{"id":404,"date":"2014-01-11T09:33:24","date_gmt":"2014-01-11T09:33:24","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musik-matura-erhaelt-schlechte-noten\/"},"modified":"2014-01-11T09:33:24","modified_gmt":"2014-01-11T09:33:24","slug":"musik-matura-erhaelt-schlechte-noten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musik-matura-erhaelt-schlechte-noten\/","title":{"rendered":"Musik-Matura erh\u00e4lt schlechte Noten"},"content":{"rendered":"<p><center><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"70\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\">05.12.2008 &#8212; Vor einigen Tagen hat das Institut f\u00fcr Gymnasial- und Berufsp\u00e4dagogik der Universit\u00e4t Z\u00fcrich einen Bericht zur Evaluation der Schweizer Maturit\u00e4tsreform 1995 (\u00abEvamar II\u00bb) vorgelegt (Details dazu finden sich unter dem URL <a href=\"http:\/\/www.sbf.admin.ch\/evamar\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.sbf.admin.ch\/evamar<\/a>). Es handelt sich um die Ergebnisse der zweiten Phase der \u00dcberpr\u00fcfung, wie sich die Neugestaltung der Schweizer Gymnasialausbildung auf die Leistungen der Mittelsch\u00fcler auswirkt. Dabei ist es um die \u00abobjektivierte Erfassung des Ausbildungsstandes der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler am Ende des Gymnasiums\u00bb gegangen.<\/p>\n<p> Wer die Resultate studiert, die von Absolventen mit Schwerpunktfach Musik erzielt worden sind, erlebt eine im ersten Moment b\u00f6se anmutende \u00dcberraschung: Die \u00abMusik-Maturanden\u00bb erzielen mit Blick auf die erhobenen Resultate f\u00fcr Erstsprache, Mathematik und Biologie n\u00e4mlich durchs Band weg unterdurchschnittliche Leistungen.<\/p>\n<p> Behindert die Besch\u00e4ftigung mit Musik also die intellektuelle Entwicklung, anstatt sie zu f\u00f6rdern? Man k\u00f6nnte es meinen. Aber nur im ersten Moment. Denn wenn man die Resultate in einen gr\u00f6sseren Zusammenhang stellt, relativieren sie sich. Es sind n\u00e4mlich nicht nur die Musik-Maturanden, die vergleichsweise bescheidene Leistungen erbringen, sondern auch diejenigen der Schwerpunktf\u00e4cher \u00abPhilosophie\/P\u00e4dagogik\/Psychologie\u00bb und \u00abBildnerisches Gestalten\u00bb, also alle, die ihre Interessen eher auf den Gebieten haben, die gemeinhin als musische oder humanistische gelten.<\/p>\n<p> Muss nun also der Schluss gezogen werden (einige Politiker tun dies leider bereits), dass die \u00abweichen\u00bb F\u00e4cher zugunsten der \u00abharten\u00bb, n\u00e4mlich Mathematik, Naturwissenschaft und Sprachen eher zur\u00fcckgefahren werden sollten?<\/p>\n<p> Es w\u00e4re fatal. Die Ergebnisse lassen sich n\u00e4mlich auch anders interpretieren: Es k\u00f6nnte ja sein (und die t\u00e4gliche Erfahrung deutet tats\u00e4chlich auch darauf hin), dass die Vertreter musischer oder humanistischer F\u00e4cher \u2212 sowohl auf Seiten der Lehrer als auch der Sch\u00fcler \u2212 der Idee, Leistung zu erbringen, skeptischer gegen\u00fcberstehen, als diejenigen der harten Diszipline. Oder mit andern Worten: dass Musik, Philosophie, P\u00e4dagogik, Psychologie und bildnerisches Gestalten nicht mit der gleichen professionellen Konsequenz und weniger zielorientiert betrieben werden, als Mathematik, Chemie und Wirtschaftsf\u00e4cher.<\/p>\n<p> Es ist auch m\u00f6glich und w\u00fcrde durchaus ins g\u00e4ngige Bild passen, das von musisch orientierten Sch\u00fclern in der Bev\u00f6lkerung besteht, dass die am wenigsten leistungsbereiten Sch\u00fcler am ehesten die Schwerpunktf\u00e4cher \u00abPhilosophie\/P\u00e4dagogik\/Psychologie\u00bb, \u00abMusik\u00bb und \u00abBildnerisches Gestalten\u00bb w\u00e4hlen. Das k\u00f6nnte nat\u00fcrlich die Homogenit\u00e4t der zu vergleichenden Gruppen zerst\u00f6rt und zu statistischen Artefakten gef\u00fchrt haben, die \u00fcber den Zustand der F\u00e4cher und ihre faktische Bedeutung f\u00fcr die Allgemeinbildung nichts aussagen.<\/p>\n<p> Man k\u00f6nnte die Resultate auch aus einem andern Grund als Artefakt betrachten: Es m\u00fcsste ja auf der Hand liegen, dass die Vertreter der weichen Diszipline schlechter abschneiden als diejenigen der harten, wenn vor allem die Leistungen in den harten zur Diskussion stehen. Dem steht beunruhigenderweise allerdings entgegen, dass die \u00abMusiker\u00bb gegen\u00fcber den \u00abNaturwissenschaftern\u00bb auch in der Beherrschung der Erstsprache tendeziell unterlegen sind.<\/p>\n<p> Man kann das Resultat m\u00f6glicherweise auch als Spiegel einer verh\u00e4ngnisvollen Mentalit\u00e4t sehen \u2212 dem \u00dcberbleibsel einer in linken wie rechten Kreisen verbreiteten wirtschafts- und wissenschaftskritischen P\u00e4dagogik \u2212, die Leistungsbereitschaft und Leidensdruck per se als Gefahr f\u00fcr die seelische Gesundheit des Menschen und als Mittel von Manipulation und Beherrschung betrachtet und davon ausgeht, dass das Kind oder der Heranwachsende einen \u00abSchonraum\u00bb braucht, bevor es ins harte Leben geht.<\/p>\n<p> Im Grunde genommen ist das eine Geringsch\u00e4tzung sowohl der betroffenen F\u00e4cher (so w\u00fcnschten sich etwa die Psychologen an den Universit\u00e4ten in Mathematik gut geschulte Maturanden als k\u00fcnftige Studierende, weil sich das methodische Instrumentarium des Faches halt eben an naturwissenschaftlichen Standards orientiert) als auch der Sch\u00fcler. Eine leistungsorientierte, fordernde Auseinandersetzung kann auch in F\u00e4chern wie Philosophie, Psychologie, bildnerischem Gestalten oder Musik die Mittelsch\u00fcler vitaler, selbstbewusster und unabh\u00e4ngiger machen und ihnen zu einem echten seelischen Gleichgewicht verhelfen.<\/p>\n<p> Die Ergebnisse von Evamar II sollten deshalb nicht den Schluss zulassen, dass die Besch\u00e4ftigung mit Musik, bildnerischem Gestalten und Philosophie der Lebenst\u00fcchtigkeit eher schaden, sondern vielmehr, dass die Art, wie sie am Gymnasium vermittelt und ins Ganze des Stoffes eingebettet werden, optimiert werden muss. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 420px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Der Musikphilosoph Wolfgang B\u00f6hler (M.A.) studierte an der Universit\u00e4t Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Wolfgang B\u00f6hler \u00a0 05.12.2008 &#8212; Vor einigen Tagen hat das Institut f\u00fcr Gymnasial- und Berufsp\u00e4dagogik der Universit\u00e4t Z\u00fcrich einen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-404","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/404","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=404"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/404\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=404"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=404"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}