p> Um Fontanes alten Papa Briest zu paraphrasieren: Da \u00f6ffnet sich ein \u00fcberaus weites Feld. Seine Bearbeitung verspricht als Ernte jedoch eine F\u00fclle an erkenntnistheoretischen und \u00e4sthetischen Einsichten.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\"> \u00abErkki Huovinen, <em>Pitch Class Constellations: Studies in the Perception of Tonal Centricity<\/em>. Finnish Musicological Society: Turku, 2002\u00bb, reviewed by Eytan Agmon, \u00abMusic Theory Spectrum\u00bb, Volume 26, No. 1, Spring 2004, University of California Press, ISSN 0915-6167<\/p>\n<p> \u00abColloquy: Two Arguments for the Mental Reality of Diatonicism: A Reply to Eytan Agmon\u00bb, Erkki Huovinen, \u00abMusic Theory Spectrum\u00bb, Volume 28, No. 1, Spring 2006 <\/p>\n<p> \u00abReply to Erkki Huovinen\u00bb, Eytan Agmon, \u00abMusic Theory Spectrum\u00bb, Volume 28, No. 1, Spring 2006<\/p>\n<p> Ein hervorragender Grundsatzartikel zum Thema: <br \/> \u00abPerception: A Perspective from Music Theory\u00bb von Nicholas Cook, in: <em>Musical Perceptions<\/em>, herausgegeben von Rita Aiello und John Sloboda, Oxford University Press, New York, 1994. ISBN 0-19-506475-5<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13.06.2006 Ein akademischer Streit erregt zur Zeit die Gem\u00fcter europ\u00e4ischer Musik\u00e4sthetiker. 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